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21.07.07

Mobile Computing: Viel Bewegung, wenig Fortschritt

Vor eineinhalb Jahren habe ich in diesem Blog mal darüber spekuliert , wie die nähere Zukunft der tragbaren Computer aussehen könnte. Und mit tragbar meine ich nicht die üblichen Laptops, sondern Geräte, die man sich wirklich in die Tasche stecken kann.

Seither ist relativ viel passiert: Bemerkenswerte neue Minicomputer -- oft als "Handtop" bezeichnet -- von OQO , Sony, Flipstart und Motion sind auf den Markt gekommen. Tablet PCs sind inzwischen so salonfähig geworden, dass selbst Massenanbieter wie Dell auf diesen Zug aufgesprungen sind . Microsoft und seine Verbündeten haben zur CeBit 2006 mit viel Lärm den "Ultra-Mobile PC" (UMPC) lanciert. Die einst so nüchterne Blackberry-Linie hat multimedialen Zuwachs bekommen. Und nicht zuletzt sind mit dem Apple iPhone und den Top-Geräten aus dem Hause Nokia Smartphones auf den Markt gekommen, die leistungsmässig mehr mit PCs als mit klassischen Handies zu tun haben.

Alles wunderbar, und doch ist der echte Fortschritt im Markt eigentlich enttäuschend: Tablet PCs hatten 2006 gerade mal einen Marktanteil von 1.4%. Die noch ausgefalleneren Handtops sind im Markt noch so unbedeutend, dass sie gar nicht erst in den Statistiken auftauchen. Der UMPC ist ein veritabler Flop. Und Smartphones machen immer noch erst 10% des globalen Mobiltelefonmarktes aus, deutlich angeführt von dem inzwischen auch schon ziemlich angestaubten Symbian-Betriebssystem.

Auch der Fortschritt hinsichtlich Funktionalität der Mobilgeräte überzeugt nicht. Die letzte echte Innovation mit praktischem Wert war vermutlich Push-eMail. Seither versuchen die Hersteller nur noch, immer mehr aus den bestehenden Plattformen herauszukitzeln oder ihre übergewichtigen Desktop-Betriebssysteme in tragbare Geräte hineinzuquetschen. Neue Features wie eingebautes GPS haben von der Produktreife her erst den Status von Spielereien für geduldige Gadgetfreaks erreicht. Neue Userinterface-Elemente wie Handschrifterkennung können noch immer nicht wirklich überzeugen.

Da fragt man sich doch: was läuft hier falsch? Ich glaube, dass es drei Gründe für diese etwas unbefriedigende Entwicklung gibt:

Erstens: Die Suche nach dem "Dominant Design"

Für Mobile Computing haben sich bisher noch keine eindeutigen Produktkategorien mit gut definierten Featuresets und standardisierten Benutzeroberflächen herausgebildet. In der Innovationsliteratur nennt man so eine Kombination "Dominant Design".

Beispiel: In der Autoindustrie gibt es z.B. Kleinwagen, Limousinen, Kombis, SUVs und Kleintransporter. Bei all diesen Kategorien ist relativ klar, was typischerweise die Möglichkeiten sind, und der Konkurrenzdruck sorgt auch für ein relativ einheitliches Preisniveau. Alle Jubeljahre taucht mal eine neue Produktklasse auf, beispielsweise der Minivan, aber auch da kocht sich das Featureset recht schnell auf einen klaren Standard runter. Und das Userinterface (Steuerrad, Pedale, Ganghebel) ist auch klar definiert. Darum können die Hersteller wirklich den Kundennutzen und die Positionierung ihrer Produkte optimieren, statt quer in der Gegend herum zu innovieren.

Anders beim Mobile Computing heutzutage: Weder Hersteller noch Kunden wissen so genau, was von einem bestimmten Gerätetyp erwartet werden kann und welche Aspekte man optimieren sollte. Wenn ich meinen OQO demonstriere, werde ich fast immer gefragt, ob man damit denn telefonieren kann. Nein, kann man nicht. Das Konzept eines Winzig-PCs ist den meisten Leuten unbekannt -- und das verständlicherweise. Vor lauter Innovationsfreude hat es die Branche bis auf wenige Ausnahmen noch nicht geschafft, sich für Mobilgeräte auf klare, wiedererkennbare Kategorien einzuschiessen.

