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27.10.10

Micropayments: PayPal macht Ernst

PayPal startet eine neue Micropayment-Lösung, die Zahlungen von Kleinstbeträgen wirtschaftlich machen soll. Gleichzeitig vereinfacht die eBay-Tochter den Bezahlprozess auf externen Websites und launcht ein Zwei-Klick-Zahlungssystem für mobile Apps und Sites.

 

Nicht selten, wenn wir in einem Artikel den Onlinezahlungsdienst PayPal erwähnen, tauchen in den Kommentaren negative Erfahrungsberichte über das zu eBay gehörende Unternehmen auf - meist von Usern, die Produkte oder Services verkauft, über PayPal Geld in Empfang genommen und in diesem Zusammenhang mit der Leistung des Dienstes unzufrieden waren.

Und dennoch gehört PayPal für mich als Käufer im Web zu den bevorzugten Onlineservices überhaupt. Wer einmal die eigenen Kontodaten hinterlegt und verifiziert hat, kann mit minimalem Aufwand bei einer Vielzahl von Diensten und Shops online bezahlen, ohne jedes Mal aufs Neue die persönlichen Daten eingeben zu müssen.

Während ich keine Erfahrung mit dem Einsatz von PayPal als Verkäufer gemacht habe, hat der Dienst meinen Internetalltag als Nutzer deutlich vereinfacht. Und wie es scheint, möchte die eBay-Tochter die verbliebenen Barrieren bei Onlinezahlungen weiter abbauen:

Am Dienstagabend hat das Unternehmen Details zu seiner bereits erwarteten Micropayment-Lösung für digitale Güter bekanntgegeben. "PayPal for digital goods" soll das Online-Äquivalent zum Münzeinwurf darstellen, mit dem man beispielsweise eine Zeitung aus einer Selbstbedienungsbox entnimmt oder ein Arcade-Videospiel zockt (beides allerdings demnächst Relikte aus der Vergangenheit).

Die neue Lösung gilt für alle Transaktionen bis maximal 12 Dollar und zeichnet sich im Gegensatz zu herkömmlichen PayPal-Käufen durch niedrigere Gebühren für Zahlungsempfänger aus. Während diese bei PayPal-Zahlungen innerhalb der EU 0,35 Euro + 1,9% des Betrages an PayPal zahlen (bei einem Monatsumsatz von über 5.000 Euro verringert sich der Prozentwert etwas), werden bei der neuen Micropayment-Option 5 Prozent + 0,05 US-Dollar, also umgerechnet weniger als 0,04 Euro fällig.

In der Praxis bedeutet dies, dass bei dem Kauf eines virtuellen Guts für beispielhafte 1 Euro der Verkäufer statt wie bisher 0,369 Euro (1,9 Prozent + 0,35 Euro) lediglich 0,09 Euro (5 Prozent + rund 0,04 Euro) an PayPal abführen muss. PayPal löst damit das bisher größte Problem von Micropayments, nämlich die Unwirtschaftlichkeit von Zahlungen mit geringem Wert aufgrund hoher Transaktionskosten.

PayPals neues Angebot erlaubt Anbietern von digitalem Content und virtuellen Produkten, einen deutlich größeren Teil ihrer Umsätze zu behalten, als dies beispielsweise in Apples App Store oder in Googles Android Market der Fall ist - Apple bzw. Google beanspruchen jeweils 30 Prozent der Erlöse aus App-Verkäufen (sowie aus In-App-Verkäufen, die bisher jedoch nicht für Android-Apps angeboten werden).

Zu den Startpartnern der neuen Micropayment-Option, die noch in diesem Jahr für alle offiziell launchen soll, gehören unter anderem Facebook, das von uns geschätzte Blog GigaOm sowie die Website der Financial Times ft.com. Während es bisher aus dem zuvor beschriebenen Grund der hohen Transaktionskosten für Websites kaum attraktiv war, einen spezifischen Artikel, eine konkrete Funktionalität oder ein einzelnes virtuelles Gut in einem Browserspiel einzeln abzurechnen, entfällt diese Einschränkung mit dem neuen PayPal-Angebot.

Was nicht entfällt, ist dagegen der Aufwand für die User, einzelne Käufe via PayPal zu autorisieren. Mit einem neuen Zahlungswidget will PayPal allerdings auch diesen Aspekt entschärfen. Eine integrierbare PayPal-Box erlaubt Anwendern die Abwicklung einer Zahlung auf einer externen Website, ohne dass sie dafür wie bisher auf PayPals Website weitergeleitet werden.

Auch im Bereich des mobilen Bezahlens legt PayPal Hand an und stellt Entwicklern ein Zwei-Klick-Zahlungssystem für mobile Apps sowie Websites zur Verfügung. Während ich nicht sicher bin, wie Apple auf diesen anfänglich vor allem auf iPhone-Apps ausgerichteten Vorstoß reagieren wird, könnte dies eine sehr interessante Option für Entwickler sein, die bei einer Abwicklung von In-Game-Verkäufen über PayPal (zumindest als Alternative) deutlich mehr von ihrem Umsatz einbehalten können als bei einer Zahlung über den iTunes Store.

2010 wird für immer als das Jahr angesehen werden, in dem sich das Prinzip der Online-Micropayments (natürlich nicht zuletzt auch durch Flattr) von einem Ding der Unmöglichkeit zu einer spannenden Alternative zu herkömmlichen Zahlungsoptionen wie periodischen Abos oder Prepaid-Verfahren entwickelt hat.

Bleibt zu hoffen, dass Webanbieter nun nicht auf dumme Ideen kommen und zahlreiche Services sowie Inhalte, die bisher kostenfrei verfügbar waren, hinter Micropayment-Schranken wegsperren. Nicht alles, was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis zwangsweise eine kluge Entscheidung.

Update: Leser Klaus Wolfrum weist auf eine bereits bestehende Mikrozahlungsoption von PayPal Labs hin , die bei Verkäufen von unter 3 Euro zwar noch nicht die jetzt angekündigten Vergünstigungen erzielt, aber dennoch zu deutlich weniger Gebühren führt als die klassische PayPal-Zahlung.

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