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25.08.08

Mainstreaming media: Wozu Herausgeber?

Chefredakteure und Herausgeber waren einst die Wächter über die Qualität des Printprodukts. Online übernehmen diesen Job aber die Leser - wozu also brauchts den "Editor" noch?

Wenn Jeff Jarvis mit dem Finger schnickt, dann sind die Medienseiten der Zeitungen meist voll mit dem angetippten Thema. Diesmal, bei der Frage, weshalb es zukünftig noch Herausgeber bzw. Chefredakteure für eine Zeitung geben müsse, blieb es merkwürdig ruhig im deutschen Blätterwald. Das muss dann wohl an den Herausgebern liegen ...

Der Tenor von Jeff Jarvis' Artikel lag auf der folgender Linie: Der Chefredakteur oder 'Editor' sorge üblicherweise dafür, dass der Themenmix stimme, dass keine lästigen Klagen zu erwarten seien, dass die vorgegebene redaktionelle Linie eingehalten würde, dass keine stilistischen Böcke geschossen werden - und er kontrolliere zudem, ob eine Geschichte auch 'ausrecherchiert' sei.

Die meisten dieser Funktionen - so Jarvis - würden aber online inzwischen die Mitglieder der Community erledigen, durch die dialogische Struktur der neuen Medien forme sich jeder seiner Artikel wie von selber 'rund', wenn man den Thread hinzurechne: "Die Berichterstattung wandelt sich vom Produkt zum Prozess". Also könne man - angesichts der redaktionellen Sparzwänge - doch als erstes die Position des Herausgebers oder Chefredakteurs abschaffen - und seine Funktion durch einen 'Community organizer' ersetzen.

In Jarvis' "Buzz Machine" läuft derzeit noch ein zweiter Strang der Debatte mit interessanten Kommentaren. Das alles ist natürlich starker Toback - besonders für Chefredakteure. Dementsprechend hoch schlugen die Wogen. Nur eben nicht hierzulande.

Bei uns scheint die Rolle des Herausgebers oder Chefredakteurs eher darin zu bestehen, operativ ein 'mainstreaming media' zu betreiben, damit der allgemeine Nachrichtenstrom keine aufregenden Wirbel oder Strudel zeigt, sondern sanft und gleichförmig abfließt, wie es der folgende Fall illustriert: Beim hochbedeutenden 'Delmenhorster Kreisblatt' wurde am 21. August der stellvertretende Chefredakteur Ulrich Arlt gefeuert, angeblich weil dieser alte Hase nach 28 Jahren Redaktionserfahrung plötzlich wie ein Jungspund grundlegende journalistische Standards außer acht gelassen habe - bei der Berichterstattung über eine Provinzposse der niedersächsischen SPD, die sich gerade mit aller Gewalt von ihrer politischen Zukunft zu verabschieden trachtet. Für das Delmenhorster Kreisblatt war Arlt bei diesem Thema bisher 'federführend'.

Die Story: Der SPD-Landesvorsitzende Garrelt Duin, selbst verankert im SPD-Bezirk Nordwest, will die Delmenhorster Kreisvorsitzende Swantje Hartmann plötzlich notschlachten, obwohl er sie als größte Hoffnung der Sozialdemokratie im Lande aufgebaut hat. Seit einem rätselhaften Treffen der SPD-Granden auf Borkum ist alles ganz anders geworden, sagenhafte 500 Euro an Parteivermögen soll die böse Frau jetzt veruntreut haben, dies jedenfalls der materielle Kern aller Invektiven. Weitere Hintergründe hier und hier und hier - - - und hier schließlich der letzte Artikel des Gefeuerten selbst. Jeder mag sich da selbst überzeugen, wie's um die journalistischen Standards des Herrn Arlt steht ...

Mir geht es hier vor allem um die Position des 'Editors', des Chefredakteurs Ralf Freitag in diesem Spiel, der die Kündigung gegenüber Arlt aussprach:

 

"Wir haben uns publizistisch völlig isoliert", sagt er - gemessen an der Berichterstattung der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und am Weser Kurier, die die Vorwürfe des Bezirksvorstands Weser-Ems gegen die Delmenhorster Bürgermeisterin stärker gewichtet haben".

Der Kern des Vorwurfs besteht also darin, nicht so berichtet zu haben, wie die anderen Medien dies taten. Me-Too-Journalismus wäre für den Herrn Freitag das große Ziel, das er in seiner Funktion als Chefredakteur zu verfolgen hat. Erst beim Blick in die Konkurrenzblätter erkenne er, ob seine Zeitung richtig liege. Richtig oder falsch in irgendeinem absoluten Sinn aber seien demgegenüber zweitrangige Kriterien. Das alles erinnert mich dann doch stark an diesen Artikel über unseren Führungsnachwuchs - lauter junge Charaktermasken, völlig unfähig, sich noch eine eigene Meinung zu bilden!

Ein Herausgeber, welche die publizistische Landschaft immer mehr in eine gleichförmige und öde Nachrichten-Pampa verwandeln möchte, vollgestellt mit Anzeigentafeln, in der alle Medien das Gleiche schreiben, der macht jede Zeitung bedeutungslos. Denn nur der Unterschied macht den Unterschied - nach dem grundlegenden Gesetz aller Wahrnehmung. In gewisser Weise wäre diese allgemeine Gleichschaltung oder 'dpa-isierung' dann sogar eine Ursache für die Printkrise. Anders ausgedrückt: Wo sich erst einmal ein Freitag herumtreibt, ist Robinsons Schiffbruch bestimmt nicht mehr weit ... (Selbsteditor: *Hast du etwa schon wieder Namenswitze gemacht?!* - Ich: *Aua! Aua!*)

Um auf Jarvis zurückzukommen: Was spräche denn dagegen, dass die Delmenhorster Beteiligten sich wechselseitig via Kommentarfunktion unter einem Online-Artikel ihres Kreisblatts sich die Köpfe heiß redeten über Duin und Hartmann, selbst eine Entscheidung träfen - und so allmählich zur Community würden? Ganz ohne Chefredakteur ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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