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12.05.14

Künstliche Verknappung von Gütern und Informationen: Die falsche Reaktion auf den digitalen Wandel

Mit künstlicher Verknappung von Gütern und Informationen versuchen Firmen und Organisationen, sich gegen die vom Internet ausgelösten Veränderungen zu stemmen. Auf Dauer kann dies keine zufriedenstellende Lösung sein.

Vernappung

Im Industriezeitalter erfolgte die Wertschöpfung der meisten wirtschaftlichen Prozesse über die natürliche Verknappung. Physische Güter, Medienprodukte, Informationen und Wissen sowie menschliche Arbeit und Expertise erfordernde Dienstleistungen ließen sich nur in einem begrenzten Rahmen her- und bereitstellen, wodurch sich ihr Wert bei den Nachfragern erhöhte. Doch dann schlug die Stunde des Informationszeitalters. Mit dem Aufkommen des Internets wurden viele Wirtschaftszweige mit einem Paradigmenwechsel konfrontiert: Was zuvor aufgrund limitierter technischer Fähigkeiten oder begrenzter menschlicher Ressourcen knapp war und damit zu maximalen Preisen an Kunden veräußert werden konnte, ließ sich plötzlich ohne Mehraufwand in gesteigertem oder gar unbegrenztem Umfang zur Verfügung stellen.

Nachrichten, enzyklopädisches Wissen, Musik, Filme und Literatur waren aufgrund ihrer immateriellen Natur und damit verbundenen Fähigkeit zur Verfielfältigung fast gänzlich ohne Kosten besonders stark und schnell betroffen. In anderen Segmenten, wie dem Servicesektor, vollzieht sich der Wandel langsamer oder befindet sich noch heute im Anfangsstadium. Doch auch hier sorgen die verstärkte Automatisierung sowie die durch das Netz ermöglichte Direktvermittlung zwischen privaten Serviceanbietern und -nachfragern für mehr Konkurrenz, eine zunehmende Angebotsvielfalt und sinkende Kosten. Neue Technologie trifft auf altes System

Würde man ein kluges, aber noch nicht mit der Ökonomie der Erwachsenenwelt vertrautes Kind fragen, welche Konsequenzen diese weitreichenden Veränderungen hätten, bekäme man vermutlich erfreute Schilderungen von einer besseren Welt zu hören, in der mehr Menschen Zugang zu vormals knappen und deshalb teuren Privilegien, Services und Informationen erhalten, zu geringen oder vollständig ohne Kosten. An und für sich ist das ein vollkommen logischer Gedankengang. Wenn ein Gut oder ein Informationsobjekt nicht mehr knapp sondern im Überfluss vorhanden ist, verringert sich der Wert, den Nachfrager diesem beimessen, wodurch der Preis sinkt. Doch da das gesamte Wirtschafts- und Sozialsystem sowie die Funktionsweise der meisten Länder auf der Prämisse des begrenzten Vorhandenseins besagter materieller und immaterielle Güter fußen und nicht einfach von heute auf morgen auf eine andere Systemarchitektur umgestellt werden können, befindet sich die moderne, westliche Welt seit einigen Jahrzehnten in einem schwierigen Übergangsmodus. In diesem wird in Form eines langwierigen, komplexen und schlecht durchschaubaren, weil eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Interessen beinhaltenden Prozesses ausgehandelt, wie Alltag, Wirtschaft, Kulturproduktion, Handel und alle damit verbundenen Aspekte künftig ablaufen sollen.

Auf natürliche Verknappung folgt künstliche Verknappung

Weil viele Protagonisten so sehr an die alten "Spielregeln" der industriellen Ära gewöhnt sind und weil ihre Struktur, Werte und Kompetenz sie daran hindern, ihre Tätigkeit an die Rahmenbedingungen einer nicht von allgegenwärtiger natürlicher Verknappung der bisherigen Güter geprägten Ökonomie anzupassen, gehen sie dazu über, eine künstliche Verknappung hervorzurufen. Unter Einsatz von juristischen Mitteln, Ideologie, Lobbyismus, medialer Einflussnahme oder gezielter Desinformation beziehungsweise Vorenthaltung von Informationen führen sie trotz der technisch und logistisch eigentlich unkomplizierten Maximierung des Angebots eine Situation herbei, in der bestimmte Güter, Services und Informationen auf dem Markt weiter knapp und damit teuer bleiben.

