<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

17.05.12

Knowledge Graph: Google als semantische Entdeckungsmaschine

Unter dem Namen “Knowledge Graph” hat Google ein Feature vorgestellt, das die Suche auf ein neues Niveau hebt: Begriffe sind nicht mehr nur Zeichenfolgen, sondern haben eine Bedeutung und einen Zusammenhang. Waren die Suchergebnisse für die Nutzer früher vor allem eine Zwischenstation, werden sie immer mehr zum eigentlichen Ziel.

Für klassische Suchmaschinen ist die Suchanfrage eines Nutzers im Wesentlichen eine Abfolge von Zeichen. Für sie wird nach verschiedenen Kriterien die beste Entsprechung in Form einer Website im Netz gesucht. Mit dem jetzt vorgestellten Knowledge Graph will Google einen Schritt weiter gehen: Künftig werden Orte, Personen, Gegenstände und mehr in diesen Suchanfragen erkannt und in einen Zusammenhang gestellt. „Things, not strings“, sagt Google dazu im offiziellen Blogpost: Dinge, nicht Zeichenfolgen. Das Feature steht zunächst englischsprachigen Nutzern in den USA zur Verfügung.Der Schritt hat zur Folge, dass bei ausgewählten Suchbegriffen auf den Ergebnisseiten rechts neben der herkömmlichen Trefferliste ein Kasten auftaucht, der zwei Funktionen übernimmt:

1. Bei mehrdeutigen Begriffen wie beispielsweise “Golf” erscheint eine Liste mit möglichen Bedeutungen zur Eingrenzung der Suche. Im Fall von “Golf” wären das also das Auto, der Sport und die Landschaftsformation.

2. Bei Personen, Orten, Gegenständen und einigem mehr serviert Google Nutzern in dem Kasten eine Zusammenstellung nützlicher Informationen wie eine Definition, Bilder oder auch verwandte Begriffe sowie häufige Suchen anderer Anwender.

Quellen für die Informationen sind Webangebote wie Wikipedia, aber beispielsweise auch die Weltbank. Das Wissen über Dinge wie Filme, Bücher, Orte, Firmen und Personen kommt von dem freien und offenen Projekt Freebase.com. Google hatte die Freebase-Macher Metaweb im Juli 2010 gekauft.

Der Kasten des Knowledge Graph soll laut Google in etwa so häufig in den Suchergebnissen erscheinen wie heute die Karte aus Google Maps. Auf diese Weise bringt Google den Nutzern ein Stück Semantic Web nach Hause. Lange wurde darüber gesprochen, Beispiele und Ideen gab es viele, Google aber etabliert Semantik nun für den Massenmarkt.

Zum Vergrößern klicken

Was der Knowledge Graph bedeutet

Für Google ist der Knowledge Graph der dritte große Evolutionsschritt der Suchergebnisseite. Der erste war die “Universal Search”, die Ergebnisse der zahlreichen weiteren Dienste des Unternehmens in die Ergebnisse einband. Man bekam als Nutzer nicht mehr nur die Liste mit zehn Suchtreffern in Form von Websites oder anderen Textdokumenten. Stattdessen fanden sich dort fortan auch Fotos, Videos, Produktlisten, News, Blogposts sowie Landkarten und Ortsinformationen.

Der zweite Evolutionsschritt war “Search, plus Your World”, das eine soziale Komponente in die Suchergebnisse bringen sollte und dabei vor allem auf das hauseigene Google+ zurückgreift, aber auch andere Dienste wie beispielsweise Friendfeed einbezieht. Nutzer können über einen eigenen Auswahlknopf festlegen, ob sie diese “sozialen Ergebnisse” sehen möchten oder nicht. Interessanterweise ist dieser Knopf mit dem Knowledge Graph wieder verschwunden. Auf Nachfrage von ReadWriteWeb erklärte Search Project Manager Johanna Wright , dass es zur sozialen Suche nicht viele Veränderungen gebe. Sucht man nach einer Person, werde beispielsweise das passende Google+-Profil angezeigt, soweit vorhanden. Inwiefern Google das viel diskutierte und manchen zu weit gehende Search, plus Your World wieder zurückdreht, bleibt abzuwarten.

Mit dem Knowledge Graph setzt Google den Weg fort, nicht mehr nur eine Zwischenstation zu sein, die die Nutzer möglichst gut und schnell zum Ziel anderswo im Netz führt. Google möchte ganz offensichtlich selbst Ziel sein. Wir hatten diesen Strategiewechsel im November näher unter die Lupe genommen.

Ob der Knowledge Graph im täglichen Einsatz hält, was Googles Werbevideo verspricht, wird sich im Alltag zeigen. Er muss vor allem perfekt funktionieren, denn die Suchergebnisse werden mit einer weiteren Box mit noch mehr Informationen auch ein weiteres Stück unübersichtlicher.

Einerseits kümmert sich Google mit diesem Feature wieder um seine ursprüngliche Aufgabe, das Wissen der Welt zu organisieren. Nach dem Start von Google+ und der Einführung von Search, plus Your World schien das fast aus dem Fokus zu geraten. Zum anderen wird Googles Ergebnisseite aber nicht nur umfangreicher - sie wird dem restlichen Web auch Besucher vorenthalten, die alles Gesuchte schon bei Google selbst finden.

Man kann nur spekulieren, was in den Köpfen der Manager und Ingenieure bei Google vorgeht. Welche Vision haben sie für das Unternehmen in beispielsweise fünf Jahren? Die Frage, die sich beim aktuellen Kurs von Google aufdrängt: Wie weit werden die Web-Suchergebnisse noch zurückgeschraubt und durch eigene Produkte und Datenbankabfragen ersetzt? Wann kommt die Suchergebnisseite, die mir eine Antwort auf meine Suchanfrage automatisch generiert und auf der die eigentlichen Quellen im Web nur noch als Randnotiz erscheinen?

Für Google wäre das eine konsequente Fortsetzung des bisherigen Wegs. Technisch denkbar ist es ebenfalls. Google wäre dann nicht mehr das zentrale Einfallstor fürs World Wide Web, sondern vielmehr dessen Frontend.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer