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24.08.08

Neue Abos für den Spiegel: Ist der Inhalt ein Argument?

Die heutigen Glasperlen und Glitzersteine sind die Digicams und Uhren, die es zu einem Aboabschluss dazu gibt. Hat es Qualitätsjournalismus wirklich nötig, seine Leser mit Tand zu ködern?

Spiegel-UmfrageErst kürzlich hab ich mir mal wieder den Spiegel gekauft. Und aus Neugierde einen beiliegenden Briefumschlag geöffnet, in dem sich ein Brief von Michael Plasse (Leiter Leser-Befragung Spiegel-Verlag), ein mit "Das ist ihr großes Dankeschön-Paket" angeschriebener Fragebogen und ein Rückantwortcouvert ("Das Porto zahlen wir für Sie!") befand.

Herr Plasse schrieb:

Liebe SPIEGEL-Leserin, lieber SPIEGEL-Leser

Rekordstände beim Benzinpreis belasten nicht nur den Geldbeutel deutscher Autofahrer, sondern bedrohen auch zunehmend das Wirtschaftswachstum in unserem Land. Sollte die Politik einschreiten und mit einer Senkung der Mineralölsteuer reagieren?

Zu dieser und weiteren aktuellen Fragen möchte wir heute Ihre Meinung wissen. Machen Sie jetzt mit bei der grossen SPIEGEL-UMFRAGE III/2008, und sichern Sie sich ihr exklusives Dankeschön-Paket:

Ein "exklusives Dankeschön-Paket"? Bin ich da bei Yves Rocher gelandet? Bei Otto? Bei Quelle? Jedenfalls will mir Herr Plasse zwölf Spiegel-Ausgaben für 28 statt 42 Euro liefern, dazu ein hochwertiges Geschenk meiner Wahl sowie eine "Gewinnchance beim großen Gewinnspiel mit Preisen im Gesamtwert vom mehr als € 60.000,-!"

Ich sage ihm dafür, was ich denke, denn "Ihre Meinung ist uns wichtig!". Zum Beispiel zu Frage 3: "China gilt als wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands. Sollte die Bundesregierung dennoch zu Menschenrechtsverletzungen klarer Stellung beziehen?"

Wie das nun ausgewertet wird, kriegt man natürlich nicht mit. Neben den üblichen Zusicherungen zur Anonymität und zur Verschonung durch Werbetreibende erfährt man nur, dass die Informationen "für interne Zwecke" sind. Werde ich damit die Redaktion beeinflussen können? Wird der Chefredakteur in einigen Monaten vor seine Truppe stehen und sagen: "Freunde, gerade unsere Neuleser wollen, dass die Bundesregierung gegenüber den Menschenrechtsverletzungen in China klarer Stellung bezieht!". Oder "Freunde, wir müssen (Artikel schreiben, um) die Mineralölsteuer (zu) senken. Unsere Leser wollen das!"

Grundsätzlich halte ich es lobenswert, dass sich der Spiegel für die Meinung seiner Leser interessiert. Glaubwürdig wirkt das allerdings nur teilweise, denn er macht das nicht, ohne seinen Lesern gleichzeitig ein Abo aufschwatzen zu wollen. Dazu ködert er sie mit den heutigen Glasperlen und Glitzersteinen, einer "GRATIS zur Wahl" verschenkten Mini-Digitalkamera oder einer Uhr. Sogar den Fragebogen könnte man als psychologische Taktik verstehen. Die Wertschätzung der eigenen Meinung könnte dazu verführen, ein Abo abzuschliessen.

Ich glaube, rechtlich ist dieses Schreiben einwandfrei. Ich frage mich nur, ob es Qualitätsjournalismus tatsächlich nötig hat, seine Leser mit Digitalkameras, Gewinnchancen und Ermässigungen zu ködern. Ich jedenfalls ordere Abonnements von Printprodukten aus Überzeugung. Weil ich lesen will, was drin steht. Und nicht, weil ich eine Uhr dazu kriege, eine Hochseekreuzfahrt gewinnen könnte und dazu alles noch etwas billiger kriege. Etwas mehr Selbstbewusstsein wäre angesagt. Davon hat man doch beim Spiegel sonst mehr als genug.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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