Der Trend zur künstlichen Verknappung nimmt verschiedene Formen an. Manchmal erfolgt er ganz gezielt, wie etwa durch von der Unterhaltungsindustrie forcierte Urheberrechtsverschärfungen, Abmahnwellen und andere Vorgehensweisen, die darauf ausgelegt sind, auf Basis von aus einer früheren Epoche stammenden Gesetzen Verbraucher vom ungezügelten Ausnutzen der neuen digitalen Verbreitungswege abzubringen. Auch das von Medienverlagen in Deutschland durchgesetzte Leistungsschutzrecht folgt diesem Muster. Es soll mit gesetzlichen Mitteln künstlich begrenzen, was technisch ohne Kosten beliebig vervielfältigt werden kann. Bei den derzeit eskalierenden Auseinandersetzungen im Individualbeförderungsmarkt dreht sich ebenfalls viel darum, dass die etablierten Vertreter der Branche die von moderner Onlinetechnik Gebrauch machenden Neulinge verdrängen und damit das Angebot auf dem bisherigen Niveau halten wollen. Teilweise mit bedenkenswerten Argumenten, etwa zu Fragen des Versicherungsschutzes - aber auch durch radikal-protektionistische Maßnahmen wie der in Frankreich diskutierten Idee, den Einsatz von GPS-Funktionalität in Apps zur Vermittlung von Fahrdiensten ohne Taxilizenz schlicht als illegal zu deklarieren.

Selbst in der Debatte um die Netzneutralität spielt die künstliche Verknappung eine Rolle. Denn auch wenn der durch den Datenhunger von Milliarden Menschen notwendige Ausbau der Netze für die Telekommunikationsfirmen mit beachtlichen finanziellen Investments verbunden ist, existiert zumindest der Verdacht, dass sie absichtlich die Erhöhung der Kapazitäten abbremsen könnten, um die dadurch entstehende relative Verknappung der verfügbaren Bandbreite zum Verkauf des knappen Guts "garantiert schnelle Datenauslieferung" an Internetanbieter zu nutzen. Dass eine derartige Verlockung angesichts der historisch erwiesenen Lukrativität knapper Güter bestehen könnte, lässt sich nicht wegdiskutieren.

Gelegentlich resultiert ein Zustand der künstlichen Verknappung auch daraus, dass eine Organisation oder ein System einfach noch keine ernstzunehmende Versuche der Anpassung an das digitale Jahrhundert erlebt hat. Ein Beispiel hierfür wäre Bildung. Dank des Internets kann sich heute jeder Mensch mit einem Computer und Durchhaltevermögen das Wissen in Eigenregie aneignen, welches lange Zeit nur im Rahmen einer formellen Hochschulausbildung bezogen werden konnte. Trotzdem gilt in der Berufswelt oft nach wie vor: Offizielle Zertifikate, Abschlüsse und Titel zählen mehr als das tatsächliche Know-how von Personen. Bildung und Wissen ist heutzutage nicht mehr knapp sondern in Hülle und Fülle vorhanden. Die formelle und gesellschaftliche Anerkennung der intellektuellen und fachlichen Reife aber folgt noch immer den Maßgaben eines von Knappheit geprägten Bildungsmarktes, in dem akademische Institutionen die Hoheit über die höhere Kompetenzvermittlung besaßen.

