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16.04.12

Musikstreaming: Problematische Android-Anwendung schadet der App-Ökonomie

Kostenpflichtiges Musik-On-Demand-Streaming ist bisher unprofitabel. Die entsprechenden Dienste leiden nicht nur unter der Marktmacht von iTunes sowie etwaigen Differenzen mit Rechteinhabern und Verwertungsgesellschaften, sondern auch unter einer "Gratiskultur" innerhalb von Googles Ökosystem.

Was erfreut den Musikliebhaber noch mehr, als die kostenpflichtigen, mobil verfügbaren Flatrates von Diensten wie Spotify, Simfy, Rdio oder Deezer? Wenn er das alles umsonst bekäme und speichern und teilen könnte - mobil nutzbar und einfach in der Handhabung.

Dank Googles Android-Ökosystem und der Applikation „Last.fm Free“ ist das kein Problem: Es gibt aus meiner Sicht für keine andere mobile Hardware-Basis und für kein anderes Betriebssystem eine vergleichbar einfache Lösung, an urheberrechtlich geschützte Musik zu kommen, die aus technischer Sicht so trivial, derartig bequem zu handhaben und dabei vollkommen risikofrei zu nutzen wäre, wie es über diese Android-Applikation möglich ist.

Obwohl der Londoner Musikdienst Last.fm bereits im Jahr 2010 On-Demand-Streaming aus Kostengründen eingestellt hat, lässt sich über diesen dreisten Trittbrettfahrer ohne Mühe eine große Zahl an Titeln und kompletten Alben suchen, downloaden, archivieren und teilen. Nicht die Links, sondern die MP3-Dateien selbst, die sich in meiner Probe allesamt in guter Qualität präsentierten.

Screenshot: AndroidzoomEin direkter Upload in diverse Cloud-Speicher funktioniert ebenfalls, sofern eine Anwendung des jeweiligen Anbieters auf dem Smartphone installiert ist.

Der zweifelhafte Dienst tarnt sich unter der bekannten Marke eines legalen Anbieters. Er “fischt“ damit direkt Android-Neulinge ab, die eventuell nach der Original-Anwendung gesucht haben und die sich über den Unterschied vielleicht gar nicht bewusst sind.

Die Applikation sieht professionell aus, verfügt über eine ansprechende Benutzeroberfläche und verzichtet gänzlich auf Werbung. Das betont der Entwickler auch gern und „freut sich“ über Spenden, die sich via Donate-Button in der App direkt einleiten lassen.

Risikofrei ist der Einsatz der Anwendung für den Nutzer zudem auch noch. Zwar weiß dieser nicht, woher die Dateien letztlich stammen. Das muss ihn aber auch nicht interessieren, schließlich hatte er sich hier von offizieller Seite aus, über den vom weltweit führenden Suchmaschinenanbieter betriebenen Marktplatz für digitale Güter, ganz regulär eine Anwendung heruntergeladen…

Profit durch Wegschauen?

Ob Google diese Anwendung wissentlich zuließ, oder lediglich mit der Kontrolle seines Android-Marktplatzes überfordert ist, kann ich nicht beurteilen.

Das ist jedoch auch nicht von Belang. Fakt ist, dass diese App im Jahr 2011 über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten frei im Android-Market angeboten wurde. Mittlerweile ist sie zwar nicht mehr über die Suche im neuen „Google Play“ zu erreichen, das stellt in einem offenen Ökosystem jedoch kein Problem dar: Die App kann im Netz gefunden werden und lässt sich dann auf das Smartphones übertragen. Leicht zu entdecken, über die Google-Suche.

Eine Absicht will ich dem Konzern zwar nicht unterstellen, jedoch betrieb dieser nachweislich auch wenig Aufwand, das Angebot zeitnah aus seinem Android-Market zu entfernen.

"Killer-Applikation" für Android

Die Gesamtverbreitung dieser Applikation lässt sich nicht beziffern, ebenso wenig wie der wirtschaftliche Schaden, der aus ihr entsteht. Unabhängig von rechtlichen Fragen belegt dieses Beispiel deutlich, dass Google hier klarer Profiteur dieser Entwicklung ist.

Die „Last.fm Free“-App ist so gut, dass man sie als „Killer-Applikation“, als Systemseller bezeichnen kann. Wer mangels Reife oder anderer Gründe kein Unrechtsbewusstsein gegen ihre Nutzung entwickelt hat, für den stellt diese „Vorzeige-Anwendung“ einen Kaufanreiz für ein Android-Smartphone dar und fördert dadurch die Verbreitung dieses mobilen Betriebssystems.

Des Weiteren profitiert Google über die Suche und damit verbundene Werbeeinnahmen, wenn Android-Neulinge, die auf diese App aufmerksam gemacht worden sind, im Netz nach Downloadquellen Ausschau halten. Perfekt. Wie viele solcher Apps gibt es noch?

