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26.08.10

Mit Gmail Telefone anrufen: Wie Google den VoIP-Markt umkrempelt

Ab sofort lassen sich direkt aus Gmail Festnetztelefone und Handys anrufen. Spätestens wenn das offiziell nur in Nordamerika verfügbare Feature international gelauncht wird, gerät Konkurrent Skype ordentlich unter Zugzwang.

 

Wie gerade schon in Linkwertig berichtet , ist es ab sofort möglich, direkt aus Googles E-Mail-Tool Gmail heraus VoIP-Telefonate auf Festnetz- und Handyanschlüsse zu führen. Offiziell funktioniert dies bisher nur für Gmail-Nutzer in den USA und Kanada, aber zu meiner Überraschung fand ich das neue "Call phone"-Feature heute früh auch in der Gmail-Navigation meines Testaccounts vor (ich nutze eigentlich kein Gmail).

Schnell fiel mir auch ein, warum: Vor einigen Monaten stieß ich auf eine Anleitung (Alternative), wie man Googles vollwertigen VoIP-Service Google Voice von außerhalb des nordamerikanischen Kontinents aus aktivieren kann, und folgte den Schritten, um den potenziell revolutionären Dienst einmal auszuprobieren (eine Einladung ist mittlerweile nicht mehr notwendig!).

Das klappte auch, und plötzlich hatte ich eine US-Telefonnummer, angeschlossen an ein nagelneues Google-Voice-Konto. Seitdem habe ich den Dienst nicht mehr angerührt (eine US-Nummer bringt einem in Europa wenig, zudem telefoniere ich ja kaum noch), aber allein die Freischaltung eines Google-Voice-Accounts unter einmaliger Vorgabe, eine US-IP-Adresse zu besitzen, scheint für die Aktivierung des VoIP-Features in Gmail auszureichen.

Ich habe eben auch versucht, ein neues Gmail-Konto zu eröffnen und als Standort USA angegeben, die Telefon-Funktion taucht jedoch nicht auf. Insofern scheint die Freischaltung von Google Voice momentan der sicherste Weg zu sein, das VoIP-Feature in Gmail zu aktivieren. Wer eine andere Lösung kennt, an das neue Feature zu gelangen, darf sich dazu gerne in einem Kommentar äußern.

Update: Wie aus den Kommentaren ersichtlich wird, ist unklar, nach welchen Kriterien Google die neue Funktion freischaltet. Offenbar erhielten auch einige Nutzer im deutschsprachigen Raum Zugriff, ohne Google Voice aktiviert zu haben. Ähnliche Erfahrungsberichte finden sich bei Twitter.

Warum sollte man sich also die Mühe machen und Google Voice freischalten?

Nun, zum einen funktioniert das Anrufen von Mobil- und Festnetzgeräten über Gmail direkt aus dem Browser heraus - lediglich die einmalige Installation eines Plugins ist notwendig. Und ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass viele netzwertig.com-Leser ohnehin den ganzen Tag Gmail in ihrem Browser geöffnet haben. Gerade in der Web- und Medienwelt ist Gmail der mutmaßlich populärste aller webbasierten E-Mail-Dienste.

Zudem bietet Google mindestens bis zum Jahresende, eventuell aber auch darüber hinaus, kostenlose Anrufe in die USA und nach Kanada. Wer also beruflich häufig über den Atlantik telefoniert oder Freunde in Nordamerika hat, kann diese über Gmail auf ihren Festnetz- oder Mobiltelefonen anrufen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen.

Für Gespräche in andere Ländern gelten die Tarife von Google Voice. So kostet ein Festnetzanruf nach Deutschlad 2 US-Cent (1,57 Euro-Cent) pro Minute (beim Aufladen des Gesprächsguthabens über Google Checkout kommen noch Steuern hinzu), Handys erreicht man für 17 US-Cent (knapp 14 Euro-Cent) je Minute.

Beim VoIP-Marktführer Skype werden neben einer einmaligen Gebühr für die Bereitstellung des Gesprächs dagegen 20 Euro-Cent pro Minute auf deutsche Handys fällig. Der kürzlich hier vorgestellte deutsche Skype-Konkurrent FriendCaller liegt preislich ungefähr auf der Linie von Google, hat allerdings nicht den Vorteil, direkt in eines der beliebtesten Produktivitätstools des Webs integriert zu sein.

Mit der Implementierung der Telefonfunktion in Gmail sowie kostenlosen Anrufen in Fest- und Mobilnetze setzt Google einmal mehr auf das, was es am besten kann: Die Konkurrenz mit einem Produkt zu überrollen, das im Vergleich zu Wettbewerbern entweder besser ist, oder aber zumindest günstigere Konditionen bietet. Google nutzt hier wie üblich seine Möglichkeiten der Querfinanzierung unter Zuhilfenahme der Erlöse aus dem Werbegeschäft.

Für Konkurrenten - speziell für Skype, das bisher für die meisten Endanwender die natürliche/erste Wahl war, was VoIP betraf - ist das neue Feature eine große Bedrohung, denn es bietet eine Umsatz generierende Kernfunktion von Skype innerhalb eines existierenden, weit verbreiteten Konkurrenzproduktes an, und das noch dazu zu geringeren (bzw. gar keinen) Kosten.

In Panik muss Skype sicher noch nicht ausbrechen, die Begrenzung des neuen Gmail-Features auf Nordamerika verhindert derzeit eine globale Massenabwanderung von Skype zu Gmail. Doch spätestens wenn der internationale Launch der "Call phone"-Funktion ansteht, wird es spannend. Dann muss Skype reagieren: Entweder mit einer Browserversion des Dienstes. Oder mit deutlich geringeren Tarifen. Am besten beides. Sonst wird das einen Börsengang anstrebende Unternehmen beim anstehenden VoIP-Showdown nicht gerade gut aussehen.

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