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23.03.09

Nature-Studie: Wissenschaftsjournalismus verlagert sich in Blogs

Eine Studie des Magazins Nature zum Wissenschaftsjournalismus zeigt: Ressorts werden geschlossen, Stellen gestrichen. Dafür werden Blogs immer wichtiger - und was ist mit der Qualität?

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"Die unabhängige Wissenschaftsberichterstattung ist vom Aussterben bedroht." - Das ist ein Zitat des Wall Street Journal-Wissenschaftsjournalisten Robert Lee Hotz und zugleich die Quintessenz einer Studie, die das britische Wissenschaftsmagazin Nature gerade veröffentlicht hat. Immer mehr Wissenschaftsressorts werden demnach geschlossen, die Wissenschaftsberichterstattung verlagert sich in die Blogosphäre, und Kritiker bezweifeln, dass die oft hochwissenschaftlichen Themen dort mit ausreichender Distanz und dem notwendigen kritischen Blick betrachtet werden.

Schenkt man der Studie Glauben, sind viele Arbeitsplätze im Wissenschaftsjournalismus bei klassischen Medien verloren gegangen - allerdings nicht erst aufgrund der weltweiten Rezession. Der Boom des Wissenschaftsjournalismus endet vielmehr bereits in den Neunzigern, seither wurden immer mehr Ressorts geschlossen, zuletzt zum Beispiel beim Boston Globe. Entsprechend schauen Redakteure immer mehr auf das, was in wissenschaftlichen Blogs diskutiert wird - die nicht nur immer mehr werden, sondern auch eine immer größere Leserschaft erreichen. Gleichzeitig sehen sich die Wissenschaftsjournalisten mit einem immer größeren Arbeitspensum konfrontiert. Zudem verlassen sich die Journalisten der Studie zufolge sehr auf PR-Material, was wiederum dazu geführt hat, dass im Bereich der Wissenschafts-PR mehr Chancen für Wissenschaftsautoren liegen.

Der Nature-Artikel nennt einige interessante Beispiele, wie die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus aussehen könnte. So versteht sich das Londoner Science Media Centre etwa als Mittler zwischen Wissenschaftlern und Journalismus. Sie verschicken mehrmals am Tag E-Mails mit Zitaten bekannter Wissenschaftler, stellen Infokästen und News zur Verfügung - nicht hundert Prozent Public Relations, aber eben auch nicht wirklich journalistisch. Ein anderes Modell ist ScienceBlogs, eine Website vom Herausgeber des Wissenschaftsmagazins Seed. Über 100 wissenschaftliche Blogs werden dort aggregiert gesammelt - und die Blogger pro Klick bezahlt.

Aber wie das so ist im Online-Zeitalter, kritisieren die Blogger den Wissenschaftsjournalismus in klassischen Medien - und umgekehrt die Wissenschaftsjournalisten ihre bloggenden Kollegen. Robert Lee Hotz vom Wall Street Journal etwa gibt zu bedenken, dass Blogger die Gatekeeper-Funktion nicht so wahrnehmen könnten wie die klassischen Medien. Damit könnte er insofern Recht haben, als dass natürliche viele Blogs, so ist es im Nature-Artikel zu lesen, überhaupt erst von Wissenschaftlern aus Eigeninteresse heraus gestartet werden. Weiter wird kritisert, wenn Wissenschaftsjournalisten im Print ungeprüft wissenschaftliche PR-Meldungen an die Öffentlichkeit geben - in Deutschland gerade erst geschehen im Fall einer angeblichen neuen Potenz-Wunderpille -, überziehen Blogger die Zeitungsredakteure mit Hohn und Spott. Auf der anderen Seite sagen die Blogger, namentlich der Biochemie-Professor Larry Moran: "Das meiste, was als Wissenschaftsjournalismus durchgeht, ist so schlecht, dass wir ohne besser dran sind."

In Deutschland: Alles gut, solange die FAZ ihr Wissenschaftsressort behält

In Deutschland scheint es einen Trend, wie ihn die Nature-Studie ausmacht, noch nicht zu geben. So, wie generell Blogs hierzulande noch nicht einen solchen Einfluss haben wie beispielsweise in den USA, ist auch die Wissenschaftsberichterstattung vor allem die Domäne der Printmedien. Erst kürzlich hat eine Studie der Technischen Uni Dortmund erstmals Zahlen geliefert, die eine in den letzten Jahren gerne geäußerte These unterstützen: Der Wissenschaftsjournalismus boomt. Wir sprechen hier nicht von pseudo-wissenschaftlichen TV-Magazinen wie "Galileo", sondern von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung und der Welt (letztere zwei sind übrigens auch auf den oben genannten Potenzpillen-Coup reingefallen). Diese drei überregionalen Tageszeitungen haben sich die Dortmunder Forscher vorgenommen und festgestellt: Zwischen 2003/2004 und 2006/2007 hat die wissenschaftsjournalistische Berichterstattung besagter drei Printmedien um knapp 50 Prozent zugenommen. Auch außerhalb von Wissenschaftsseiten wurde im Untersuchungszeitraum mehr als doppelt so häufig über Wissenschaft-, Medizin- und Technikthemen berichtet.

Der Dortmunder Professor Holger Wormer, einer der Autoren eben jener Erhebung, kommt auch im Nature-Artikel zu Wort. Wissenschaftsressorts würden in Deutschland für relativ wichtig erachtet, sagt er - und liefert eine interessante Erklärung gleich mit: Weil sich große Tageszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach wie vor eigene Wissenschaftsressorts leisten, unterstützen selbst kleinere Zeitungen die Berichterstattung über wissenschaftliche Themen.

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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