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27.04.12

Klout: Umstritten, aber unausweichlich

Klout, das bekannteste Onlinewerkzeug zur Reputationsmessung, bietet viel Angriffsfläche. Trotzdem ist es an der Zeit, seine künftige Bedeutung im Wirtschaftsalltag zu akzeptieren.

Gibt es einen bedeutungsvollen Onlinedienst im Social Web, den wir bisher in unserer Berichterstattung etwas vernachlässigt haben, so ist es Klout. Einerseits handelt es sich dabei um einen reinen Zufall und um eine Priorisierung anderer Themen. Gleichzeitig trieb zumindest mich persönlich auch immer die Hoffnung um, derartige Werkzeugen zur Reputationsmessung auf Basis von Einfluss und Reichweite bei Social Networks seinen nur ein Übergangsphänomen für eine ausgereiftere, leistungsfähigere und nachhaltigere Lösung. Denn bisher war mein Eindruck des kalifornischen Dienstes (sowie seiner zahlreichen Nachahmer und Konkurrenten ), dass er sich sehr leicht überlisten ließ und dass die zentrale Kennzahl "Klout Score" wenig über die tatsächliche Reputation von Nutzern aussagt. Doch mittlerweile glaube ich, dass es Zeit ist, die Quasi-Dominanz von Klout als künftiger Standard der Reputationsanalyse von Personen im Netz anzuerkennen - egal was man persönlich von dieser Entwicklung hält.

Klout führt auf Basis zahlreicher Kriterien ein Analyse jeder bei den tonangebenden sozialen Netzwerken (primär Facebook und Twitter) registrierten Person durch. Das Ergebnis ist die Klout Score, die irgendwo zwischen 1 und 100 liegen kann. Je höher der Wert ist, desto mehr Einfluss und Reichweite rechnet Klout einem zu. Firmen können ausgewiesenen Multiplikatoren über den Dienst Sonderangebote und Goodies zukommen lassen oder über Klouts Entwicklerschnittstelle auf die Klout Score von Konsumenten zugreifen, um sie in Kategorien einzuordnen und ausgehend von diesen unterschiedlich zu behandeln. Mittlerweile existieren Berichte, nach denen Bewerbungen aufgrund einer zu niedrigen Klout Score gescheitert sein sollen. Hotels wie das The Palms Hotel in Las Vegas prüfen die Klout Score ihrer Gäste, um darüber zu entscheiden, ob sich ein kostenfreies Upgrade des Zimmers empfiehlt. Je stärker Anwender bei Facebook, Twitter & Konsorten verdrahtet sind und je mehr Nutzer ihre Beiträge lesen und weiterverbreiten, desto größer ist ihr Potenzial als inoffizielle Markenbotschafter.

Jürgen Vielmeier bezeichnete Klout gestern bei Basic Thinking recht treffend als "Schufa fürs Web" (Johannes Kuhn vom SZ Digitalblog kam der selbe Vergleich in den Sinn). Während die Schufa im Auftrag von Unternehmen die Kreditwürdigkeit der Verbraucher prüft, analysiert Klout ihre Eignung als Multiplikatoren und Influencer. Firmen erhalten auf dieser Grundlage die Möglichkeit, ihr Servicelevel an den jeweiligen Einfluss der Konsumenten anzupassen. Wer im Social Web kein Gehör findet und wenige Follower besitzt, dessen Tweets und Status Updates über Erfahrungen mit Unternehmen wiegen weniger stark als die eines hochgradig vernetzten Power Users, dessen Inhalte von unzähligen Personen weiterverbreitet werden, so das nachvollziehbare Kalkül.

Im Gegensatz zu prinzipiellen Kritikern des Reputationsscorings auf Basis von Einfluss im Social Web störte ich mich bisher vorrangig an der Ungenauigkeit der Klout-Messung. Ich habe schon Twitter-Spammer gesehen, die eine durchaus beachtliche Klout Score über 60 aufwiesen. Auch die Tatsache, dass der US-Jungstar Justin Bieber mit einer Klout Score von 100 nach Erkenntnis des kalifornischen Startups einen größeren Einfluss hat als Barack Obama (Klout Score 93), stellt die Validität der Klout-Algorithmen in Frage - es sei denn, man sieht Klout Scores tatsächlich als reinen Indikator der Onlinereputation, der vollkommen von Image und sozialer Stellung einer Person im "realen Leben" losgelöst ist. Doch eigentlich wollen wir im Jahr 2012 ja genau diese Separation von Online und Offline hinter uns lassen.

Letztlich spielt es keine Rolle, wie man persönlich zu Klout oder ähnlichen Angeboten wie dem britischen Dienst PeerIndex steht: Der Zug ist abgefahren, die Reputationsanalyse von Onlinenutzern (alias Konsumenten) erweist sich trotz ihrer noch existierenden konzeptionellen Schwächen als zu attraktiv für die Wirtschaft, als dass sie wieder verschwinden wird. Die Eitelkeit der Menschen tut ihr Übriges: Selbst wer eine tiefe Abneigung gegen Klout hegt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit schon einmal nachgeschaut, welchen Status einem der Dienst zumisst.

Besonders interessant ist Klout für Firmen auch deshalb, weil es selbst für nicht bei dem Dienst registrierte Anwender ein Scoring anbieten kann. Zumindest zu (fast) jedem Twitter-Nutzer liefert die Klout-API eine Klout Score, wie die Klout-Erweiterung für Chrome illustriert. Die Praxis, Daten über Anwender zu sammeln, die sich nicht aktiv für eine Mitgliedschaft bei Klout entschlossen haben, brachte dem Unternehmen bereits einiges an Kritik ein.

Klout belohnt Massentauglichkeit, nicht Individualität. Die Einteilung der Reputation anhand einer Skala von 1 bis 100 ist zu eindimensional, um den tatsächlichen Einfluss eines Menschen wiedergeben zu können. Und die intransparente Datensammlung des Unternehmens sorgt verständlicherweise für eine gewisse Beunruhigung. Trotzdem gibt es kein Zurück mehr. Firmen werden in zunehmendem Maße die Klout Score in ihre Scoring-Prozesse einbeziehen - ob wir wollen oder nicht. Deshalb das eigene Twitter- oder Facebook-Verhalten zu ändern und künftig viele süße Katzenbilder zu publizieren, um mehr Shares zu erhalten und so die Klout Score zu verbessern, wäre sicher keine sinnvolle Konsequenz. Wenn man aber das nächste Mal ohne Zusatzkosten einen deutlich größeren Mietwagen erhält als gebucht oder aus dem Fenster des Hotelzimmers auf Mülltonnen blickt, dann könnte die eigene Klout Score der Grund dafür sein.

Link: Klout

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