Stattdessen übt sich die Branche in der ziellosen Verlängerung von Featurelisten. Alle möglichen und unmöglichen Funktionalitäten werden in die Geräte hineingequetscht, ohne Rücksicht darauf, ob die Technologie denn schon ausgereift ist und ob der Kunde das alles überhaupt will. Bleibt zu hoffen, dass Apples Ansatz beim iPhone (Kann längst nicht alles, das aber dafür gut) bei anderen Herstellern Schule macht.

Zweitens: Performancelücken an entscheidenden Stellen

Wohl niemand würde ein Auto fahren, das mit einer Tankfüllung nur 50km weit kommt. Bei den Batterielaufzeiten für tragbare Computer sind wir aber faktisch auf einem vergleichbar bescheidenen Niveau steckengeblieben. Die Netzunabhängigkeitszeit überschreitet selten ein paar wenige Stunden. Und bei Handtops reduziert sich der Nutzen schon sehr drastisch, wenn man zum Gerät noch ständig ein Netzteil mitschleppen muss, das beinahe grösser ist als der Computer selbst.

Ähnlich sieht das mit den Benutzeroberflächen und vor allem den Eingabeoptionen aus. Noch immer gibt es keine wirklich brauchbare Alternative zu Tastaturen. Weder Sprach- noch Handschrifterkennung bewegen sich heute auf einem Niveau, das wirklich alltagstauglich ist. Innovationen wie der Multitouch-Screen beim iPhone sind für viele Dinge gut, aber nicht für die Texterfassung. Darum verwenden die meisten Devices immer noch winzige physische Tastaturen, die aber letztlich auch unbefriedigend sind. Geräte unterhalb der Grösse eines kleinen Laptops sind darum faktisch heute noch nicht für Content-Produktion (z.B. längere e-Mails, Folien, Blogeinträge) geeignet.

So lange die Performance in diesen entscheidenden Bereichen nicht deutlich ansteigt, werden nur wenige Leute bereit sein, sich mit den Unzulänglichkeiten dieser Geräte herumzuärgern.

Drittens: Zu hohe Kosten für die wirklich nützlichen Features

Kommunikation ist ganz offensichtlich eine essentielle Funktion für jedes mobile Gerät und vermutlich auch die wichtigste Nutzenquelle. Aber die Kostensituation im mobilen Datenfunk ist immer noch desolat. Zwar ist die Abdeckung mit 3G/UMTS-Netzen schon ziemlich gut, und auch WiFi gibt es an immer mehr Stellen. Aber die Preise, die für diese Dienste verlangt werden, sind auf die Spesenkonten reisender Geschäftsleute ausgelegt, wo ein paar Hunderter mehr oder weniger keine grosse Rolle spielen. Konsumenten zahlen diese Phantasiepreise nicht, und darum bleibt dem mobilen Surfen bisher die Durchsetzung auf breiter Front auch weitgehend verwehrt. Die Erfahrung in Japan und teilweise den USA zeigt, dass erst mit günstigen Flat Fees für Datentransfer der Massenmarkt erschlossen werden kann.

Bleibt zu hoffen, dass die in immer mehr Städten geplanten kostenlosen WiFi-Netze hier einen Durchbruch bringen. Denn einen wirklich mobilen Computer herumzuschleppen lohnt sich eben erst, wenn man damit auch kostengünstig kommunizieren kann.

Bei einigen dieser Probleme ist es wohl primär eine Frage der Zeit, bis sie gelöst werden können. Aber in allen drei Bereichen müssen noch signifikante Fortschritte passieren, bevor Mobile Computing wirklich in eine neue Phase eintreten kann. Und so lange müssen wir wohl die vielen experimentellen Geräte mit all ihren Schwächen hinnehmen.

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