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10.08.10

Netzneutralität: Warum das Google-Verizon-Abkommen Innovation behindert

Google und Verizon behaupten, ihre gestern vorgestellte Richtlinie zum offenen Internet würde Innovation fördern. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Nach den Gerüchten um eine angebliche Bevorzugung von Google-Diensten im Netz des US-Providers Verizon - einem der größten Partner für den Vertrieb von Android-Geräten - haben die zwei Unternehmen am Montagabend ein Regelwerk für ein offenes Internet vorgelegt. Zwar sprechen sie sich eindeutig für eine Neutralität drahtgebundener Internetverbindungen aus, halten sich aber zwei andere Türen weit offen:

Einerseits soll die Richtlinie das mobile Internet ausnehmen, da dort andere Dynamiken herrschen und mehr Wettbewerb stattfände, außerdem soll die Möglichkeit für spezielle IP-gebundene Onlineangebote bestehen, die als Produkt vom herkömmlichen Internetzugang abgegrenzt werden und für die keine Rücksicht auf Aspekte der Netzneutralität genommen werden muss. Googles Blogpost zu der Richtlinie findet ihr hier.

Wie so oft bei derartig PR-lastigen Mitteilungen wird mit einem Sachverhalt argumentiert, der bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil zur Folge hat. In diesem Fall geht es um die Förderung von Innovationen, was laut Google eines der Hauptziele der Übereinkunft ist, die von den zwei Unterzeichnern auch als Grundlage für weitere Maßnahmen der US-Kommunikationsbehörde FCC und des Gesetzgebers empfohlen wird.

Doch wer etwas genauer über die Konsequenzen nachdenkt, erkennt schnell, dass sich das Potenzial für Innovationen hier primär auf Provider sowie auf zahlungskräftige Diensteanbieter beschränkt, und dass frisch gegründete Startups gerade im Internetmarkt der Zukunft - dem mobilen Web - dabei leicht unter die Räder geraten können.

Dass Onlineservices im mobilen Internet nicht die gleichen Freiheiten haben wie im stationären Web, ist bekannt. Skype beispielsweise hat aus Rücksicht auf Provider lange damit gezögert, für seine iPhone-App überhaupt eine Möglichkeit für VoIP über 3G-Verbindungen anzubieten. Apple stellt Videotelefonie mit FaceTime bisher nur via WLAN bereit - ob allein aufgrund von Qualitätsbedenken bei 3G-Gesprächen oder auf Bitten der Zugangsanbieter, ist zwar offen, aber das Resultat für die Verbraucher bleibt gleich. Manche Mobilfunkanbieter blockieren auch P2P-Datenübertragungen.

Das Regelwerk von Google und Verizon legitimiert Eingriffe der Mobile-Provider in die Übertragung von Daten, es erlaubt die Blockade gewisser Services (wie z.B. VoIP oder Videostreaming) und es spricht sich auch nicht gegen eine Bevorteilung einzelner Dienste aus. Die einzige Einschränkung ist eine selbst auferlegte Transparenz in Bezug auf eventuelle Eingriffe.

Das könnte zur Folge haben, dass (als fiktives Beispiel) simfy seinen Nutzern das Musikstreaming über mobile Apps in hervorragender Qualität ermöglichen kann, weil es mit einem Provider ein entsprechendes Abkommen eingangen ist, steereo jedoch gar nicht oder nur in deutlich schlechterer Qualität funktioniert, weil es nicht bereit ist, für eine Priorisierung der mobilen Datenübertragung einzelne Internetprovider zu bezahlen.

Das mobile Web ist dabei, eine genauso wichtige Rolle für die Konsumenten einzunehmen wie das stationäre Internet. Und es ist nach dem Willen von Google/Verizon auch zukünftig und ganz offiziell kein Ort, an dem sich auf die Neutralität der Netze pochen lässt. Verbraucher sind damit auch weiterhin auf die Launen der Zugangsanbieter angewiesen, was die Verfügbarkeit von bestimmten Dienstearten betrifft. Startups hingegen können sich niemals sicher sein, ob ihre Services von den Mobilfunkgesellschaften akzeptiert werden, und auch nicht, ob ein Konkurrent aufgrund einer Kooperationsvereinbarung mehr Liebe und höhere Prioritäten erhält. Für Google dürfte das natürlich alles kein Problem sein...

Inwieweit fördert eine derartige Unsicherheit für junge Webfirmen noch einmal Innovation?

Auch die andere Hintertür dürfte Innovation eher behindern als unterstützen. Die Möglichkeit, neben klassischen Internetverbindungen auch weitere Onlinedienste anbieten zu können - und zwar ohne den Anspruch der Netzneutralität - birgt das Risiko, dass Provider zukünftig sehr viel mehr in entsprechende, mit zusätzlichen Einnahmen verbundene Dienste investieren und ihr klassisches, neutrales Zugangsangebot vernachlässigen.

Zumindest theoretisch könnte dies bedeuten, dass Provider XY neben den bisherigen Internetpaketen auch ein spezielles Video-Abo startet, das qualitativ besonders hochwertigen Zugang zu einer Reihe von Videodiensten bietet, von YouTube bis Hulu. Da dies auch zusätzliche Umsätze für die beteiligten Inhalteanbieter bedeutet, ist durchaus vorstellbar, dass es zu einer Ressourcenverschiebung kommt, was Produktinnovationen betrifft, und dass verstärkt in die Weiterentwicklung dieser Spezialdienste investiert wird.

Aktuell ist dies nur Spekulation. Ob die Legitimierung von Web-Dienstleistungen abseits des herkömmlichen Internetanschlusses tatsächlich zu einer Art Zwei-Klassen-Internet führt, wie manche befürchten, ist schwer zu prognostizieren. In jedem Fall aber entstünde für Verbraucher plötzlich eine Situation, in der das normale Internetzugangspaket nicht mehr für alle IP-Services ausreichen würde.

Das wiederum könnte sich zum Beginn einer Abschaffung der Netzneutralität durch die Hintertür entwickeln, nämlich dann, wenn Dienste sich dazu entscheiden, nur noch über direkte Kooperationen mit Providern und gar nicht mehr in Form von offenen Internetplattformen verfügbar zu sein. Derartiges geschieht sicher nicht von heute auf morgen, aber es ist wichtig, die langfristigen Auswirkungen von (indirekten) Abschwächungen der Netzneutralität zu beachten.

Google macht sich mit dem Verizon-Pakt eine Handvoll Freunde unter den für den Android-Erfolg wichtigen Mobilfunkprovidern, nimmt dafür aber in Kauf, viele andere Sympathisanten unter den Startups und Endanwendern vor den Kopf zu stoßen. Ist es das wirklich wert?

Passend zum Thema: Die Telekom findet, eine umfassende Netzneutralität sei "nicht im Interesse der Allgemeinheit". Im Interesse der Telekom ist sie garantiert nicht.

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