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14.05.14

Krautreporter: Über die Kraft einer positiven Sogwirkung und wie verfrühte Kritik sie verhindert

Eine um das Journalismus-Projekt Krautreporter entbrannte Diskussion zeigt, wieso es in Deutschland so schwierig ist, ehrgeizige Digital-Vorhaben erfolgreich umzusetzen: Der Drang, sofort möglichst ausführlich, detailgenau und ohne Versuche der Abmilderung Kritik zu üben, verhindert eine positive Sogwirkung.

KritikSeit etwas mehr als einem Tag läuft die Crowdfundingkampagne des Online-Magazins Krautreporter. Und schon ist eine Debatte über potenzielle Schwächen des Konzeptes entbrannt, angefeuert von einem Text mit der Überschrift "Fünf Gründe, warum ich von dem Krautreporter-Konzept enttäuscht bin". Eine emotionengeladene Gegenrede gibt es auch schon, ebenso wie einen nähere kritische Auseinandersetzung mit dem Frauenmangel im Krautreporter-Redaktionsteam. Mit weiteren Reaktionen ist im Laufe des Tages zu rechnen.

Dass das Projekt, das nur verwirklicht wird, wenn 15.000 künftige Abonnenten jeweils 60 Euro vorschießen, so schnell ins Kreuzfeuer geraten würde, war angesichts der bekannten deutschen Debattenlust zu erwarten. Dennoch möchte ich die Detailliertheit der Kritik und die Schnelligkeit, mit der diese die Vorfinanzierungsaktion kaum einen Tag nach dem Start überschattet, als Anlass zur Schilderung einer Beobachtung nehmen, die ich in meiner Wahlheimat Schweden (seit 2006, unterbrochen allerdings durch gelegentliche, längere Reisen) gemacht habe, und die mich regelmäßig verwundert: Immer wenn in der schwedischen Startup- und Digitalbranche ein neues Projekt debütiert, erhält es erst einmal von allen Seiten nur Lob. Selbst wenn das jeweilige Unterfangen kaum beeindruckt und auch wenn es hinreichend Angriffsfläche für Einwände und Infragestellungen böte, so werden die jeweiligen Macher in den üblichen Social-Media-Kanälen und der Branchenpresse in erster Linie zu ihrem Schritt beglückwünscht, nicht selten mit einer gewissen Euphorie. Dass unternehmerische oder kreative Unterfangen innerhalb der Frühphase bereits ausführlich öffentlich in Frage gestellt werden, besitzt Seltenheitswert.

Diese Fokussierung auf frühes positives Feedback führt natürlich dazu, dass Angebote entstehen, die sich später als marktuntauglich herausstellen. Robin Wauters beschrieb dies vor einigen Tagen ganz gut in einem Portrait der Stockholmer Internetlandschaft. Doch gleichzeitig resultiert aus dem Brauch, Gründer auf ihren ersten Schritten geschlossen anzufeuern und eine kritische Auseinandersetzung auf später (oder private Gespräche) zu verlagern, eine beachtliche positive Energie. Beweisen kann ich es nicht, aber die Tatsache, dass Schweden eines der erfolgreichsten Startup-Länder Europas darstellt, hat meiner Meinung nach auch damit zu tun, dass Machern dort im entscheidenden frühen Stadium eines ehrgeizigen, auch schwierigen Projekts von Seiten der Öffentlichkeit wenig Gegenwind entgegenschlägt.

Dass Spotify mit seiner im Jahr 2007 wahnsinnig wirkenden Idee, die Musikindustrie zur Unterstützung eines partiell kostenlosen Streamingdienstes zu bewegen, in Stockholm entstand, ist kein Zufall. Auch nicht, dass Schweden in der Liste der unternehmerisch umtriebigsten Länder Europas auf dem zweiten Platz landet, hinter Irland. Wenn Entrepreneure selbst für utopisch klingende Projekte heftigen Beifall erhalten, anstatt von allen Seiten unter die Nase gerieben zu bekommen, warum ihre Idee oder Umsetzungspläne enttäuschen und was sie alles falsch machen, dann setzt dies beachtliche Kräfte frei.

Dem zugrunde liegt einfache menschliche Psychologie. Zwar soll es auch Menschen geben, die von umfangreicher Kritik und Pessimismus angespornt werden, es allen zu zeigen. Üblicherweise aber nährt sich Motivation eher aus Lob und Ermunterung, nicht aus überwiegend negativer Resonanz, die mit dem Erreichten hart ins Gericht geht. Deswegen kann man in Sportstadien auch regelmäßig zehntausende Menschen dabei beobachten, wie sie ihre Teams lautstark anfeuern, anstatt sie mit Gesängen an ihre Schwächen zu erinnern (was zwar in Momenten großer Fan-Frustration auch vorkommt, aber garantiert nicht am ersten Spieltag). Auch bei großen Marathonläufen stehen Hundertausende an den Strecken und jubeln den Läufern zu, die daraus die Energie beziehen, um doch noch eine Minute früher über die Ziellinie zu taumeln.

