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17.03.10

Marktbeherrschend, aber wohlwollend: Warum der Umgang mit Google so schwer fällt

Google steht verstärkt im Kreuzfeuer. Die Macht des US-Internetgiganten beunruhigt viele, die Furcht vor den Konsequenzen einer marktbeherrschenden Stellung steigt. Doch Google selbst verhält sich vorbildlicher als viele andere Wirtschaftsteilnehmer.

Google schlägt seit einigen Zeit eine steife Brise entgegen. Je mehr der Internetgigant seine Fühler in neue Geschäftsbereiche ausstreckt, je überlegener sich seine Produkte im Vergleich zu denen der Konkurrenz präsentieren, und je umfangreicher und verknüpfter Googles Wissen über seine Benutzer wird, desto kritischer verhalten sich Politik, Verbraucher- bzw. Datenschützer, Interessenvereinigungen sowie Wettbewerber gegenüber dem Ausnahmeunternehmen.

Auch wenn Google nicht - wie ihm gerne nachgesagt wird - ein Monopol errichtet hat, so ist es zumindest in einigen Sektoren marktbeherrschend oder kurz vor dem Erreichen eines solchen Status. Unternehmen, die eine derartige Macht inne haben, gelten gemeinhin als Bedrohung.

Firmen, die quasi ohne ebenbürtige Konkurrenz agieren, neigen dazu, diese Stellung auszunutzen - durch höhere Preise zum Beispiel, durch mangelnden Service oder dadurch, sekundäre Kundenwünsche zu ignorieren. Das Fehlen einer wirklichen Alternative führt dazu, dass der Anbieter den Markt diktiert, und Konsumenten müssen sich fügen, möchten sie nicht ganz auf das Produkt oder die Dienstleistung verzichten.

Das allgemein verbreitete Bild eines Unternehmens mit marktbeherrschender Stellung ist das eines bösen, schwerfälligen und im Geld schwimmenden Riesens, dem durch kartellrechtliche Maßnahmen das Handwerk gelegt werden muss.

Und dann kommt Google daher: Zwar nicht mit einer perlweißen Weste, aber mit einer, die weißer ist als die der meisten anderen Wirtschaftsteilnehmer, egal welcher Größe.

Google ist nicht böse. Zumindest, soweit sich dies von außen einschätzen lässt. Betrachtet man das Gesamtbild und lässt Ausrutscher wie den aufmerksamkeitsstarken, aber aggressiven Launch von Google Buzz außer Acht, dann scheint Google seinen Slogan durchaus ernst zu nehmen:

Paradiesische Arbeitsverhältnisse für seine über 20.000 Angestellten mit Gratismahlzeiten und der Möglichkeit für eigene Projekte innerhalb der Arbeitszeit, zahlreiche Nonprofit-Initiativen und Spendeneinsätze sowie ein vergleichsweise starkes Enagement für Offenheit und nachhaltige Produkte/Services sprechen eine deutliche Sprache. Sicherlich können diese Aspekte in die Irre führen und Googles im Endeffekt oberstes Ziel der Gewinnmaximierung in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund drängen. Doch gerade DASS eine auf Profit ausgerichtete Organisation derartig "wohlwollend" agieren kann, hebt sie vom Gros der Wirtschaft ab.

Google ist auch nicht schwerfällig. Im Gegenteil: Im Wochentakt veröffentlicht es neue Services, implementiert Verbesserungen bestehender Dienste und experimentiert mit Neuentwicklungen auf etablierten und unbekannten Märkten. Googles Innovationstempo ist so hoch, dass es selbst für Blogger wie uns schwierig ist, nicht den Überblick über Produktlaunches und frische Funktionen zu verlieren. Schwerfälligkeit klingt anders.

Bleibt noch das Schwimmen im Geld. Die Situation von Google auf diese Weise zu beschreiben, ist sicher nicht ganz abwegig. Aber während der böse (Quasi-)Monopolist sein Vermögen durch das rücksichtslose Ausnehmen seiner Kunden/Geschäftspartner anhäuft, verdankt Google seine hohe Profitabilität ganz einfach einem genialen Geschäftsmodell, der Suchwortvermarktung. Diese läuft auch nach vielen Jahren noch so hervorragend, dass der Konzern die meisten seiner Services kostenlos anbieten und teilweise auch als OpenSource veröffentlichen kann. Ein marktbeherrschendes Unternehmen, dass seine Angebote verschenkt? Auch das passt so gar nicht in das bekannte Muster mächtiger Wirtschaftsgiganten.

Google schreibt derzeit die Wirtschaftslehre neu, indem es vor der absoluten Dominanz mehrerer Märkte steht, ohne dabei die klassischen Nebenwirkungen eines solchen Prozesses aufzuweisen. Das verunsichert Politik, Gerichte und andere beteiligte Akteure. Wie aus Reflex suchen Gesetzgeber und sich von Google bedroht fühlende Lobbyorganisationen nach Möglichkeiten, dem Unternehmen den Stempel des Bösen aufzudrücken. Sie suchen nach den Flecken auf der weißen Weste. Selbstverständlich existieren diese. Die Frage ist, wie lange man nach ihnen suchen muss und wie stark sie die Gesamterscheinung stören.

Wohin die Reise für Google geht, ist ungewiss. Anfeindungen und Kritik dürften in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen. Solange das Unternehmen seiner Linie treu bleibt und als böse wahrgenommene Handlungen so gut es geht vermeidet, wird der Umgang mit Google nicht leichter werden. Im Gegenteil. Googles Macht und Einfluss werden global wachsen und immer mehr Branchen durch die US-Firma unter Druck geraten. Das verstärkt die Front gegen den Internetkonzern weiter.

Am Ende könnte das stehen, was mein ehemaliger netzwertig.com-Kollege Marcel Weiss gestern auch bei Twitter formulierte: Eine Zerschlagung aus kartellrechtlichen Gründen. Google kann sich noch so sehr anstrengen, keiner Mücke ein Haar zu krümmen. Wenn ein Unternehmen sich in einer so starken Position befindet wie Google, dann könnte womöglich schon das Querfinanzieren von Gratisprodukten als Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung ausgelegt werden. Was dann passiert und was eine eventuelle Zerschlagung von Google für das Web bedeuten würde, kann ich mir heute kaum ausmalen.

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