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17.05.08

Leserbriefe: Mit Hass gekocht

Wenn im Internet die Hasssuppe überkocht, werden gern die 'Netizens' und Blogger in Sippenhaft genommen – dabei sind es meist Kleinrentner und publizistische Gartenzwerge am Zaun zur Netzwelt. Ein offener Brief an Jens Jessen, Feuilleton-Chef der Zeit.

Also, Jens Jessen, ich sympathisierte damals mit Ihnen ja durchaus in der Sache, als Sie, immerhin Feuilletonchef der Zeit, sich nach dem Angriff auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn einer Meute aufs Lynchmobben gestimmter Berufskollegen mit einer höchst abweichenden Meinung in den Weg stellten. Ob dieser Videokommentar allerdings klug war, ist eine zweite Frage.

Dass sich daraufhin eine Horde wildgewordener Kleinrentner bei Ihnen im Online-Forum austoben würde, das war abzusehen. Sie allerdings schoben die Verantwortung für deren Verbalinjurien ohne nähere Begründung den 'Netizens' zu, den eingeborenen Netzbewohnern also, und nicht jenen Kleingärtnern und Kleingeistern am Rande des Dschungels.

Wer Sie dort zur Sau machte, das waren doch schlicht Ihre üblichen Leserbriefschreiber, die inzwischen auch schon ins Netz 1.0 migriert sind, in Foren, Onlineportale und Chatrooms, wo jeder Spießer meint, dass er ungestraft die Hose dort herunterlassen dürfe. Das glaubt er übrigens deshalb, weil's ihm von den Holzmedien so immer wieder suggeriert und beschrieben wird. Mit dem 'social web' und mit der Internetkultur haben diese Figuren und ihre Bäuerchen dagegen wenig zu tun. In wirklichen Blogs würden sie vom Spam-Karma schneller zerpflückt, als sie 'Arschloch' oder 'Aufhängen' tippen können.

Auffällig ist es für mich daher schon, dass solche Entgleisten vor allem in den Foren der Zeitungen und Zeitschriften daherrülpsen, dass sie aber in den Kommentarspalten wirklicher Blogs kaum zu finden sind. Dort herrscht ein eher gelassener und auch argumentativer Umgangston, wovon Sie sich auch hier an Ort und Stelle gern überzeugen dürfen. Kurzum: Das muss dann wohl am verwendeten Medium liegen.

Jedenfalls schleppen Sie seit diesen Ereignissen eine Misanthropie gegen das Internet mit sich herum, die ich teilweise verstehe, die sich aber fälschlicherweise vor allem gegen die Blogger richtet - und gegen die Internetkultur überhaupt, sofern sie sich zum 'social web' zählt. Das allerdings ist schade, denn die Zeit darf ja - cum grano salis - wirklich noch als ein Qualitätsmedium gelten. Weil Sie aber über das Netz nur wenig mehr zu wissen scheinen, als dass es Ihnen unheimlich ist, unterhalten Sie uns neuerdings mit 'Anglerlatein'.

In der letzten Ausgabe der Zeit schreiben Sie folgendes:

 

In der schrankenlosen Öffentlichkeit des Netzes stoßen Milieus aufeinander, die sich sonst nie begegnen würden. Hassexplosionen und Gewaltfantasien sind die Folge.

Mit solchen Äußerungen, gleich im ersten Satz, offenbart sich schon eine gewisse Unkenntnis - und auch ein logischer Widerspruch in Ihrem Denken. Denn gerade dort, wo etwas 'schrankenlos' ist, stößt auf natürliche Weise weitaus weniger zusammen, als der Laie sich das zunächst denkt: Das Netz ist ein prinzipiell unendlicher Raum, wo man üblicherweise sich eben NICHT begegnet. Andersherum wird ein Schuh daraus: Weil das Netz so groß ist, trifft man üblicherweise nur das, was man sucht und findet.

