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01.03.07

Monocle - die erste Ausgabe

MonocleEin Monokel, verblichenes Utensil strenger, jedoch würdevoller Herren, gibt einer neuen Zeitschrift den Namen. Monocle ist englischsprachig, erscheint 10 mal im Jahr, kostet 12 Euro, 20 Franken oder 10 US-Dollar, ist satte 15 Millimeter dick und mit einer Seitenanzahl von um die 200 gleich umfangreich, aber 10 mal teurer wie die 7 Millimeter dicke Vanity Fair. Mit der Information, dass das Heft in 5 Rubriken aufgeteilt ist, wollen wir die Zahlen verlassen und uns stattdessen den Buchstaben zuwenden. Denn die Rubriken nennen sich A für Affairs, B für Business, C für Culture, D für Design und E für Edits.

Die Dicke des Hefts liegt am matten Papier, das, wenn man die dafür gefällten Bäume verdrängt, einfach wunderbar ist. Habe selten so schönes Papier in der Hand gehabt bei einer Zeitschrift, und, für die Leimschnüffler unter uns: es riecht sogar gut. Selbst die vom Papier her sehr angenehme Weltwoche kommt einem da etwas grob vor. Es ist ein Heft, um es in Ruhe in einem Sessel zu lesen, bei gutem Licht und geschützt von Lärm. Legt man es nach einer Weile weg, ist man relaxed. Blättert man kurz danach die Vanity Fair oder Park Avenue durch - unweigerlich kommt das Gefühl auf, etwas billiges in der Hand zu halten.

Tyler Brûlé one

Aber das ist alles Absicht. Absicht von Tyler Brûlé, dem Editor-in-Chief von Monocle. Brûlé hat 1996 Wallpaper* gegründet und 2001 das Design der Swiss Airlines gestaltet, das in der Schweiz gut aufgenommen wurde, auch wenn jeder meinte, sowas hätte er auch gekonnt. Aus der Wikipedia-Eintrag über ihn ist zu erfahren, dass der Nachname Brûlé, der jeden Nichtfranzösischsprechenden beim Schreiben des Namens zum genaueren Blick auf die Tastatur zwingt, ursprünglich weder Zirkumflex noch Akut beinhaltete, sondern einfach Brule geschrieben wurde. Aber daraus wollen wir jetzt nichts ableiten, oder?

Tyler Brûlé two

Ohne auf die Qualität der einzelnen Artikel einzugehen, kann man sagen, dass ihm vieles gelungen ist.

Erstens macht das Heft einen blitzsauberen Eindruck. Alles ist dort, wo es hingehört und sieht dazu gut aus. Entdeckte man auch nur einen Druckfehler - man würde fürchterlich erschrecken. Nicht mal die Werbung macht einen aufdringlichen Eindruck. Auch die in New York, Zürich and Tokyo arbeitende Redaktion hält sich zurück und zeichnet Beiträge nur mit Kürzel, über die man sich dann bei Interesse im Impressum aufklären lassen darf.

Zweitens ist der Fokus für einmal wohltuend weit weg von den üblichen Hauptgeschehnisstätten USA, England und Deutschland. Stattdessen ist Japan im Fokus, Iran, Chile, Mexiko, Dänemark, Österreich, Indien, Afghanistan, Schweden, die Schweiz. Über Deutschland und die USA gibt es zwar auch Berichte, aber sie dominieren nicht das Heft.

Drittens ist monocle.com eine Website, die etwas zum Heft dazu bietet. Vorerst für alle, später dann nur noch für Abonennten. Die Site ist nicht nur so schön wie das Heft, sondern ebenso aufgeräumt. Das gedruckte Interview mit Lego-CEO Jørgen Vig Knudstorp beispielsweise ist in voller Länge als Video zu sehen (aus dem auch die hier gezeigten Stills von Brûlé stammen). Oder es gibt einen Trailer der ersten Filmadaption von Haruki Murakami: "All God's Children Can Dance" (aus "Nach dem Beben").

Tyler Brûlé three

Kommen wir nochmals zum Anspruch und zum Leser. Im Konzept steht:

Focus on informing and entertaining an international audience of disillusioned readers, listeners and viewers, it is our intention to create a community of the most interested and interesting people in the world.

