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24.08.09

Musikdienst am Ende: Warum roccatune das Vertrauen verloren hat

Bei roccatune können Nutzer Millionen von Songs kostenlos streamen. Nun hat der Dienst Insolvenz angemeldet. Vielleicht ist das besser so.

RoccatuneVor einigen Tagen sprach ich mit dem früheren Pressesprecher des Münchner Musikdienstes roccatune . Ich nutzte die Gelegenheit, um ihn über den Stand der Dinge bei seinem ehemaligen Arbeitgeber zu befragen - bei dem es in letzter Zeit verdächtig ruhig geworden ist. Doch er konnte mir nicht mit Informationen weiterhelfen. In jedem Fall war ich nicht gerade verwundert, als ich heute über diesen Tweet auf einen Artikel beim Musikblog Musiktipps24 stieß, der die Insolvenz von roccatune verkündete.

Erfahren hatte der Autor dies laut eigener Aussage bereits vor einer Woche vom roccatune-Geschäftsführer Constantin Thyssen. Dieser informierte ihn auf Anfrage darüber, dass er für seine bei Musiktipps24 geschalteten roccatune-Banner aufgrund der Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens kein Geld bekommen würde.

Auch wenn roccatune die Insolvenz bisher nicht bestätigt und nicht auf unsere E-Mail-Anfrage reagiert hat, deutet ein offizieller Eintrag zum Insolvenzverfahren auf die Korrektheit der Meldung hin.

Nun bedeutet die Zahlungsunfähigkeit nicht automatisch das Ende eines Unternehmens. Im Falle von roccatune jedoch ist es schwer vorstellbar, dass sich der Dienst tatsächlich noch einmal aufrappeln kann. Nicht die Insolvenz ist das Problem, sondern die schlechte Kommunikation und der Vertrauensverlust der User.

Erste Anzeichen für Probleme gab es schon im Juli, als der Dienst plötzlich unangekündigt für mehrere Tage nicht erreichbar war. Erklärt wurde dies anschließend im Unternehmensblog lapidar mit "Wartungsarbeiten" und "Systemtests". Wenn man nach vielen Jahren im Web eins gelernt hat, dann, dass ein derartiger Vorfall ein deutlicher Indikator für ernsthafte Schwierigkeiten ist.

Auch sonst machte roccatune in letzter Zeit einen zu ruhigen Eindruck. Im Blog und im Twitter-Feed ist es seit über einem Monat still, und bei Twitter wird noch immer Sachar Kriwoj als zwitschernder Pressesprecher aufgeführt, obwohl dieser das Unternehmen bereits im Mai verlassen hatte.

All das kann auf dummen Zufällen basieren, und die Anschuldigungen bei Musiktipps24 - einem Blog mit sehr offensiv platzierten Google-Anzeigen - könnten völlig haltlos sein. Doch roccatune, über das Nutzer kostenlos und legal Millionen von Songs direkt im Browser streamen können, ist in einer der wohl schwierigsten Branchen überhaupt tätig: Der Sektor digitaler Musik ist nicht nur hart umkämpft, sondern milliardenschwer und hochprofessionell.

Wenn ein Startup nicht einmal in der Lage ist, durch geradlinige, proaktive und ehrliche Kommunikation einen Gesamteindruck zu schaffen, bei dem ein Blogartikel wie der von Musiktipps24 statt einem "Ich hab's doch gewusst!" eher ein "Na ob das wirklich stimmt?" hervorruft, dann ist es schwer vorstellbar, dass dieses Unternehmen dauerhaft auf Augenhöhe mit den führenden Musiklabels verhandeln und die Musikplattform der Zukunft aufbauen kann.

In jedem Fall wird sich roccatune fortan mit verstärkter Skepsis konfrontiert sehen. Sollte eine Schließung tatsächlich abgewendet werden können, dann müssen sich Geschäftsführer Thyssen und sein Team ordentlich anstrengen, um gegen die größere, professionellere Konkurrenz (z.B. Last.fm und Spotify) langfristig ankommen zu können. Momentan kann ich mir nur schwer vorstellen, dass dies wirklich möglich ist. roccatune wäre nicht der erste Musikservice, der über seine eigenen Beine stolpert.

Update 25.08 19:45:

roccatune hat nun in einem Blogbeitrag die Insolvenz bestätigt . Als Grund für die Zahlungsunfähigkeit gibt das Unternehmen an, keinen Investor gefunden zu haben.

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