Was für Deutsche wie für alle anderen Nationen beim Sport selbstverständlich ist, gilt bei wirtschaftlichen Projekten nicht mehr. Für Deutsche ist ein frühzeitiges Diskutieren aller Vor- und Nachteile ein Muss. Wird ein neues, herausforderndes Vorhaben angeschoben, dann müssen sich die Initiatoren darauf einstellen, dass selbst womöglich vorhandene ehrenwerte Ziele und ein eventuelles allgemeines öffentliches Interesse an der Verwirklichung nicht vor ausgedehnten, mit negativer Tonalität untermalten Analysen schützen. Der gerne ins Feld geführte "kritische deutsche Geist" lässt es sich ungeachtet der eigenen moralischen Unterstützung für ein Vorhaben nicht nehmen, die Schwachpunkte möglichst genau zu analysieren. Und wo die im Vergleich konfliktscheuen Schweden Kritik eher zwischen den Zeilen äußern und diese mit viel anerkennenden Worten "abfedern", neigen wir Deutschen dazu, ganz auf die Abmilderung unserer womöglichen harten Worte durch Nettigkeiten und motivierende Zurufe zu verzichten. Anstelle eines "Ich find das super, wobei ihr noch .... machen könntet" heißt es dann eben "Ich bin ziemlich enttäuscht".

Dass wir uns anders als die Skandinavier nicht dabei wohlfühlen, wenn ein aufmerksamkeitsstarkes Projekt zu viel Euphorie und Jubel hervorruft, und deshalb mit oft fundierter - aber wenn zu harsch und zu früh, potenziell äußerst demotivierender - Kritik reagieren, hat wahrscheinlich auch historische Gründe. Die deutsche Geschichte lehrt uns, dass eine Begeisterung der Massen für eine Sache schlimm enden kann. Vielleicht ignorieren wir deshalb intuitiv die Gesetze positiven Feedbacks und fühlen uns animiert, so schnell wie möglich all das laut aussprechen zu müssen, was uns an einer mit mutmaßlich einigem Herzblut auf die Beine gestellten Unternehmung wie Krautreporter nicht passt. Im Startupbereich ist das Resultat leider, dass vieles nicht verwirklicht werden kann, weil die positive Sogwirkung fehlt, die zum Freisetzen der Kräfte benötigt wird. Deshalb hat Deutschland noch immer keine Digitalfirmen zu bieten, die es auf das ganz große Parkett geschafft haben, und deshalb sind Deutsche so "lächerlich risikoscheu", wie es der US-Wagniskapitalgeber Ben Horowitz gerade bemerkte. Wer will schon Risiko eingehen und große unternehmerische Herausforderungen in Angriff nehmen, wenn man anschließend die Hälfte der ohnehin begrenzten Zeit dafür aufwenden muss, sich zu rechtfertigen und sich teilweise schlicht übereilter Kritik zu stellen?!

Ich würde diesen Text zwar gerne als Aufruf formulieren, bei unternehmerischen Vorhaben, die nicht unbedingt politische oder gesellschaftliche Brisanz beinhalten, zumindest im frühen Stadium einfach mal auf gutgemeinte, aber in diesem Moment destruktive, zu detailgenaue Kritik zu verzichten. Allerdings lässt sich Mentalität und Kultur nicht einfach mit einem Appell verändern. Außerdem weiß ich, dass viele das von mir Beschriebene ohnehin ganz anders sehen und sich und ihrem Gewissen verpflichtet fühlen, zu kritisieren, ungeachtet eventueller negativer Konsequenzen auf die Adressaten ihrer Anmerkungen. Oder weil sie glauben, dass nur so ein Erfolg entstehen kann. An und für sich ist diese Prinzipientreue auch löblich und sie verhindert im Idealfall, dass für Unausgegorenes, zum Scheitern Verurteiltes zu viele Ressourcen aufgewendet werden. Leider verhindert sie aber auch leicht, dass Dinge entstehen, die ein gewisses Gefühl des Zusammenhalts benötigen, bevor sie zu einer eigenständigen, vollkommen kritik- und wettbewerbsfähigen Existenz in der Lage sind.

Vor fast fünf Jahren schrieb ich übrigens einen sehr ähnlichen Text: "Der deutschen Gründerszene fehlt es an Naivität". Er ist noch immer aktuell. /mw

Foto: Closeup portrait woman holding gift in one hand, Shutterstock

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