Struktur- und Systemumbau sinnvoll

Mit Blick auf die Komplexität der Lage, die massiven finanziellen Interessen sowie die individuellen und organisationspsychologischen Herausforderungen von Veränderung überrascht es nicht, dass viele Teilnehmer der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens sowie Politiker die Praktiken und Handlungsweisen der von Knappheit geprägten industriellen Epoche auch heute beizubehalten versuchen. Zumal selbst der Großteil der Bürger noch nicht richtig verstanden hat, was für gewaltige tektonische Verschiebungen hier gerade über die Bühne gehen.

Doch richtig sinnvoll erscheint es nicht, die nächsten hundert Jahre weiter so zu tun, als wären die Produkte und Dienstleistungen, die jetzt aufgrund des technischen Fortschritts zu minimalen oder gar nicht existenten Kosten einer enormen Zahl an Menschen zugänglich gemacht werden könnten, zahlen- und qualitätsmäßig künstlich zu begrenzen. Errungenschaften der Digitalära, die ultimativ für Milliarden Menschen die Lebensqualität steigern können, allein motiviert von ökonomischen Interessen nur einigen wenigen Ausgewählten zukommen zu lassen, wäre - auf Dauer betrachtet - eine beispiellose Missachtung der Rechte, die Mitglieder in einer modernen Gesellschaft sich durch ihr Mitwirken am Fortschritt erworben haben.

Nach der derzeitigen Übergangsperiode ist demnach eine Anpassung der Abläufe, Struktur und Architektur von Volkswirtschaften sehr sinnvoll. Ein derartiger Umbau des Systems müsste nicht einmal unter gänzlich neuen Vorzeichen erfolgen: Denn an dem Grundprinzip, dass knappen Ressourcen der größte Wert zugemessen wird, ändert sich auch in Zukunft nichts. Es gilt dagegen, zu identifizieren, was diese knappen Ressourcen sind, und einen rechtlichen und sozialen Rahmen abzustecken, der dem dadurch erfolgenden Wandel der Wertschöpfung Rechnung trägt. Ein abgedroschenes, aber dadurch nicht in der Relevanz geschmälertes Beispiel sind Kulturschaffende, die primär mit Arbeiten und Aufträgen ihre Brötchen verdienen, die ihre physische oder kognitive Präsenz beinhalten (Vorträge, Beratung, Auftritte etc), nicht mit der Veröffentlichung immaterieller Werke, die sich oft nicht länger zum Bestreiten des Lebensunterhalts eignen.

Es gibt viele Menschen, die solche Schilderungen als utopisch oder als Abkehr vom Kapitalismus empfinden, die möglicherweise notwendige alternative Ansätze für staatliche Transferzahlungen, wie das Bedingungslose Grundeinkommen, nicht einmal ausprobieren möchten und die der Meinung sind, man könnte weitgehend weitermachen wie bisher. Irgendwie würde sicher auch das gehen. Doch das Ergebnis wäre mit einer brüchigen Straße zu vergleichen, bei der man Schlaglöcher ausbessert und durch zusätzliche Verkehrsschilder, Ampeln und Verbote versucht, den Verkehrsfluß wunschgemäß - aber ineffizient und ineffektiv - zu optimieren, anstatt eine neue, moderne und smarter geplante Straße zu errichten.

Was künstliche Verknappung heißt, erleben derzeit auch die Bibliotheken: Konnten sie früher einfach so viele Bücher kaufen und verleihen, wie sie finanzielle Mittel zur Verfügung hatten, müssen sie bei E-Books Lizenzverträge mit den Verlagen abschließen. Und obwohl ein E-Book technisch gesehen natürlich nicht vergriffen sein kann, ist genau dies übliche Praxis, wenn ein Titel seine maximale Anzahl an Leihen erreicht hat. Im Lichte des aktuellen Urheberrechts ist das zwar konsequent. Doch der gesunde Menschenverstand genügt, um einzusehen: Wenn Daten vergriffen sind, weil jemand anderes sie gerade "hat", dann ist der Reformbedarf groß. /mw

Grafik: Speed limit sign 10, Shutterstock

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