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13.08.12

Kostenpflichtige Twitter-Alternative: Alle Augen richten sich auf App.net

Weil kostenfreie soziale Netzwerke das Wohl ihrer Werbekunden priorisieren, kommen die Bedürfnisse der Nutzer zu kurz. Dieser Meinung ist Dalton Caldwell, der mit App.net eine kostenpflichtige Twitter-Alternative entwickelt. Die Tech-Szene scheint der Idee nicht abgeneigt zu sein und stellt per Crowdfunding über 500.000 Dollar Kapital bereit.

In dieser Woche wird wieder einmal ein Crowdfunding-Projekt die Medien beschäftigen. Anders als bei der Android-Spielkonsole Ouya oder der Smartphone-Uhr Pebble richten sich die Blicke nun jedoch auf einen Onlinedienst: heißt das Softwareprojekt von Dalton Caldwell, dem Gründer der zwei recht bekannten, aber nicht mehr existierenden Onlinedienste imeem und picplz. Wie viele andere Entwickler und Branchenkenner sorgt sich Caldwell über Twitters derzeit stattfindende Abkehr von einer offenen Plattform hin zu einer relativ geschlossenen Destination. Der 32-jährige US-Amerikaner wollte sich nicht auf lautstark geäußerte Kritik beschränken, sondern entschloss sich, eine Alternative zu Twitter aus dem Boden zu stampfen. Im Gegensatz zu dem Microbloggingservice aus San Francisco will Caldwell App.net als kostenpflichtigen Service anbieten. Auf diese Weise möchte er die Interessenkonflikte vermeiden, mit denen werbefinanzierte Social-Web-Angebote früher oder später konfrontiert werden: wenn sie nämlich die Belange der Werbekunden aus rein wirtschaftlichen Beweggründen vor die ihrer Nutzer stellen.

50 Dollar Jahresgebühr

Genau eine derartige Entwicklung beobachtet Caldwell bei Twitter. App.net soll anders werden. 50 Dollar ist als jährlicher Preis für die Möglichkeit zum Publizieren bei dem Dienst vorgesehen. Um die damit verbundenen, massiven Einstiegshürden zumindest etwas zu senken, hat Caldwell eine Crowdfundingkampagne lanciert. Innerhalb von 30 Tagen sollten Unterstützer 500.000 Dollar zusammenbringen, um damit die Entwicklungskosten von App.net für die nahe Zukunft zu decken, so das Projekt zu ermöglichen und gleichzeitig als Botschafter für das Vorhaben aufzutreten. In einem Tag wird die selbst auferlegte Frist ablaufen - mittlerweile ist klar, dass der Entrepreneur sein sehr ambitioniertes Ziel erreicht hat: Am Sonntagabend durchbrach die von Anwendern versprochene Spendensumme die Marke von 500.000 Dollar, jetzt liegt sie bereits bei über 600.000 Dollar.

Mindestens 50 Dollar müssen Unterstützer bereitstellen - und erwerben sich damit das Nutzungsrecht für ein App.net-Konto für das erste Jahr. Entwickler, die eigene Dienste auf Basis von App.net basteln möchten, bekommen für einen Betrag von 100 Dollar Zugang zur API. Erste derartige Anwendungen existieren bereits . Gut 50 der über 7000 Supporter haben sich zur Zahlung von jeweils 1000 Dollar bereiterklärt, wofür ihnen unter anderem ein persönliches Treffen mit Caldwell winkt.

App.net soll niemals durch Werbung finanziert werden

Der gebürtige Texaner versucht sich mit App.net an einem Vorhaben, dessen Gelingen ein kleines Wunder wäre. Sicher: Das Erreichen des Fundingziels belegt, dass eine Nachfrage an einer Twitter-Alternative besteht, welche die einstmals von dem Dienst propagierten, nun zugunsten der besseren Vermarktungsoptionen zurückgestellten Werte fortführt, ohne dabei in einigen Jahren in der selben Situation zu landen. Caldwell verspricht, dass App.net niemals durch Werbung finanziert wird. Diese Versicherung ist eine wichtige Motivation für alle, die sich am Crowdfunding von App.net beteiligen. Ein Aufweichen dieses Prinzips wäre mit einem enormen Integritätsverlust von Caldwell verbunden, weshalb davon auszugehen ist, dass er gar nicht anders kann, als sich für alle Ewigkeit an sein Wort zu halten.

