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08.05.13

Mobile First: Viber ist für Skype wie WhatsApp für Facebook

Skype hat seine Wurzeln im Desktop-Zeitalter. Mit Viber erwächst dem VoIP-Platzhirschen nun ein gefährlicher Konkurrent mit mobiler DNA.

Lange habe ich mich dagegen gewehrt, die VoIP- und Messaging-App Viber auf meinem iPhone zu installieren - trotz mehrmaliger Nachfragen von Freunden, ob ich den über die vom israelisch-amerikanischen Unternehmer Talmon Marco und einem Team von rund 120 Angestellten in Israel, Zypern und Weißrussland entwickelte Anwendung erreichbar sei. Zum einen mangelt es mir in meinem digitalen Alltag wahrlich nicht an mobilen Apps, um mit Kontakten Textnachrichten austauschen und VoIP-Gespräche zu führen (außer WhatsApp kann dies mittlerweile fast jeder Messenger, inklusive Facebook). Zum anderen missfällt mir der von Viber erzwungene Upload und Abgleich des Smartphone-Adressbuchs.

Doch wie schon bei WhatsApp ist es genau diese Praxis, die den kostenfreien, für verschiedene Plattformen angebotenen Dienst innerhalb von zweieinhalb Jahren in die Gruppe der nutzerstärksten mobilen Kommunikationswerkzeuge katapultiert hat. Denn so sehr die Freigabe ihrer lokalen Kontakte manche (wahrscheinlich aber wenige) User auch stört, so komfortabel ist die aus dem von Viber durchgeführten Abgleich der Adressbücher mit den registrierten Mobilfunknummern folgende, sofortige Auflistung sämtlicher Viber-Freunde. Neuen Nutzern wird nach der Registrierung also direkt ein Viber-Adressbuch mit den Freunden angezeigt, die sich über die App per Textnachricht oder Datengespräch erreichen lassen. Ich hatte die Konsequenz einst so formuliert: "Die Welt sozialer Netzwerke ist ungerecht: Anbieter, die sich an die Konventionen halten, werden zu Geisterstädten, während Regelbrecher sich vor Nutzern kaum retten können." 200 Millionen registrierte Nutzer

In der Tat kann sich Viber über den Nutzerzuspruch nicht beklagen. 200 Millionen Menschen sind mittlerweile weltweit registriert. Und das, obwohl die App im Prinzip das gleiche macht wie Skype. Zwar erlaubt Viber auch das Chatten à la WhatsApp und Line, ist aber von der Funktionalität und Benutzerführung her stärker als VoIP-Dienst positioniert, was auch vom einen Telefonhörer abbildenden Logo unterstrichen wird. Der unmittelbare Kontrahent ist Skype, wobei durch Viber auch WhatsApp unter Zugzwang gerät.

Viber

Obwohl das Featureset sich ähnlich ist und Viber anders als Skype keine Optionen mitbringt, um mit herkömmlichen Festnetz- und Handynummern zu interagieren, ist es Viber gelungen, Millionen Nutzer zu sich zu holen. Ich habe einen seit längerem von Viber schwärmenden Freund gebeten, mir zu erläutern, was ihm an dem Dienst gefällt. Seine Antwort: Er findet es praktisch, dass Viber nach der Registrierung sofort alle Kontakte auflistet, und dass sich die App zuverlässig per Push meldet, wenn ein Gespräch eingeht - selbst wenn sie nur im Hintergrund geöffnet ist. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass genau dies bei Skype zumindest unter iOS mal klappt, und mal wieder nicht. Ein weiterer Pluspunkt von Viber sei, dass sich Anwender anders als bei Skype keine Gedanken darüber machen müssen, welche Kontakte online und damit erreichbar sind. Wer Viber besitzt, kann angerufen und per Textnachricht erreicht werden.

Viber denkt mobil, Skype nicht

Beim Blick auf diese Analyse eines treuen Viber-Fans wird deutlich, worin der entscheidende Unterschied zwischen Viber und Skype liegt: Skype kommt vom Desktop und bietet auf mobilen Geräten selbst nach Jahren noch eine frustrierende User Experience. Ach was, selbst auf dem Desktop macht es eigentlich keine Spaß. Viber wurde vom ersten Tag an für Smartphones konzipiert und geht somit von anderen Grundannahmen und Nutzungsmustern aus, etwa davon, dass User eben immer erreichbar sind. Viber ist "always on", Skype passt eher zum "ins Internet gehen"-Paradigma.

Viber ist für Skype, was WhatsApp für Facebook war: Ein zu 100 Prozent für das mobile Zeitalter optimierter Angreifer, der den Platzhirschen aus dem stationären Internet zu schnellen Anpassungen zwingt. Facebook hat diese Herausforderung aus heutiger Sicht recht gut gemeistert. Bei Skype hingegen ist bisher trotz der immensen Ressourcen von Mutter Microsoft wenig Bereitschaft zu erkennen, alten Ballast über Bord zu werfen und sich fit zu machen für eine neue digitale Welt. Mit dem jetzt angekündigten Release von Clients für Windows und Mac stößt Viber in Territorium vor, auf dem bisher niemand Skype ernsthaft in Frage gestellt hat. Ab jetzt geht es für Skype um die Wurst, und angesichts der allgemeinen Unfähigkeit von Microsoft, sich und seine Produkte an neue Rahmenbedingungen anzupassen, sehe ich Viber hier in einer deutlich vorteilhafteren Position, bei Privatnutzern zu punkten.

Viber besitzt keine Erlösquelle

Allerdings schwebt die bisher nicht existente Monetarisierung wie ein Damoklesschwert über Viber. Die App wird kostenfrei angeboten, Werbung gibt es keine, ebensowenig wie eine Erlösquelle in Form kostenpflichtiger Telefonate in Fest- und Handynetze. Laut forbes.com sollen nach Aussage von Viber-Chef Talmon Marco im Laufe des Jahres umsatzgenerierende "Zusatzdienste" eingeführt werden. Vielleicht meint er ja Stickers/Emoji.... 20 Millionen Dollar sollen bisher in die Entwicklung von Viber investiert worden sein, bereitgestellt von "Freunden und Familie". Das ist in dieser Höhe nicht nur ungewöhnlich - es garantiert fast, dass Viber seinen Mitgliedern künftig noch Kopfschmerzen bereiten wird, wenn es daran geht, Geld zu verdienen. Glück für das Unternehmen, dass die meisten User sich bereitwillig dem Lock-In-Effekt eines weiteren proprietären Messagingdienstes hingeben, um sich später über seine Monetarisierungsmaßnahmen und absehbaren Datenschutzverstöße beklagen zu können. Ich bin jetzt übrigens auch dabei. /mw

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