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17.04.13

Kritik richtig dosieren: Warum wir eine neue Diskussionskultur brauchen

Proteststürme in sozialen Netzen sind Alltag geworden, weswegen viele Opfer zunehmend professionell und gelassen darauf reagieren. Es wird Zeit, dass die Kritiker sich dem anschließen.

Discussion_FlickrEs steht an der Tagesordnung, dass Unternehmen, die etwas Umstrittenes tun, in sozialen Netzwerken in die Schusslinie geraten. Sie reagierten darauf bereits mit einer Joboffensive für Social Media Manager; ein Großteil wird deswegen mittlerweile von Netzprofis vor dem Schlimmsten bewahrt. Auch Personen des öffentlichen Lebens trifft es immer wieder, in jüngster Zeit etwa die Politikerin Claudia Roth und die Fußballer Rafael van der Vaart und Nils Petersen. Politiker und Profisportler sind Medienprofis und reagieren wie immer mehr Normalsterbliche zunehmend gelassen und zuvorkommend auf Kritik. Warum können sich dann nicht auch die Kritiker etwas zurücknehmen?

Fußball-Kommentator Bela Rethy wurde jüngst nach Kommentaren bei einem Fußballspiel von einigen unbedachten Twitterern Alkoholismus vorgeworfen. Van der Vaart erhielt auf seiner Facebook-Seite persönliche Beschimpfungen, als bekannt wurde, dass er nach der Trennung von seiner Frau ein Verhältnis mit deren bester Freundin eingegangen war. Die teils sehr persönlichen Kommentare reichten von "Geschmackloser, as... Holländer!" bis "Schämen solltest du dich, du bist so dermaßen krank". Es gibt aber auch erste Anzeichen, dass viele Kritiken an Schärfe nachgelassen haben, wie das Beispiel des Fußballers Nils Petersen zeigt.

 

Der reagierte vorbildlich auf den Kommentar eines weiblichen Fans mit der Antwort, er sei selbst unzufrieden und das Wohle des Vereins liege ihm und den anderen Profis natürlich am Herzen. Deswegen seien die Spieler ja so verunsichert. Die Frau beschuldigte den Stürmer des abstiegsbedrohten Bundesligisten Werder Bremen auf dessen Facebook-Seite, was er in den letzten Spielen abgeliefert habe, sei "kaum drittliga-reif, schlechtes Stellungsspiel, kein Spielverständnis, massenhaft vergebene Großchancen und mehr als einmal hat mich geärgert, dass Sie nicht mal zum Ball laufen, sondern gemütlich traben."

Petersen hat in den vergangenen Spielen wirklich nicht gut gespielt, erhielt im Kicker für die meisten Spiele auf einer Skala von 1 bis 6 die Schulnote 5. Viertklassigkeit ist aber etwas anderes. Der Kommentar der Frau zeigt jedoch, wie schwer es den meisten Menschen heute fällt, Kritik angemessen zu äußern. Trotz einiger sachlich zutreffender Argumente, die Petersen erst dazu veranlassten zu antworten, sparte der Fan nicht mit Übertreibungen und Verletzungen. Konstruktive Kritik, wie im Arbeitsleben üblich, wäre passender gewesen.

Nie gelernt, richtig zu kritisieren

Ein möglicher Grund für die fehlende angemessene Diskussionskultur: Der Großteil der Menschen, die heute das Netz bevölkern, ist in einer Zeit groß geworden, in der Kritik nicht öffentlich geäußert werden konnte. Es gab keinen Draht zu Behörden, Unternehmen, Fernsehsendern. Zeitungen konnten sich aussuchen, welche Leserbriefe sie abdruckten. Kritik, sollte sie gehört werden, musste besonders laut sein. Das Spiel setzt sich in Online-Foren weiter fort: Wer in der Masse der Beiträge nicht untergehen will, muss lauter schreien als die anderen. Zusammen mit dem vermeintlichen Deckmantel der Anonymität könnten das einige der Gründe dafür sein, dass Kritik im Netz oft übertrieben, hart und persönlich geäußert wird. Heute aber sind Unternehmen und Online-Magazine dazu angehalten, auf Kritik zu reagieren. Das Social Web ist ein zunehmend familiärer Raum geworden. Für überzogenen Tonfall gibt es also eigentlich keinen Grund mehr.

Dass Menschen Fehler machen, wird in Zeiten einer fast allgegenwärtigen Öffentlichkeit jedem offenbar. Konstruktive Kritik an groben Fehlern muss erlaubt sein. Kein Mitarbeiter eines professionell geführten Unternehmens allerdings würde einen Kollegen bei einem Fehler die sachliche Kompetenz absprechen oder gar persönlich werden. Im Netz jedoch ist das gang und gäbe.

Keine Shitstorms, sondern bloßer Protest

Erste Anzeichen gibt es, dass zumindest die Kritik zu etwas Alltäglichem wird. Viele vermeintliche Shitstorms, die von Online-Magazinen so genannt werden, finden gar nicht erst die Aufmerksamkeit vieler Leser. Zuletzt traf Protest etwa die Tierschutzorganisation Peta, die Sportler Lindsey Vonn und Tiger Woods, Alt-Politiker Donald Rumsfeld oder Teenie-Star Justin Bieber. Viele dieser so genannten Shitstorms werden in der Masse untergegangen sein, weil sie in Wahrheit simple Protestbekundungen waren. Wie es eben heute der gängige Weg ist, Kritik zu äußern. Der Fehler wäre, das überzubewerten.

Nachdem Petersen dem Fan antwortete, zeigte dieser sich überrascht und versöhnlich und wünschte ihm für das kommende Spiel alles Gute. Und Rafael van der Vaart reagierte gar nicht auf den Protest auf seiner Facebook-Seite. Als Boulevard-Medien vermeldeten, dass auch seine Noch-Ehefrau inzwischen mit einem neuen Liebhaber gesehen wurde, nahm die Kritik an Schärfe deutlich ab. /jv

Bild: AllAboutGeorge via Flickr unter CC-Lizenz BY-ND)

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