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14.09.09

Live-Video im Web: Gefühlt wie 1999

Das Netz hat viele Stärken. Die Übertragung von Live-Video gehört nicht dazu.

Live-Video im WebVorhin wollte ich es mir auf dem Sofa bequem machen und gemütlich dem Livestream der heute gestarteten TechCrunch50-Konferenz folgen. Über zwei Tage verteilt präsentieren im kalifornischen San Francisco Dutzende von Startups aus dem Web- und Technologiebereich ihre Neuentwicklungen.

Leider musste ich schnell einsehen, dass aus dem ersehnten Abend voller Innovation und amerikanischer Lockerheit nichts werden würde: Der von TechCrunch über Ustream bereitgestellte Livestream der Veranstaltung gab sich äußerst instabil. Mal hatte ich ein Bild, dann nur noch Ton, und dann plötzlich ging gar nichts mehr. Meine netzwertig.com-Kollegen Marcel und Markus machten ähnliche Erfahrungen - und das, obwohl wir alle über ausreichend schnelle Breitbandverbindungen verfügen.

Die traurige Wahrheit ist: Das Web wurde nicht für Live-Video konstruiert und hat auch im Zeitalter omnipräsenter Breitbandanbindungen erhebliche Probleme mit der Verteilung von Bewegtbildern in Echtzeit. Dabei spielt die Geschwindigkeit des Internetanschlusses kaum eine Rolle für die Qualität der üblicherweise ohnehin nur in geringer Bitrate verteilten Liveübertragungen. Der Engpass liegt meist beim für die Distribution des Streams verantwortlichen Dienstleister.

TechCrunch nutzt für seine Übertragung Ustream. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels verfolgen laut Ustream-Zähler 3500 Zuschauer die Konferenz - ich habe weder Ton noch Bild. Angenommen, alle außer mir erhalten ein einigermaßen scharfes und synchrones Bild, dann wäre das für eine Technologie-Konferenz sicherlich eine ansehnliche Audienz. Technisch betrachtet und mit linearem Fernsehen verglichen sind 3500 Zuschauer allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dass einer der großen auf die Übertragung von Livestreams spezialisierten Services mit Fokus auf sowohl Privat- als auch Business-Nutzern nicht in der Lage ist, mehr als 3500 Streams gleichzeitig auszuliefern, lässt nicht nur an dessen Produkt zweifeln, sondern auch am Wachstumspotenzial von Direktübertragungen über das Datennetz.

Zweimal hatte das Web in letzter Zeit die Möglichkeit, seine Tauglichkeit für Livestreams zu beweisen: Bei der Amtseinweihung des neuen US-Präsidenten Barack Obama sowie bei der Gedenkzeremonie für den verstorbenen Michael Jackson. Beide Male schauten online Millionen Menschen gleichzeitig zu. In beiden Fällen erlebte zumindest ich eine recht akzeptable Übertragung, was angesichts der Tragweite dieser Events auch nicht verwunderlich war. Die großen Fernsehstationen hatten mit Unterstützung von Content Delivery Networks enorme Ressourcen und Bandbreite für die Streams zur Verfügung stellen lassen.

Was aber würde passieren, wenn live gesendete Ereignisse parallele Zugriffe in der Dimension eines Fußball-WM-Finales erreichen würden?

Die technische Entwicklung das Internets ist weit vorangeschritten. Selbst Filme in High Definition lassen sich bei entsprechend schneller Anbindung über das Web streamen. Sobald aber viele Nutzer gleichzeitig auf live ausgestrahlte Videoinhalte zugreifen möchten, versagt die dem Internet zugrunde liegende Infrastruktur auch im Jahr 2009.

Egal ob der Flaschenhals beim Absender, Provider, Content Delivery Network oder Endnutzer liegt - fällt ein Glied in der Kette aus, bleibt es schwarz auf dem Bildschirm. Die Zukunft von Live-Video im Netz ist daher ungewiss.

(Foto: Flickr/Irregular Shed; CC-Lizenz)

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