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20.08.13

Bereit zu zahlen: Ein gut gemeinter Ratschlag an meine Lokalzeitung

Tageszeitungen haben sich geistig längst von überregionalen Ressorts getrennt. Ihre beste Chance ist es jetzt, sich mit einem modernen Lokalteil völlig neu zu definieren. Dafür könnten Leser bereit sein zu zahlen, allerdings weniger, als der Verlag sich erhofft.

General-AnzeigerMit dem Bonner Generalanzeiger verbindet mich eine Hass-Liebe. Als am vorvergangenen Wochenende Dutzende bunt gekleidete junge Menschen die Bonner Innenstadt bevölkerten und die Polizei in Einsatzuniform daneben stand, wollte ich wissen, was los ist, zückte mein Smartphone und erfuhr auf der Website des GAs, dass es sich dabei um irische Landfahrer handelte. Der GA berichtete sehr ausgewogen darüber, schrieb etwa, dass es teilweise zu Pöbeleien gekommen sei und die rund 500 Besucher auf einem Landstück vier Tonnen Müll hinterließen, dass sie sich ansonsten aber wenig zu Schulden kommen ließen. Die Meldung in der Boulevardzeitung "Express" schlitterte derweil haarscharf an ausländerfeindlichen Ressentiments vorbei. Der GA: erfreulich nüchtern.

Ich interessiere mich natürlich dafür, was vor meiner Haustür passiert, aber ein Abo des GA kommt für mich nicht in Frage. Warum, verrät ein aktueller Blick auf die Titelseite. Online sieht es wenig besser aus, aber in Ansätzen lässt die Zeitung durchblicken, welches Potenzial sie noch hat und warum ich im Prinzip dazu bereit wäre, für eine modernere Version von ihr zu zahlen.

 

Titelseite jetzt ganz ohne eigene Inhalte

Am gestrigen Montag machte der "General-Anzeiger" mit der Goldmedaille der deutschen Speerwerferin Christina Obergföll (dpa-Foto) und den Unruhen in Ägypten auf (ap/dpa/afp), was mir beides bereits seit Sonntag bekannt war. In den Seitenspalten der Titelseite fanden sich je ein innenpolitisches Thema (Deutschland spart, dpa) und ein außenpolitisches (China, afp). Es gab zwei kurze Politik-Themen (beide dpa), eine Meldung über Lady Di (afp), eine längere Boulevard-Meldung über Ridley Scotts neuen Film "Exodus" (afp), ein Thema über ausgespähte Patientendaten (dpa) und eine Kurzmeldung darüber, dass die Griechen die Deutschen nicht mögen (dpa). Eine Eigenleistung der Zeitung fand ich dort nicht.

Auf des Startseite des General-Anzeigers Online fand ich am Montagmorgen teilweise bereits die gleichen Themen neben aktuellen News und bald darunter auch Lokales: Unbesetzte Lehrstellen in Bonn, Anwohnerprotest gegen ein geplantes Mehrfamilienhaus im Ortsteil Pützchen oder den Volksmusiker Heino, der am vergangenen Wochenende bei einem Open-Air-Konzert in der Bonner Rheinaue auftrat. Klingt ein wenig nach Provinzposse - und ist genau das, was ich von einer Lokalzeitung will.

Ein paar Kommentare, sonst wenig Eigenes: Der GA vom Montag. Ein paar Kommentare, sonst wenig Eigenes: Der GA vom Montag.

Denn Lokales interessiert mich. Der General-Anzeiger hat hier online immerhin ein wenig von dem zu bieten, was ich will. So finde ich etwa Bilder einer After-Work-Party (sehen und gesehen werden), ein ausführliches Dossier über den Stillstand bei längst überfälligen Bauprojekten der Stadt, wie dem Hauptbahnhof. Es gibt lokale Reisetipps über versteckte Sehenswürdigkeiten in der Stadt, Bilderstecken guter Fotografen und - hyperlokal - einen Beitrag, wie die Geschäfte in meiner Nachbarstraße unter einer dortigen Baustelle leiden.

Kaum eine Möglichkeit bisher ausgeschöpft

Qualität und Umfang mögen hier noch weit ausbaufähig sein, in Bonn aber ist der General-Anzeiger für derartige Meldungen quasi konkurrenzlos. Die "Kölnische Rundschau", die einen kleinen Bonner Regionalteil bietet, wird ebenso im Verlagshaus des GA produziert, wie das - in meinen Augen - absichtlich schlecht gemachte Wochenblatt "Schaufenster". Der private Radiosender "Radio Bonn-Rhein-Sieg" bietet auf seiner Website nur einige Nachrichten, der "Express" ist mir zu reißerisch, ein ernst zu nehmendes Stadtblog gibt es nicht. Das, wofür ich bereit wäre, zu zahlen, könnte gleichzeitig das sein, wie sich der General-Anzeiger verbessern könnte:

