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03.06.14

Netzneutralität: Was fettiges Essen, Zigaretten und die Internet-Überholspur gemeinsam haben

Heute weiß jeder Mensch, dass Zigaretten und fettiges Essen langfristig unangenehme Folgen haben können. Konsumenten müssen auf ähnliche Weise über die negativen Konsequenzen der von Providern forcierten Aufhebung der Netzneutralität aufgeklärt werden.

Zigaretten

Als ich vor einigen Tagen zwei klitzekleine "Erfolge" für die Netzneutralität kommentierte, überkam mich während das Schreibens ein schlechtes Gewissen: Da saß ich nun und zeigte mich erfreut darüber, dass Nutzer des deutschen Mobilfunkanbieters Base beim nicht gerade bandbreitenschonenden TV-Streaming über Zattoo im Rahmen der angekündigten Kooperation zwischen beiden Diensten kein Traffic-Sonderkontingent eingeräumt bekommen. Für Base-Kunden bedeutet dies, dass sie je nach Tarif nach maximal einigen Stunden des Fernsehschauens über die mobile Datenverbindung ihr monatliches Trafficvolumen verbraucht haben und den Rest des Monats im Schneckentempo durch das Netz kriechen müssen.

Aus Sicht der Kunden des Mobilfunkproviders wäre es selbstredend viel attraktiver, wenn die beim Streaming über Zattoo generierte Datenmenge nicht auf das Datenvolumen angerechnet würde. So verhält es sich beispielsweise im Rahmen der Zusammenarbeit von Spotify mit einigen Netzbetreibern.

Mir wurde während der Anfertigung des besagten Textes deutlich, wieso man sich im Kampf für Netzneutralität in der Vergangenheit nicht auf die tatkräftige Unterstützung durch Otto-Normal-Verbraucher verlassen konnte und weshalb sich dies auch in Zukunft kaum ändern dürfte: Für Kunden bieten von Zugangsanbietern forcierte Brüche mit der Netzneutralität kurzfristig große Verlockungen.Die Traffic-Befreiung einzelner Partner-Apps der Provider, die Kunden die ausgiebige Nutzung ohne Grund zur Sorge über den Datenverbrauch einräumt, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes stellt die Verfügbarmachung ausgewählter Anwendungen ohne gebuchtes Datenvolumen dar, sogenannte Zero-Rated Apps. Facebook und Twitter setzen auf entsprechende Strategien, um in noch nicht komplett entwickelten Märkten frühzeitig Nutzer an sich zu binden. Ein weiteres Beispiel wäre das theoretische, bislang in der Praxis (noch) nicht gesichtete Versprechen von Providern, dank eines spezifischen Abkommens den Kunden etwa das ruckelfreie 4K-Streaming von Netflix-Clips garantieren zu können. Stichwort "Internet-Überholspur".

Mittel- bis langfristig sind derartige Vorstoße von Nachteil für alle Konsumenten, denn sie zementieren die Marktstellung der führenden, für bevorzugte Behandlung zahlungsbereiten und -fähigen Anbieter, schalten Innovation und Wettbewerb aus und resultieren damit früher oder später in schlechteren Konditionen für Nutzer. Doch wir Menschen sind Meister darin, negative Konsequenzen unserer Handlungen in der Ferne zu ignorieren, solange sich unsere unmittelbare Situation verbessert.

Wie bei Junk Food, Süßigkeiten, Rauschmitteln oder Billigkleidung besteht die große Gefahr, dass das fest in den meisten Menschen veranlagte, wenig beherrschte Streben nach sofortiger Belohnung viele Telekomkunden irgendwann zu bereitwilligen Komplizen in der Abschaffung der Netzneutralität machen wird. Von den Telekommunikationskonzernen ist zu erwarten, dass sie alles versuchen, um Tarife und Leistungsversprechen zu konzipieren, die den beschriebenen Mechanismus ausnutzen.

Damit derartige Vorstöße nicht fruchten, bleibt abgesehen von gesetzlichen Verboten zur Diskriminierung von Daten nur, auch wenig oder gar nicht mit der Materie vertraute Personen - mutmaßlich die Mehrheit aller Internetnutzer - mit der Problematik in Kontakt zu bringen; sie aufzuklären. Vor einigen Dekaden fehlte in der Gesellschaft jedes Bewusstsein darüber, dass Rauchen krank und zu viel fettige, gezuckerte Kost dick macht. Heute darf man derartige Sachverhalte durchaus als Allgemeinwissen bezeichnen. Es gilt, eine ähnliche öffentliche Wahrnehmung über die Risiken der Datendiskriminierung zu schaffen. Rauchen verursacht Krebs, einseitige und ungesunde Kost führt zu Übergewicht, Internet-Überholspuren sowie Sonderkonditionen für einzelne Apps verhindern Innovation, schaden dem Wettbewerb und treiben durch die Stärkung der datenhungrigen US-Giganten die Erosion der eigenen Privatsphäre sowie anderer Grundrechte voran.

Eine von den organisierten Befürwortern der Netzneutralität angeheuerte Kommunikationsagentur könnte den Zusammenhang und die Risiken mit Sicherheit noch knackiger und pointierter formulieren.

Die breite Masse der Internetnutzer für die Risiken der Aufhebung der Netzneutralität zu sensibilieren, wäre eine der effektivsten Methoden des Widerstands. So wie sich Konsumenten darüber im Klaren sind, was die Pommes und der halbe Liter Cola mit ihnen anstellen, muss erreicht werden, dass sie bei der Wahl des Providers ebenfalls erkennen, welchen langfristigen Preis sie für einen vermeintlich attraktiven, weil zum Beispiel großzügige Ausnahmeregelungen für die Nutzung einzelner Apps beinhaltenden Tarif zahlen.

Ob das so funktioniert, steht zwar in den Sternen. Ein Versuch aber ist es wert. Für den Fall, dass in der umstrittenen Frage der Internetregulierung am Ende doch die Telekommunikationsfirmen als Sieger hervorgehen sollten. Denn dann können nur noch die Konsumenten den Abschied von der Netzneutralität stoppen. /mw

Foto: smoked cigarettes in a dirty ashtray, Shutterstock

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