Als man Ihnen also damals einen Eimer Gülle nach dem nächsten über den Kopf stülpte, da geschah dies deshalb, weil Verbal-Hooligans gezielt auf Sie angesetzt wurden, indem man denen sagte, wo im Netz Sie zu finden seien. Sie waren damit das Opfer eines Kampagnen-Journalismus, wie er auf dem Boulevard von Holzhausen häufig zu finden ist, und es war vor allem die Bild, die als ihr Szepter damals die große Klobürste gegen Sie schwang. Weiter im 'Anglerlatein' - Sie schreiben:

 

Die Hypertext-Theorie beispielsweise, die auf der Möglichkeit der Verlinkung beruhte, hat schwer an Attraktivität eingebüßt.

Auch dies ist wieder so ein windiger Satz, der in allen Scharnieren klappert. Hyperlinks sind für mich als Blogger nur eine Form der Höflichkeit gegenüber meinem Leser, eine Dienstleistung sozusagen: Ich erspare ihm die Mühsal des Suchens und Tippens, indem ich eine Fundstelle - wie dort oben vor Ihrem Zitat - auf einen Klick hin direkt zur Verfügung stelle. Das ist nichts Weltbewegendes, es ist nur ein wenig HTML.

Wer allerdings um diese Hyperlinks einen 'Tanz ums Goldene Kalb' aufführt, das waren (und sind) doch wieder mal Sie, bzw. Ihre guten, alten Holzmedien, die sich neuerdings aufs Glatteis des Online-Geschäfts begeben müssen. Seitdem Sie es schafften, den Media-Agenturen dieser Welt die wildwüchsige Hyperlinkerei als neue Währung auf dem Anzeigenmarkt anzuschnacken, seitdem lassen Sie in Ihren Online-Portalen keine Möglichkeit aus, immer noch einen kleinen Hyperlink mehr zu installieren, der dann ihre eminente Werbebedeutung herauszustreichen hat: Die berühmtesten James-Bond-Autos (20 Klicks), die tollsten Busenwunder Hollywoods (25 Klicks) usw. Selbst Ihre Zeit-Artikel sind in der Regel doch mindestens in zwei oder drei Linkhäppchen aufgesplittet. Wieso desavouieren Sie also diese Hyperlinks, die Ihnen im Netz doch Ihr künftiges Geschäft sichern sollen? Auch wenn Ihnen Ihr Rentnerzitat - das ist die Dialektik! - dank der Hyperlinks natürlich ewig anhängen wird. Mir scheint, Sie stecken in einer typischen Zauberlehrlingssituation.

Weiter im Text, mit dem folgenden Satz, der zugleich zeigt, weshalb ich hier unaufhörlich von 'Anglerlatein' schwätze:

 

Man stelle sich vor, der hochspezialisierte Journalist, der sein Leben dem Fliegenfischen geweiht hat, müsste sich von morgens bis abends mit rabiaten Angelfeinden auseinandersetzen.

Diesen hochspezialisierten Journalisten, der sein Leben dem Fliegenfischen weihte, den würde ich wirklich gern mal kennen lernen. Das ist doch ein Popanz, den Sie uns hier bauen. Üblicherweise ist es doch so, dass der Kollege aus der Sportredaktion ran muss, sollte das unterbelichtete Thema 'Angeln' in einem deutschen Qualitätsmedium zufällig mal eine größere Rolle spielen. Und genauso schreibt der Kollege dann auch, der sich im Alltag über Handball, Golf oder Fußball verbreitet - er schreibt nämlich so, als ob er von Tuten und Blasen keine Ahnung hätte. Daraufhin bekommt er von den bloggenden 'Sportfischern' zu recht was über den Rüssel. Kurzum - Ihre Argumente gegen das Netz sind allesamt nicht stichhaltig, und meistens fallen Sie Ihnen auf die eigenen Füße.

Also, bester Jens Jessen, worüber beschweren Sie sich eigentlich wirklich?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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