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14.12.12

Last.fm: Lieber ein Schrecken ohne Ende statt ein Ende mit Schrecken

Kein anderer Internetdienst quält sich und Nutzer so sehr mit wiederholten funktionellen Einschnitten wie Last.fm. Jetzt ist es wieder soweit - zum vierten Mal in weniger als vier Jahren.

Die typische Entwicklung eines Onlinedienstes verläuft so: Er startet mit einer funktionell meist recht beschränkten Version, dem "Minimum Viable Product", und wird je nach Akzeptanz bei der Zielgruppe sukzessive ausgebaut und erweitert. Den umgedrehten Weg gehen wenige Angebote. Kaum verwunderlich, immerhin verbindet man mit einem anhaltenden Schritt-für-Schritt-Rückbau nicht gerade unternehmerische Prosperität. Nur ein bekannter Webservice schafft es, sein Angebot Jahr für Jahr ein bisschen zu limitieren und damit jedes Mal aufs Neue negative Presse zu produzieren: Last.fm, ein Pionier im Bereich der Musikdienste mit Streaming-Funktion.

Der schon zehn Jahre alte, von einer Reihe Deutscher und Österreicher gegründete Dienst, der 2007 vom US-Medienkonzern CBS für 280 Millionen Dollar übernommen wurde, begann mit seiner Demontage im Frühjahr 2009, als die Funktion personalisierter Radiostreams für Nutzer außerhalb der USA, Großbritannien und Deutschland kostenpflichtig wurde. Drei Euro pro Monat kostete das Anhören der interpreten- und genrespezifischen Radiokanäle fortan für alle Anwender, die nicht in den drei Ländern lebten.

Genau ein Jahr später folgte die nächste Einschränkung: Das On-Demand-Streaming von Titeln, das bis dahin in den drei Kernmärkten USA, Großbritannien und Deutschland kostenfrei möglich war, wurde aufgrund zu hoher Lizenzkosten eingestellt.

Zehn Monate danach war es wieder Zeit für eine Hiobsbotschaft: Sei dem 15. Februar 2011 ist die kostenlose Verfügbarkeit der personalisierten Radiostreams für Nutzer in Deutschland nur noch über die Last.fm-Website möglich. Der Zugriff über die mobilen Applikationen für iPhone und Android sowie andere Hardware kostet seitdem drei Euro monatlich.

Fast wäre es den Londonern gelungen, im Jahr 2012 den Trend des Rückbaus von Funktionalität zu brechen. Fast. Jetzt gab das Unternehmen bekannt (via), abermals sein Radioangebot zu beschneiden: In allen Ländern außer Kanada, Australien, Neuseeland, Irland, Brasilien, Deutschland, Großbritannien und den USA wird das Last.fm-Radio abgeschafft. Die Möglichkeit des Gratiszugriff existiert lediglich in Deutschland, Großbritannien und den USA, und dort nur noch über die Website. Wer über den Desktop-Client oder mobile Apps streamen will, muss für die Abo-Version bezahlen. Immerhin: Die Maßnahme tritt erst am 15. Januar 2013 in Kraft, insofern wird das Angebot am Ende dann doch im gesamten Jahr 2012 unangetastet geblieben sein.

Dennoch erscheint die Art und Weise, wie Last.fm seinen Schrumpfkurs durchführt, aus kommunikationspolitischer Sicht und im Hinblick auf die Außenwirkung äußerst unglücklich. Anstatt einmal für sämtliche, mit Lizenzkosten verbundenen Streamingfunktionen den Stecker zu ziehen und sich anschließend auf die Kompetenzen als Empfehlungsmaschine und Social Music Network zu konzentrieren, scheint das Unternehmen einen langwierigen, qualvollen Abspeckprozess vorzuziehen, bei dem es alle zehn bis 14 Monate abermals das Skalpell zücken muss, weil die Kalkulation nicht mehr stimmt. Frei nach dem Motto "Lieber ein Schrecken ohne Ende statt ein Ende mit Schrecken".

Wie glaubt noch daran, dass Last.fm in etwa einem Jahr NICHT die komplette Einstellung des Radiofeatures bekanntgeben wird?

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