(...)

Monocle will be driven by offering original, never-before-seen content to an audience of well-heeled, intelligent opinion leaders around the world.

Wer bloss sind diese Leser? Vielleicht Passagiere aus dem Text "We sky-test business-class-only flights" auf Seite 112? Die sich ihre Flüge zwischen London und New York aus einer Preistabelle von 799 bis 5500 Pfund auswählen? Auch die Schuhe von Manolo Blahnik oder die für Männer aufgezählten "Five Monocle Musts" von Cruciani, Fray, Incotex, J*Keydge und Montedoro sprengen wohl die meisten Brieftaschen. Doch es läuft wie üblich. Die Armen sehnen sich nach den schönen Dingen und die Reichen kaufen sie sich einfach.

Sehr schön auch das am Schluss beigelegte Begleitheft, das sich, wie ich nach mehreren Minuten völligem Unverständnis festgestellt habe, klassisch von hinten nach vorne liest. Dabei wäre es ja in der "quick lesson in manga orientation" erklärt. Die in der Zukunft spielende Geschichte im Kurzraffer: Ein audifahrender Superman der Japan Intelligence Agency namens Niels Watanabe rettet mit einem Prada-Phone in MacGyver-Manier die Welt. Von KitaKoga, so heisst der politische Thriller in Mangaform, wird es Fortsetzungen geben. Die dazugehörigen Werbeflächen finden sich übrigens im Hauptheft auf Seite 8/9 (Prada) und 10/11 (Audi). Auf Seite 170 wird das LG-Prada-Handy auch noch in einem redaktionellen Bericht vorgestellt.

Auch andere haben die erste Ausgabe bereits gelesen:

micro_robert bemängelt die Druckqualität und das Bildlayout und erkennt einen Hass auf die Festung Amerika. Es sei eine Art In-Flight-Magazin für am Boden gebliebene Abgehobene. "Wenn man es im Jetlag-Zustand liest, wird man es für interessant halten".

dany.wordpress.com sagt: Monocle ist gut. Vom Format her sei es ein Zwischengrößen-Zwerg, das Zielpublikum der weltgewandte Geschäftsreisende. Er fragt sich aber, ob einen, was da steht, überhaupt interessiert. In vielen Dingen kooperiere Monocle mit Anbietern, etwa mit dem Taschenhersteller Porter. "Aber es spielt immer ein wenig das Benefit für den globalaktiven Leser mit".

In den Kommentaren bei cityofsound.com fragt sich Frankie Roberto, wie man sich bloss die A/B/C/D/E-Einteilung merken könne. Ausserdem findet er die Rolex-Uhren und der Countdown zur nächsten Ausgabe auf der Website bescheuert.

sambrook.typepad.com ist von der ersten Ausgabe enttäuscht und kritisiert das Format und das matte Papier, das Photograhie nicht gerecht werden könne. "Altogether it feels rather like an extended in-flight magazine - gliding at 30,000 feet above the real world".

Bei news.independent.co.uk enthüllt Monocle-Editor Andrew Tuck, dass sie mit ihren Macs teilweise bis morgens um 6 Uhr gearbeitet haben. Und dass Heimgehen um 10 Uhr Abends als "going home early" galt. Man kann dort auch lesen, dass "Monocle" ein Anagramm von "Cool Men" ist.

Ein paar Bilder vom Inhalt des Hefts hat magculture.com gesammelt und auf ibctoday.com wird in einem Video ein bisschen mit der Ausgabe gespielt, die "dick wie ein Weihnachtskatalog" sei. Und dann auch noch Tyler Brûlé interviewt.

Falls mein kleiner Test jemandem etwas sehr naiv vorkommen sollte, dann könnte es daran liegen, dass das erst das zweite Mal in meinem Leben ist, dass ich für ein einzelnes Magazin 20 Franken ausgegeben habe. Ich werde mir auch gut überlegen, ob ich das jemals wieder tun werde. Schliesslich könnte ich ja je fünf Park Avenues und Vanity Fairs dafür kriegen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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