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06.03.08

MIX08 Las Vegas Silbernes Licht vs Blitz: MS mit Silverlight 2.0 gegen Flash

Eigentlich haben Ray Ozzie und Scott Guthrie von Microsoft heute an der MIX08 in Las Vegas zum Grossangriff gegen Adobes Flash geblasen. Insofern war ich etwas überrascht über den gemässigten Ton der Keynote, bis ich mir in Erinnerung gerufen habe, dass die Microsofties hier vor 3000 Entwicklern und Designern sprachen: Bergpredigten zu den versammelten Jüngern im Stil der Jobs-Keynotes an der MacWorld sind nicht angebracht, Entwickler interessieren sich weniger für die Marke ihrer Tools als deren Leistungsfähigkeit.

Und weil der Flash-Konkurrent von Microsoft Entwickler und Designer gleichermassen anspricht, indem er endlich einen gemeinsamen Workflow und Echtzeit-Anpassungen beider Seiten zugleich ermöglicht, sind hier neben den üblichen Hackern unzählige Design-Spezialisten mit MacBooks unterwegs.

Stark vereinfacht ermöglicht Silverlight eine wesentlich einfachere und technisch offenere Integration von animierten Inhalten in Websites: Vektorgrafik, Video und andere Multimedia-Inhalte waren bisher in erster Linie mit Adobes Flash einbindbar. Silverlight 2.0 bietet dem Quasi-Monopol jetzt eine formidable Konkurrenz, die sich vor allem wegen der Interaktions-Vorteile auf Seite der Entwickler und Webdesigner, aber auch durch den offenen Standard der aus XML abgeleiteten Sprache XAML rasch verbreiten dürfte.Und natürlich durch die strategischen Partner, die sich Microsoft für die Lancierung von Silverlight 2.0 gesucht hat, wie Nokia, die das Plugin raschmöglichst auch für die Handy-Plattformen S60 und S40 zur Verfügung stellen will, Werbevermarkter Doubleclick, AOL, die ihre Mailapplikation vollständig in Silverlight umbaut und NBC, die im Sommer die olympischen Spiele als Webanbieter mit Videostreaming auf Basis von Silverlight verbreiten wird.

Für die Benutzer macht Silverlight mit massiv erweiterten Grafikmöglichkeiten wie Bild-in-Bild-Video, Timeshift bei Livestreams, transparenten Untertiteln (in Echtzeit), überlagernde Steuerelemente und "Alarme", auf die Streaming-Inhalte bezogene Zusatzinformationen in anderen Fenstern und dergleichen spürbar.

Wie interaktives Fernsehen auf Drogen wirkte die Demo von Perkins Miller von der Digital Media-Abteilung von NBC, der die Plattform für 2200 Stunden Live-Video und tonnenweise Multimedia-Informationen über die olympischen Spiele in China vorstellte - in einer nie dagewesenen Form, die meiner Ansicht nach alles an intuitiver Bedienung und an Interaktion übertrifft, was ich bisher an reichen Inhalten im Web gesehen habe.

Das Cross-Plattform Medien-Plugin Silverlight, das für die wichtigsten Betriebssysteme und Browser verfügbar ist, bietet aber vor allem den Entwicklern enorme Vorteile bei der Einbindung von Medien in Websites - Designer und Ingenieure arbeiten dank XAML-Beschreibungssprache am gleichen Code und können Auswirkungen ihrer Anpassungen sofort überprüfen; Standalone-Anwendungen auf Basis des Grafikstandards WPF, der Vista zugrunde liegt, sind blitzschnell auf die abgespeckte WPF-Version Silverlight zu portieren; Silverlight-Content ist zudem für Suchmaschinen deutlich leichter auszuwerten als Flash und ermöglicht dank der zugrundeliegenden WPF-Grafiktechnologie enorme Performancesteigerungen. Der Standard wird als OpenSource zur Verfügung gestellt, Microsoft bietet mit VisualStudio eine integrierte Entwickler- und mit der Expression-Suite eine Designer-Umgebung, die beide Silverlight-Inhalte nahtlos integrieren können.

Einem Laien mit meinem Halbwissen ist es anhand der heutigen Präsentationen kaum möglich, die Vorteile der Entwicklung von Inhalten - Beispielsweise "enriched Banner Ads" mit ein paar Mausklicks - mit bisherigen Technologien zu vergleichen. Aber die Webentwickler, mit denen ich nach der Keynote gesprochen habe, waren beeindruckt.

Das gilt ganz speziell für die Performancesteigerungen - denn anders als der gemeine Websurfer kannten die Experten Silverlight, das seit knapp zwei Jahren in ersten Versionen verfügbar war, bereits. Die heute gezeigten Leistungssteigerungen aber liessen ein Raunen und bisweilen Applaus durch die ansonsten nüchternen (oder übernächtigten? Der Blogger neben mir schlief durch die gesamte Keynote hindurch) Reihen der Konferenzbesucher gehen.