Gefahr für legales On-Demand-Streaming

Eine Applikation wie Last.fm Free stellt eine Gefahr für legale On-Demand-Streamingdienste dar. Während Apple mit iTunes durch diverse Zusatznutzen ausreichend Differenzierungsmerkmale kreierte und sich nicht zuletzt wegen der bequemen Handhabung innerhalb seines Ökosystems und einer riesigen Auswahl an Song-Titeln als Paid-Content-Anbieter gegenüber kostenlosen „Offerten“ behaupten konnte, müssen sich Streaming-Dienste nicht nur gegen Apples Marktmacht im digitalen Musikmarkt durchsetzen, sondern zudem noch gegen mobile Applikationen wie „Last.fm Free“ abgrenzen, die es ermöglichen, Musik kostenlos herunterzuladen und die teilweise sogar professionellere Bedienoberflächen bieten als die eigenen mobilen Clients.

Das Besondere in diesem Fall ist, dass durch die dargestellte Konstellation nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden entstehen, sondern klar wird: Hier hat sich innerhalb eines mobilen Betriebssystems eine Infrastruktur entwickelt, die ein aufstrebendes Geschäftsmodell bereits in seiner Entwicklungsphase bedroht.

Der Freemium-Ansatz, über Desktop-Systeme kostenlos Musik bereitzustellen und sich den Empfang über mobile Endgeräte vergüten zu lassen, ist bisher der Kern des Geschäftsmodells aller Streaming-Services.

Die Voraussetzung, mittels dieser strategischen Ausrichtung langfristig ein rentables Erlösmodell zu realisieren, sind Dichtevorteile: Obwohl digitale Musik grundsätzlich auch zentral gut zu vermarkten wäre, sind die Anbieter von On-Demand-Streamingdiensten an Einigungen mit den jeweiligen nationalen Verwertungsgesellschaften gebunden. Die Dienstleister sind also nicht auf eine absolute, „globale Masse“ an Kunden angewiesen, sondern vielmehr in jedem Markt auf die relative Ballung von Nachfragern in dem jeweiligen geografischen (und damit rechtlichen) Raum. Nur dann haben sie die Möglichkeit, die Stückkosten pro gehörten Song in Verhandlungen mit den einzelnen Verwertungsgesellschaften auf ein Niveau zu drücken, das Rentabilität überhaupt erst ermöglicht.

Wenn „Mobile“ dabei jedoch der einzige Umsatzbringer ist und sich gleichermaßen derart bequem umgehen lässt, wo sind dann noch die Kaufanreize zu finden?

Fazit

On-Demand-Dienste bekommen in der Internet-Ökonomie nicht erst seit Spotifys Deutschlandstart viel Aufmerksamkeit und mögen angesichts dessen als „selbstverständlich“ erscheinen. Das sind sie jedoch bei weitem nicht, denn die Abonnentenzahlen bleiben bisher auch bei den bekannteren Marken hinter den Erwartungen zurück.

Man lebt bisher ausschließlich von Risiko-Kapital und einer guten Idee. Auch wenn die Auswahl noch begrenzt erscheint und die Technik bisweilen unausgereift, so birgt die Idee des Musik-On-Demand-Streaming dennoch ein Potenzial, das in der Zukunft sogar iTunes gefährlich werden könnte.

Es wäre wünschenswert, wenn diese Idee des legalen „Always On“-Musikkonsums ihr Potenzial auch entfalten könnte und nicht vorher - mangels Kontrolle oder wissentlicher Duldung - innerhalb von Googles Infrastruktur aufgerieben werden würde.

Die Erkenntnis, dass offene Betriebssysteme generell anfälliger für nicht autorisierte Nachahmer und Urheberrechtsverstöße sind, ist nicht neu und beispielsweise auch bei Windows zu beobachten.

Dass der Anbieter eines Betriebssystems sich jedoch auch gleichermaßen als Marktplatzbetreiber profilieren will und als Infrastruktur-Anbieter den Entwicklern zweifelhafter Programme damit gleich den Vertriebs-Kanal für ihre „Services“ mit zur Verfügung stellt, das ist neu. Mindestens sechs Monate lang hat Google Last.fm Free im damaligen Android Market gelassen und damit populär gemacht. Dann schritt es zwar ein, aber die App existiert weiterhin im Netz und steht über einige alternative Android-App-Läden zur Verfügung. Sicherlich ist Googles Einfluss und Kontrollmöglichkeit auf diese begrenzt. Dennoch entsteht der Gesamteindruck, Google helfe zumindest dabei, Piraterie mobil zu machen. Und es verdient daran, zu Lasten anderer - für die damit Android als Plattform an Attraktivität verliert.

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