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19.10.10

Netzneutralität: Was die Diskriminierung von Daten in der Praxis bedeutet

Aus Verbrauchersicht ist das Thema Netzneutralität nur schwer zu greifen. Kunden des US-Kabelbetreibers Cablevision durften am Wochenende jedoch spüren, was es in der Praxis bedeutet.

 

Die Debatte um die Neutralität der Netze war bisher aus Konsumentensicht primär eine theoretische, die sich vor allem aus den möglichen Folgen und Implikationen der Aussagen von Telekommunikationsanbietern und Branchenvertretern nährte. Selbst wenn Eingriffe von Providern in den über das Internet gesendeten Datenverkehr sowie eine Blockade der Übermittlung bestimmter Datenarten (z.B. VoIP, P2P) seit langem üblich sind, bleiben ein Großteil der Verbraucher bisher von derartigen Maßnahmen zumindest im stationären Breitbandweb verschont.

Womöglich ist es genau dieser theoretische Einschlag der Diskussion, der das Thema in seinem aktuellen Stadium für Endanwender, Medien und selbst Politik wenig greifbar macht und somit auch kaum relevant erscheinen lässt. Es ist davon auszugehen, dass weit mehr Menschen einen bewussten Wunsch nach Netzneutralität entwickeln, sobald sie konkret und am eigenen Leib spüren, was es heißt, wenn der heimische Breitbandanschluss bestimmte Arten von Daten diskriminiert, während andere problemlos durch die Leitung flutschen.

Genau dies erlebten am Wochenende Kunden des US-Kabel- und Internetzugangsanbieters Cablevision. Cablevision befindet sich seit einiger Zeit im Zwist mit dem US-Medienunternehmen FOX über die Höhe der Lizenzzahlungen, die Cablevision an FOX entrichtet, um FOX-Produktionen wie beispielsweise "Die Simpsons" oder "NFC Football" im eigenen Kabelnetz ausstrahlen zu dürfen. FOX gehört zu Rubert Murdochs Medienimperium News Corp., das neben MySpace auch Miteigentümer der populären US-Videosite Hulu ist.

Weil FOX und Cablevision ihren Streit nicht beilegen konnten, kam es am Wochenende zu einer Eskalation: User, die über Cablevision ins Internet gingen und bei Hulu eine Serie oder einen Film ansschauen wollten, wurden von sämtlichen FOX-Inhalten ausgesperrt. Statt dem gewünschten Video bekamen sie einen Hinweis zu Gesicht, dass Cablevison-Kunden zum aktuellen Zeitpunkt keinen Zugriff auf FOX-Content erhalten könnten.

Hulu begründete die später wieder aufgehobene Sperrung mit den Worten, es habe sich aufgrund der andauernden Vertragsverhandlungen zwischen FOX und Cablevision neutral verhalten müssen. Was natürlich Quatsch ist, denn durch die Blockade der Inhalte von FOX hat Hulu eben gerade keine neutrale Position eingenommen, sondern sich dem offensichtlichen Druck der Anteilseignerin News Corp./FOX gebeugt, Cablevision spüren zu lassen, was es bedeutet, nicht auf die FOX-Forderungen einzugehen.

Dass die Mattscheiben von an Cablevisions Netz angeschlossenen Verbrauchern bei FOX-Programmen schwarz blieben, ist angeblich schon häufiger vorgekommen. Eine Sperrung von FOX-Content für Cablevision-Internetnutzer jedoch scheint den Meldungen zufolge ein Novum zu sein und ist gleichzeitig ein Vorfall, der illustriert, warum Netzneutralität in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden kann.

Was wir in diesem Fall sehen, sind Ansätze eines Internets, bei dem vertragliche Abmachungen, Eigentümerstrukturen und Partnerschaften zwischen Inhaltelieferanten, Inhaltedistributören sowie Telekommunikationsfirmen darüber entscheiden, welche Inhalte wann für die zahlenden Internetkunden im Browser zur Verfügung stehen.

Übertragen auf Deutschland würde dies beispielsweise bedeuten, dass ein wie auch immer gearteter Konflikt zwischen RTL oder ProSiebenSat.1 und Alice dazu führen könnte, dass Websites der Sender für Alice-Kunden gesperrt werden. Oder dass der zu 1&1 gehörende E-Mail-Anbieter GMX aus dem DSL-Netz der Telekom nicht zu erreichen ist, weil sich 1&1 und die Telekom über die Kosten für die letzte Meile streiten (fiktive, die Problematik illustrierende Beispiele!).

Worauf es am Ende hinausläuft: Frei zugänglich und rechtmäßig ins Netz gestellte Daten sollten über sämtliche Zugangsanbieter (zumindest in einem geografischen Markt - obwohl Geoblocking sehr unerfreulich ist) erreichbar sein und weder von Providerseite noch von Anbieterseite (wie im aktuellen Beispiel) eine Gruppe von Internetnutzern diskriminieren.

Sollte die Entziehung von Zugangsrechten als Druckmittel in Verhandlungen zwischen Providern und Contentsites/-lieferanten Schule machen, dürfen wir uns auf ein völlig neues Interneterlebnis einstellen: Eines, bei dem wir nie wissen, ob die angesteuerte Website über unseren Zugangsanbieter momentan gerade aufgerufen werden kann oder nicht.

Update: Ungeachtet der negativen Signale, welche der Vorfall sendet, gibt es Einwände, ob es sich hierbei um einen Verstoß gegen die Netzneutralität im eigentlichen Sinne handelt, da dies üblicherweise auf Seiten des Netzanbieters und nicht des Webanbieters geschieht. Siehe dazu die Diskussion in den Kommentaren.

(Foto: stock.xchng)

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