Die eine besteht ganz einfach darin, dass Silverlight den Prozessor des Rechners bei Grafikfunktionen wenig belastet, weil es Hardwarebeschleunigung unterstützt und grosse Teile der Manipulationen direkt von der Grafikkarte durchführen lässt. Demos zeigten, dass die Prozessorlast im zehn-Prozent-Bereich auf einem Vista-Rechner nur um wenige Prozent steigt, wenn auf ein laufendes Video Zusatzeffekte wie Wellen oder Lupe angewandt werden.

Viel Hallo und Applaus erhielt aber vor allem "Adaptive Streaming". Dabei sorgen Browser und Server gemeinsam für einen in Echtzeit angepassten, optimalen Datenstrom. Das bietet beiden Seiten gigantische Vorteile: Der Websurfer hat nicht mehr mit ruckelndem Video zu kämpfen, der Anbieter bezahlt nur noch die Bandbreite für effektiv genutzte Datenübertragungen.

Es funktioniert so: Heute muss in der Regel der Nutzer am Browser vor dem Aufruf eines Videos oder eines sonstigen Datenstreams seine verfügbare Bandbreite händisch eingeben (und sie dazu zuerst kennen) und wird danach mit einem Datenstrom einer fixen Qualität bedient. Wenn in der Zwischenzeit - was derzeit hier im "Venetian" in Las Vegas im Minutentakt passiert - die real verfügbare Bandbreite einbricht, gerät das Video ins Stocken.

Silverlight vermag diesen Effekt durch eine Kommunikation zwischen Client und Server zu verhindern: Anfangs liest das Plugin die Leistung des Rechners aus und bestellt beim Server den passenden Datenstrom; wenn sich im Laufe der Übertragung Veränderungen ergeben, passen Plugin und Server gemeinsam den Strom sofort nahtlos an: Die Qualität des Videos wird ohne Unterbruch vorübergehend gesenkt, bis die nötige Bandbreite wieder verfügbar ist. Die Qualitätseinbusse in der Ausgabe erfolgt dabei für den Benutzer in einem sanften Übergang fast unmerklich.

Für die Anbieter hält Silverlight eine zweite Funktion bereit, welche die Bandbreitenauslastung vor allem bei sehr grossen Datenströmen zu senken vermag, ohne die Benutzererfahrung zu schmälern. Für jeden Stream kann nämlich serverseitig die Puffergrösse festgelegt werden. Bisher wird der Datenstrom nach dem Abruf des Benutzers ungebremst in den Puffer des Client geschoben - ungeachtet dessen, ob der "Kunde" das Video auch wirklich konsumiert oder es nach drei Sekunden auf Pause gesetzt hat und nie mehr zu Ende schaut. Mit Silverlight wird nach wie vor eine bestimmbare Datenmenge in den Puffer hochgeladen - aber in einem begrenzbaren Mass, beispielsweise mit zehn Sekunden Vorlaufzeit. Bricht der Client das Streaming ab, so ist die im Voraus geladene Datenmenge nur wenig grösser als der tatsächlich konsumierte Inhalt. Damit dürften Anbieter grosser Dateien wie Online-Filmverleiher enorme Einsparungen in der real benutzten - und zu bezahlenden - Bandbreite erzielen.

Heute sei vor allem das committment von Microsoft für die Technologie und die Entwicklerseite zu spüren gewesen, gab mir ein Besucher aus der Entwickler-Gemeinde zu Protokoll. Das entspricht der von Ray Ozzie eingangs der Keynote wiederholten Strategie hin zum Webcomputing, zum totalen Austausch zwischen beliebigen Geräten und zur gesteigerten Leistungsfähigkeit durch eine Architektur von interoperablen Code-Teilen statt integrierten Anwendungen.

Diese Vision hat Bill Gates vor ziemlich genau acht Jahren mit der .Net-Strategie verkündet. Jetzt werden die Auswirkungen auch für Benutzer immer deutlicher sichtbar. Silverlight ist neben dem soeben lancierten Live-Office und weiteren Umsetzungen wohl ein Vorstoss, der das angestammte Softwaregeschäft von Microsoft am wenigsten gefährdet, aber enormes Potential bietet, selbst wenn es sich um einen offenen Standard handelt - denn wie so oft dürfte die Technologie am besten im Zusammenspiel mit Microsoft-Produkten vom Server bis zur Entwicklungssoftware funktionieren.

Weil dabei aber die Entwickler grosse Vorteile erkennen und den Nutzern ein besseres Multimedia-Erlebnis versprochen wird, soll sich Silverlight in den kommenden Monaten rasch verbreiten. Mit Silverlight 1.1 hat Microsoft heute 1.5 Millionen Plugin-Downloads täglich zu verzeichnen - dank der Beta von Silverlight 2.0 dürfte sich diese Rate in den kommenen Wochen und Monaten rasch vervielfachen.

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