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05.01.09

Leserkommentare: Das liebe Klickvieh

Kommunikation auf Augenhöhe oder geschlossene Anstalt? Die SonntagsZeitung über den "anonymen Mob", über Kommentare auf Nachrichtenseiten.

Bin da, wer noch? (iStockphoto)Nichts als Ärger, nichts als Kosten – von außen betrachtet scheint Tamedia seine Leser mehr zu fürchten, als den in den letzten drei Monaten über 55 Prozent eingebrochenen Aktienkurs: "Der anonyme Mob" heisst darum der Artikel von David Bauer, der sich erneut sorgt um Menschen, die Publikationsmöglichkeiten im Internet nutzen. Bitterlich beklagen sich Peter Wälty, Chefredakteur des hinter mehreren Tamedia-Titeln stehenden Newsnetz ("Anonymität verleitet oft zu einem inakzeptablen, gehässigen Ton") und David Bauer selbst:

Onlinemedien sind immer mehr mit Lesern konfrontiert, die ihre Seiten mit Kommentaren jenseits von Recht und Anstand überfluten. Es wird beleidigt, verleumdet und verbal randaliert. Man hatte sie gerufen, in der Hoffnung, sie würden den Medien Anregungen für neue Artikel liefern und zu mehr Klicks verhelfen. Und muss nun feststellen, dass man sich da ziemlich etwas eingebrockt hat.

Man hatte sie gerufen, in der Hoffnung, sie würden den Medien Anregungen für neue Artikel liefern? Entschuldigung, aber das ist die pure Heuchelei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten grossen Portale, so auch das Newsnetz, Leserkommentare nur verwalten, also wie im Artikel beschrieben auf (eigene) rechtliche Konsequenzen abchecken. Von "lesen" oder "lernen", gar "antworten", also "einen Dialog führen", kann nicht die Rede sein.

Es geht auch anders bei Tamedia

Eine Ausnahme im Verlag Tamedia ist dasmagazin.ch. Deren Redakteure versuchen ab und zu, auf einzelne Inputs der Weiss-Gott-nicht-immer-dümmeren Leser zu reagieren. Ein spannendes Beispiel eines solchen Dialogs ist die Nachfrage des Chefredakteurs Finn Canonica auf einen Kommentar zum Artikel "Roger Federers Genie". Ist das nicht ein Anfang?

Immerhin ist jeder, der die Website besucht, ein Kunde. Nicht jeder ist ein erwünschter Kunde, doch das sind die Kunden auch anderswo nicht. Klar ist, dass sie sich an die Hausregeln halten müssen, das müssen sie hier auch – dazu gibt's unsere Kommentarregeln .

Anonyme Hasskommentare sind ein Thema, keine Frage. Wer auch immer im Internet schon mit Pseudonymen zu tun hatte, egal, ob in Blogs, als Kommentierender, in Chats, in Foren, der kann bestätigen, dass sich einige von ihnen unter einem vermeintlich anonymen Deckmantel mehr zutrauen als dann, wenn sie einer echten Person gegenüberstehen.

Her mit den Kommentaren!

Meine eigene Haltung dazu ist simpel: Ich schreibe nur, was ich jedem auch erzählen oder sagen würde, wenn er physisch vor mir steht. Das hat sich bisher bewährt und ich hoffe, dass sich das auch in Zukunft bewähren wird. Die Bibelmaxime "denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Galater 6,7) funktioniert natürlich nicht immer, ist aber so komplett unwahr nicht.

Trotz den doch manchmal angriffigen Texten auf medienlese.com sind die Kommentare in den vergangenen Jahren (für mich erstaunlich) sachlich geblieben, nur selten sehen wir uns gezwungen, Kommentare auf den Blogwerk-Blogs zu löschen. Dafür sind wir dankbar, das haben wir schon mehrmals zum Ausdruck gebracht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich kaum woher so wertvolles Feedback kriege, wie aus den Kommentaren. Auch aus denen, wo ich nicht mehr als ein Pseudonym zur Kenntnis nehme. Bei Blogwerk haben wir bisher die Entscheidung, auch anonyme Kommentare zuzulassen, nicht bereut.

Ökonomische Entscheidung

Ich bin dafür, Reaktionen online wie Leserbriefe zu behandeln. Es kann jede Zuschrift, die den Voraussetzungen für das Erscheinen eines Leserbriefs genügt und auch in einer Printpublikation erscheinen würde, online gehen. Wenn ein Leser Substantielles rückzumelden hat, dann darf man sich darüber freuen; es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass einer kostenlos seine Zeit opfert. Und wenn die Rückmeldungen nicht substantiell sind, dann könnte das auch damit zu tun haben, dass die Inhalte, auf die Bezug genommen werden, nicht substantiell sind.

Schlussendlich wird es eine ökonomische Entscheidung sein. Es geht nur darum, ob die anonymen Kommentare mehr Klicks (und damit Werbegeld) einbringen, als die Moderation kostet. Dem Publikum wird das natürlich als eine publizistische Entscheidung verkauft, an der man schwer leidet. Doch Klagen, wie nieder und gemein die Menschheit ist, interessieren nicht.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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