  • Ein RSS-Feed, der nur aus lokalen Nachrichten besteht. Der bisherige RSS-Feed umfasst das umfangreiche Gesamtprogramm des GA, also auch Welt-Nachrichten, die von Agenturen produziert werden. Was ich mir wünsche, ist ein gefilterter Feed, der dazu auch noch aktuell ist. Update: Der GA weist mich in einer Mail darauf hin, dass er inzwischen auch RSS-Feeds nur für Lokalnachrichten und einzelne für die Stadtteile anbietet.
  • Noch mehr Hyperlokales mit Themen wie "Was war da gestern Abend in meiner Straße los?" Bürgerreporter könnten hier Tipps an die Redaktion geben, die versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine App würde mich per Push-Nachricht darüber informieren, wenn eine neue Nachricht für die Gegend erscheint, in der ich mich gerade oder immer aufhalte.
  • Alternative Meinungen. Gibt es vielleicht Gegenpositionen zu den Meinungen der Redaktion? Mutig wäre eine Lokalredaktion, wenn sie sich um mehrere Stimmen bemühte und auch veröffentlichte.
  • Unbeschränkter Zugang zu Dossiers. Der GA gewann vor drei Jahren den Wächterpreis für die investigative Enthüllung " Die Millionenfalle " rund um die Korruption um das geplante Großprojekt World Conference Center Bonn.
  • Augenfreundliche Aufbereitung der Nachrichten auf allen Medien. Online wie auf dem Smartphone oder dem Tablet, kein bloßer Scan der Seite.
  • Eine App mit dem verlässlichen Wetter der Stadt. Wer jetzt lacht, stand nicht so oft im Regen wie ich in diesem Sommer, weil ich auf überregionale Wetterdienste vertraute, die sonniges Wetter angekündigt hatten.

Was ich für ein solches Paket zahlen würde? 10 bis 15 Euro im Monat - obwohl ich weiß, dass ich den Großteil der Informationen mit etwas Aufwand auch kostenlos bekäme. Alleine der Komfort, alles an einer Stelle zu haben und mich um nichts bemühen zu müssen, wäre mir das Geld wert.

Das Problem, und hier mache ich dem GA nur bedingt einen Vorwurf: Damit lässt sich eine gut organisierte, professionelle Redaktion wohl nicht bezahlen. Unter anderem deswegen, aber auch aus Mutlosigkeit, macht der GA heute in meinen Augen die gleichen Fehler, die andere Zeitungen auch machen: eine mobile App, die selbst für das iPhone den Scan der gedruckten Zeitung enthält. Eine Teilnahme am Rennen nach Reichweite, die Masse statt Klasse bedeutet - nur so erzielt man die nötigen Page Impressions und erhält die notwendigen Online-Werbegelder. Das Auffüllen der Zeitung mit Agenturmeldungen statt Eigenmeldungen, was vermutlich trotz des Einkaufspreises noch eine Marge abwirft.

Doch, das interessiert mich. Das &quot;Sehen und Gesehenwerden&quot; macht eine Lokalzeitung erst interessant. Doch, das interessiert mich. Das "Sehen und Gesehenwerden" macht eine Lokalzeitung erst interessant.

Keine Garantie, aber eine Chance

Die Eigenleistung des GAs außer dem Lokalteil und dem eigenen Schmuckstück, dem Feuilleton, beschränkt sich auf einige Korrespondentenberichte auf Seite 2 und einer eigenen Themenseite (Seite 3). Die Politik-Seite 4 bestand am Montag komplett aus Agentur-Meldungen, die Wirtschaftsseite 6 ebenfalls, der Sport-Teil außer dem Lokalsport zu 80 Prozent, Panorama- und Medien-Rubrik zu 90 Prozent. Die Mischkalkulation scheint noch zu funktionieren, langfristig kann sie nicht erfolgreich sein. Die monatliche Auflage des GA geht langfristig zurück, liegt laut aktuellen IVW-Zahlen nur noch bei knapp 78.000 verkauften Exemplaren. Ganze 159 E-Paper-Abos hat man an den Leser oder die Leserin gebracht. Online sieht es gar nicht einmal so schlecht aus: die Zahlen schwanken stark, scheinen aber langfristig zu klettern, zuletzt über 2 Millionen Visits pro Monat und rund 10 Millionen Page Impressions. Ohne Paid Content wird man aber auch hier nicht über die Runden kommen.

Vielleicht also mit einer Doppelstrategie? Man macht online weiter wie bisher und bietet zusätzlich Premium-Dienste an, die wirklich welche sind. Die Diskrepanz besteht wahrscheinlich auch hier in den Vorstellungen des Verlags und dem, was ich bereit wäre, dafür zu zahlen. Statt der von mir genannten 10 bis 15 Euro für ein modernes Paket von mobilem Lokaljournalismus verlangt der GA heute für ein Print-Abo inklusive des gescannten E-Papers 30,40 Euro und für das E-Paper alleine 22 Euro. Man wird sich vielleicht irgendwo in der Mitte treffen können, womit dann keiner wirklich zufrieden wäre. Aber das ist im Moment ja auch niemand. Lokaljournalismus, der attraktiv daher kommt, mich über alles informiert und mir Arbeit abnimmt - damit hätte man eine Chance.

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