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09.08.11

Krawalle In London: Warum die Rolle von Twitter und Facebook egal ist

Facebook, Twitter und Instant Messenger hätten Krawallmachern in Großbritannien bei der Organisation ihrer Attacken geholfen, heißt es. Dies mag stimmen, ist aber egal.

 

Facebook, Twitter und der Instant-Messaging-Service von BlackBerry-Smartphones haben die aktuellen Ausschreitungen in London und anderen britischen Städten befeuert. Diese Aussage kann man heute in vielen Artikeln zu den Ereignissen lesen - sowohl in der englischen als auch deutschsprachigen Presse.

Doch obwohl diese Erkenntnis keineswegs erfunden ist, hat sie einen noch geringeren Neuigkeitsgehalt als eine 20 Jahre alte Zeitung. Natürlich nutzen die Krawallmacher die ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle zur Organisation! Wie kann dies überhaupt irgendjemanden verwundern?

Das Problem mit Berichten, die einen derartigen Zusammenhang unreflektiert und ohne weiteren Kontext verbreiten: Sie suggerieren, dass in westlichen Ländern spontane Zusammenrottungen von Randalierern ohne Mobiltelefone, Social Networks und Microbloggingdienste nicht möglich gewesen wären.

Doch selbstverständlich waren sie das. Wir erinnern uns an die Unruhen in Frankreich im Jahr 2005. Diese verliefen nach einem sehr ähnlichen Muster wie das, was momentan auf der britischen Insel geschieht, breiteten sich wie ein Lauffeuer von Paris in andere Regionen aus und waren gekennzeichnet von spontanen Versammlungen, Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei.

Für die damaligen Ausschreitungen hatte das zu diesem Zeitpunkt im Prinzip noch nicht existente Social Web jedoch keine nennenswerte Bedeutung. An der Qualität und Ausprägung der Krawalle änderte das jedoch nichts.

Oder blicken wir noch weiter in die Vergangenheit - schon im Jahr 1985 kam es in Tottenhamn zu Ausbrüchen der Gewalt, auch damals wie im aktuellen Fall als Folge eines durch ein polizeiliches Vorgehen verursachten zivilen Todesopfers. Überhaupt waren die 70er und 80er Jahre auf der Insel geprägt von gewaltsamen, teils spontanen, teils vorab organisierten Zusammenstößen als Folge der damals populären Hooligan-Kultur. All das ohne Social Media und Mobiltelefone.

Live-Krawall-Berichterstattung aus dem Hubschrauber

Der britische Nachrichtensender Sky News präsentierte am Montagabend stundenlang kommentierte Hubschrauber-Live-Bilder von den Krisenherden. Hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zu den Revolutionen in der arabischen Welt: In Tunesien, Ägypten und anderen Ländern gab es von der amtlichen Presse quasi keine Informationen über die Aufstände der Regime-Gegner und auch keine Details dazu, wann und wo sie sich versammelten. Deswegen wird Facebook, Twitter, Blogs und anderen Onlinekanälen gemeinhin nachgesagt, ein treibendes Instrument des Aufbegehrens der Bevölkerung gewesen zu sein.

Die englischen Krawalle hingegen kann sich jeder im heimischen Wohn- oder Kinderzimmer live und in Echtzeit aus der Vogelperspektive anschauen. Es braucht dazu nicht erst soziale Netzwerke, um den an einem Konflikt nicht abgeneigten Jugendlichen den notwendigen Antrieb zu geben, selbst auf die Straße zu springen und Adrenalin durch das Anzünden von Mülltonnen oder Plündern von Geschäften loszuwerden. Die klassischen Medien geben Inspiration und Details genug.

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