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19.09.07

Neue Gratiszeitung .ch: Der Zeitungskrieg ist eröffnet

Seit heute erscheint .ch, die "Zeitung der Schweiz"; Gratiszeitung Nummer 3, wenn man Cash Daily mitzählt, sogar schon Nummer 4. Ein Qualitätsmedium will .ch sein. Schau'n wir mal.

punktch_kopf.jpg

6.55 Uhr: Rund um den Helvetiaplatz keine Spur von .ch. Vor einem Hauseingang neben dem "Hooters" steht einer der Verteilständer - leer. Dafür platzt gegenüber an der Haltestelle die 20minuten-Box aus den Nähten.

7.58 Uhr: Rund um den Helvetiaplatz keine Spur von .ch. Der Ständer neben dem Hooters ist weg. Die 20minuten-Box zu drei Vierteln leer.

8.10 Uhr: Am Stauffacher stehen drei Leute mit .ch. Und etwa zwanzig mit 20minuten. Einer liest heute von gestern abend. Die .ch-Box ist leer.

Aber eine Stunde früher waren noch zehn Exemplare drin; zwei davon hat Peter mitgenommen. Und die sehen wir uns jetzt mal genauer an.

Boulevardisierung, so könnte man meinen, müsste eine erfolgreiche Strategie sein, wenn man sich auf einen Markt mit bereits einer erfolgreichen Morgen-Gratiszeitung begibt. .ch will aber offenbar tatsächlich in die andere Richtung gehen: Nicht größere Buchstaben, lautere Headlines, schreiendere Bilder als beim Konkurrenten 20minuten gibt es, sondern klassischere Schriften, gedecktere Farben und gesetztere Themen. Das zeigt ein schneller Vergleich der heutigen Titelseiten:

Auf dem Titel von 20minuten: Ylenia, Champions League, Dignitas-Sterbezimmer, "Krieg der Pannenhelfer", Videowettbewerb der Fantastischen Vier.

Auf dem Titel von .ch: Wirtschaftsunterricht "für Kids", Zinssenkung, Ökostrom, Starkoch, Wintermode.

vgl_20min_punktch.jpg

Und das setzt sich auf den ersten Seiten des Innenteils fort: Zu den Titelthemen gesellen sich bei 20minuten Artikel um ein "kontroverses Alkoholverbot um das Letzigrund-Stadion" und eine mit Sexangeboten terrorisierte Ex-Miss-Ostschweiz; bei .ch ist die zweite Seite mit der Debatte um die Krankenkassen-Initiative der SVP belegt - inklusive eines Interviews mit SVP-Nationalrat Bortoluzzi. Ein Auszug:

.ch: "Sie wollen, dass Krankenkassen nicht mehr für Geburten bezahlen."

Bortoluzzi: "Das ist absurd und eine blosse Behauptung unserer Gegner."

.ch: "Keineswegs, der Bundesrat geht davon aus, dass die Initiative nur so umsetzbar ist."

Bortoluzzi: "Er täuscht sich."

Hoppla. Journalismus!

.ch glänzt zwar als Gratiszeitung im Tabloid-Format auch nicht mit langen Analysen und hintergründigen Dossiertexten, aber man nimmt dem Blatt tatsächlich ab, dass es mehr will als ein möglichst effizient produziertes Anzeigenumfeld zu schaffen.

Sogar der Artikel über das neue Chanel-Anzeigenmodel K*ira Kn*ghtley (um mal zu vermeiden, dass wieder 10.000 Googlebesucher von diesem Artikel hier enttäuscht werden), der mit ebenjener Chanel-Anzeige bebildert wurde, versucht, dem Ganzen noch einen journalistischen Dreh zu geben, indem das Prinzip der Testimonials psychologisch erklärt wird.

Möglicherweise wird zwar genau diese Ausrichtung zum Fehler, weil von den Anzeigenkunden nicht goutiert, aber als Leser lautet das schnelle Urteil: Für ein Gratisblatt ein erstaunlich ernsthafter Start.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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