Doch weder der App.net-Macher noch seine Fürsprecher werden sich damit zufrieden geben, dass aus dem Projekt ein Nischenangebot für eine kleine Community von Open-Web-Advokaten wird. Davon existieren mit diaspora oder identi.ca bereits hinreichend derartige Anlaufstellen - die niemals auch nur in die Nähe einer kritischen Masse gelangten, obwohl ihre Verwendung kein Geld kostet. Caldwell verzichtet auf das von diesen zwei Services angepriesene Alleinstellungsmerkmal einer dezentralen Serverstruktur, da dies dem Webmainstream schlicht egal ist und zumeist eine mäßige Benutzerfreundlichkeit nach sich zieht. App.net bleibt bei dem klassischen Ansatz einer zentralen Struktur und versucht stattdessen, den Hebel beim Geschäftsmodell anzusetzen und sich bei allen Sympathien zu erschaffen, die dem Gedanken werbefinanzierter Gratisdienste zur freien Kommunikation und zum Informationsaustausch zunehmend kritisch gegenüberstehen.

Wie die breite Masse zum Bezahlen bewegen?

Durch seinen von der Presse vielzitierten offenen Brief an Mark Zuckerberg, die medienwirksame Crowdfunding-Kampagne und das richtige Timing is es Caldwell geglückt, Momentum für seine Idee aufzubauen und einige einflussreiche Internet- und Blogpersönlichkeiten als Befürworter zu gewinnen. Doch damit ist lediglich ein erster, klitzekleiner Schritt getan. Denn auch wenn App.net nun mit mehr als einer halben Million Dollar von der Alpha-Version zum fertigen Produkt ausgebaut werden kann, zeichnet sich die nächste, deutlich größere Hürde bereits ab: Um sowohl für Anwender als auch Entwickler tatsächlich attraktiv zu sein und nicht zu einer weiteren virtuellen Geisterstadt zu verkommen, MUSS Caldwell früher oder später User zu dem Dienst locken, die sich wenig tiefere Gedanken über Nachteile des Twitter- oder Facebook-Geschäftsmodells machen. Diese Menschen dazu zu bringen, für die Nutzung Geld auf den Tisch zu legen, wäre ein bisher einzigartiges Kunststück - immerhin wurde ihnen seit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken antrainiert, dass diese ohne monetäre Gegenleistung zugänglich sind.

Aber um den Pessismus nicht zu viel Raum einzuräumen, bleibt festzuhalten, dass das Zustandekommen des Crowdfundings bereits einen ersten wichtigen Meilenstein markiert. Dass ein Social-Web-Service mit dem bisherigen Paradigma von Free oder Freemium bricht, jeden Anwender zur Kasse bittet und im Gegenzug einen friedlichen, konstruktiven und respektvollen Umgang mit Mitgliedern und Entwicklern in Aussicht stellt, kann in jedem Fall als interessantes Experiment gewertet werden, von dem wir alles etwas lernen werden. Im Idealfall gelingt es Caldwell auch, allein durch die gewonnene Aufmerksamkeit Druck auf Twitter auszuüben, die eigene Strategie nochmals zu überdenken.

Selbst wenn die Chancen auf den ganz großen Erfolg für App.net äußerst gering erscheinen, können Caldwell und seine Unterstützer eigentlich nichts verlieren. Deshab wäre es dumm gewesen, es nicht zu versuchen.

Nachtrag: Twitter-Nutzer @13stock merkt an, dass nirgends bei App.net explizit erwähnt wird, dass es für alle Ewigkeit nur kostenpflichtige App.net-Konten geben soll. Caldwell scheint sich bewusst vor einer eindeutigen Aussage hierzu zu drücken, auch wenn die Kommunikation seines Dienstes einen ausschließlichen Paid-Service suggeriert und dies von den Medien auch so aufgefasst wird. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich Caldwell eine Hintertür offen halten möchte, künftig beschränkte Gratis-Accounts anzubieten - sofern genug zahlende Anwender die wirtschaftliche Tragfähigkeit sicherstellen. Wir haben ihn per Twitter um eine Auskunft dazu gebeten.

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