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14.12.12

Mail-Lawinen von Startups: Der Spam, an dem wir selbst schuld sind

Viele Startups buhlten 2012 vergeblich um die Aufmerksamkeit zunehmend gesättigter Webnutzer. Verstärkt greifen die Jungunternehmen zu E-Mail-Lawinen, um dieses Ziel zu erreichen.

Vergangene Woche meldete sich Highlight noch einmal bei mir. Das Startup war in diesem Jahr eins der meist diskutierten auf der legendären Konferenz SXSW in Austin, Texas. Diese hat in der Vergangenheit so erfolgreiche Startups hervorgebracht wie Twitter, Foursquare und - .... nunja Twitter und Foursquare eben. Highlight jedenfalls bedankte sich bei mir, dass ich als einer der ersten dabei gewesen wäre, und informierte mich ungefragt, darüber, dass die Version 1.3 der iOS-App jetzt zur Verfügung stünde, und nebenbei auch eine App für Android.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Highlight jemals erlaubt habe, mir Benachrichtigungen über Versionsupdates zu schicken. Das alleine ist auch nicht so schlimm. Das Problem ist, dass beinahe jeder Dienst, bei dem man irgendwann einmal kurz reingeschaut hat, sich plötzlich gehäuft meldet und um Aufmerksamkeit buhlt. Hinter dem Vorgehen steckt Methode. Nur ein Auszug der Mails, die mich binnen einer Woche erreichten:

  • Pinterest sendete mir gestern gleich zwei Mails. In der ersten stand, dass mein Facebook-Freund Karsten X. dem Dienst beigetreten sei. In der zweiten Mail, dass Karsten X. mir dort jetzt folgt. Beides interessiert mich nicht. Zusätzlich kam früher am gleichen Tag noch ein wöchentlicher Pinterest-Newsletter über die populärsten Boards. Ich entsinne mich nicht, ihn jemals abonniert zu haben, kann es aber auch nicht ausschließen.
  • Die Vorabmeldung, dass Flinc in wenigen Tagen neue Apps für Android und iOS veröffentlichen will. Ich gehe schwer davon aus, dass ich eine weitere Mail erhalte, wenn es tatsächlich so weit ist.
  • Auch musicplayr hat jetzt eine iPhone App.
  • Das Hotelportal HRS und die US-Technikmesse CES schicken mir täglich Werbebotschaften. Bei der CES wollte ich mich nach Jahren des Spams irgendwann einmal abmelden, folgte dafür den Unsubscribe-Links, musste bei rund 20 (!) eingetragenen Newslettern das Häkchen entfernen und bekam nach dem Klick auf den Bestätigen-Button die Info, dass der Dienst leider gerade ausgefallen sei. Da hatte ich wohl Pech gehabt. Die Mails kommen weiterhin.
  • Ein einziges Mal nur habe ich bei einem Schwesterportal von Ab-in-den-Urlaub.de ein Hotel gebucht, was der Anbieter zum Anlass nahm, mir nicht nur täglich ungefragt Mails zu schicken, die ich mit Sicherheit nie bestellt habe. Es gab auch ein Probe-Exemplar einer Zeitschrift an meine Postanschrift und einen Werbeanruf per Telefon.
  • Der Geschenkgutschein-Anbieter Wrapp schrieb mir eine Mail, um mich auf Neuigkeiten der App hinzuweisen, die ich auf keinen Fall versäumen dürfe. Ein schwedischer Modeanbieter biete dort nun Gutscheine an.
  • Mein neuer Festnetzanbieter UnityMedia schickt mir einen Newsletter, den ich ganz sicher nicht bestellt habe.
  • Von Google Plus erhalte ich seit kurzem pausenlos Einladungen zu diversen Communitys. Das Feature ging vergangene Woche live. Meine Zustimmung, dass ich für jede Einladung eine Mail bekomme, habe ich nie gegeben.
  • Soundcloud schrieb mir im Abstand von zwei Wochen gleich zweimal, dass man sich neu erfunden habe und damit jetzt an den Start gehe.
  • Hipstamatic hat eine neue App. Moviepilot empfiehlt die besten Apps für die Festtage, eine App namens Cue wies mich auf die neue Version 2.3 hin. Ich habe den Dienst vor Jahren einmal unter dem Namen Greplin ausprobiert, danach nie wieder etwas davon gehört. Jetzt unter dem Namen Cue bekomme ich wieder Mails.

Manchmal sind die Mails ganz sympathisch, gerade von Startups, manchmal allerdings auch aggressive Werbung. Teilweise sind es ganz sicher Mails, die ich ungefragt bekomme. Ich könnte die Nachrichten einfach in meinen Spam-Ordner verschieben, aber selbst den muss ich täglich kontrollieren. GMail markiert dort außerdem ungelesene Mails, mit denen ich mich dann befassen muss. Ich könnte dem meist im Footer genannten Unsubscribe-Link folgen, aber oft genug funktioniert die Abmeldung nicht. Oder ich könnte mich noch einmal einloggen, in die Einstellungen des jeweiligen Dienstes gehen und dort alle Benachrichtigungen ausschalten. In jedem Fall aber muss ich mich mit dem Anbieter befassen, für Dinge, die ich nie bestellt habe, mittlerweile ein Dutzend Mal am Tag.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Ein automatisches E-Mail-Management von Anbietern wie Alto, Unroll.me oder SaneBox kann da etwas Linderung verschaffen. Eine Lösung des Problems ist es aber nicht. Der Benachrichtigungswahn muss aufhören. Früh registrierte, einst befürwortende Nutzer mit einer Lawine ungewünschter Mails zu bombardieren, hat etwas von Verzweiflung. Der Branche geht es nicht mehr so gut, deshalb wird nun alles getan, um sich bei Nutzern wieder in Erinnerung zu bringen. Martin stellte bereits im März die Masche fest, dass Startups gerne ungefragt auf der Facebook-Timeline eines Nutzers posten. Die neueste Unsitte ist also offenbar das ungefragte Anklopfen per Mail.

Bei der Recherche für diesen Beitrag ist mir aufgefallen, dass die letzte klassische Spam-Nachricht, die ich bekommen habe, schon Wochen her ist. Paypal-Konto ausgesetzt, kanadische Potenzhilfen, Junggesellinnen aus Russland - Nachrichten, von denen ich in meinen gängigen E-Mail-Konten seit einiger Zeit geschützt werde. Die neue Art von Spam kommt gezielt; Adresshändler war in dem Fall ich selbst. Den Adressaten habe ich meine Adresse und weitere Daten unter anderen Voraussetzungen gegeben. In Zukunft werde ich wieder sparsamer mit meinen Daten umgehen. Von der neuartigen Spam-Lawine hat also keiner etwas gehabt.

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