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28.11.12

Kettenbriefe bei Facebook: Einblick in eine widersprüchliche Wirklichkeit

Wir schreiben das Jahr 2012. Noch immer fallen Anwender auf Kettenbriefe herein. Ein aktueller Facebook-Hoax gibt Einblick in die widersprüchliche digitale Wirklichkeit vieler Internetnutzer.

Bereits seit Wochen kursiert bei Facebook eine von Nutzern verbreitete Statusmeldung, in der sie der kommerziellen Verwendung ihrer persönlichen, bei dem sozialen Netzwerk hinterlassenen Daten widersprechen. Der Text beinhaltet einen Aufruf, ihn ebenfalls zu veröffentlichen, ansonsten gäbe man Facebook implizit die Erlaubnis, Fotos und Profilinformationen für kommerzielle Zwecke einzusetzen. Ein Blick auf Google News zeigt: Erste Berichte über das Auftauchen dieses Kettenbriefs, dessen Inhalt natürlich Quatsch ist, tauchten schon vor einigen Wochen auf. In den letzten Tagen nahm die Zahl der Artikel rund um den Hoax jedoch deutlich zu. Gleichzeitig durfte ich den Text in seiner englischen Ausführung auch in meinem Newsfeed mindestens zweimal begutachten. Am Montag sah sich das soziale Netzwerk gezwungen, in einer kurzen Stellungnahme darauf hinzuweisen, dass es keine Änderungen an den Geschäftsbedingungen gebe und dass Nutzer in ihren Privatsphäre-Einstellungen darüber entscheiden, welche Informationen wie verbreitet werden. Das ist zwar etwas anderes als die im Status Update angeschnittene kommerzielle Verwendung, aber was Facebook im Kern ausdrückt: Ignoriert die Kettenmail.

Der aktuelle Fall ist bei weitem nicht der erste, bei dem sich Statusmeldungen wie ein Lauffeuer unter der Facebook-Nutzerschaft verbreiten und Mitglieder unter Androhung von negativen Konsequenzen bei Nicht-Handlung dazu animieren, sich an der Distribution zu beteiligen. Im Sommer, kurz nach Facebooks Börsengang, grassierte eine ähnliche Meldung, ebenfalls in Bezug auf die Kontrolle über die eigenen Daten. Kettenbriefe können sich natürlich auch mit anderen Fragen befassen, etwa, indem sie User auffordern, durch das Publizeren eines Status Updates kenntlich zu machen, dass man weiterhin bei Facebook aktiv sei - sonst würde das Konto gelöscht. Ein Klassiker sind Androhungen, Facebook würde kostenpflichtig werden, wenn man nicht einen entsprechenden Widerspruch postet.

Wer sich noch an die Zeit vor Facebook erinnert, der weiß, dass virale Hoaxes kein alleiniges Phänomen des sozialen Netzwerks darstellen. E-Mail, ICQ und alle nur erdenklichen anderen Kanäle wurden seit jeher von Spaßmachern dazu genutzt, Falschmeldungen unter Einsatz des Schneeballsystems in Umlauf zu bringen.

Mittlerweile schreiben wir jedoch das Jahr 2012. Noch immer scheint ein nicht geringer Teil der digitalen Bevölkerung davon auszugehen, AGB widersprechen zu können, indem sie einen vorgefertigte Text auf ihrem Facebook-Profil veröffentlichen. Bei den von mir bei diesem Treiben beobachteten Facebook-Kontakten handelt es sich nicht etwa um Kinder, die vielleicht mit berühmt-berüchtigten Webphänomenen und rechtlichen Eigenheiten kommerzieller Onlineplattformen noch nicht so vertraut sind, und auch nicht um ältere Semester, welche die vergangenen 15 Jahre Internetgeschichte verpasst haben und deshalb leicht auf derartige Kettenbriefe hereinfallen. Nein, wir sprechen hier von jungen Erwachsenen mit Hochschulabschluss, die seit Jahren bei dem Social Network Mitglied sind und, soweit ich das beurteilen kann, sich auch davor schon ausgiebig im Netz aufhielten.

Dass intelligente, seit langer Zeit mit dem Internet vertraute Menschen noch immer so offensichtliche Scherzen wie Kettenbriefen auf den Leim gehen und sich in dem tatsächlichen Glauben befinden, durch ein Status Update juristisch bindende Einstellungen an ihrem Facebook-Profil vornehmen zu können, lässt eine ganze Reihe von Schlüssen und Annahmen zu:

  • Selbst langjährigen Internetnutzern mangelt es noch immer an grundlegender digitaler Medienkompetenz.
  • Facebooks Privatsphäre- und Datenschutzeinstellungen werden nur begrenzt von den Usern angenommen, sonst würden sie nicht versuchen, diese per Status Update zu beeinflussen.
  • Der Schutz der eigenen Daten beschäftigt Nutzer zwar vorgeblich, aber nicht so sehr, dass sie sich ernsthaft darüber informieren, auf welchen Wegen sie diesen effektiv beeinflussen können.
  • Es herrscht Unklarheit darüber, was Facebook mit den persönlichen Daten macht.
  • Informationen werden ungeprüft weiterverbreitetet. Eine kurze Google-Suche würde sofort Aufschluss über den Wahrheitsgehalt einer derartigen Kettenmail geben.

Von unseren Lesern wird wohl niemand auch nur eine Sekunde über den eventuellen Wahrheitsgehalt einer wie oben beschriebenen Statusmeldung nachdenken müssen. Doch die Intensität, mit welcher der Hoax sich innerhalb des sozialen Netzwerks ausbreitet, dient als Augenöffner für uns alle, die in irgendeiner Form in der digitalen Welt tätig sind und unseren eigenen Kenntnisstand in Bezug auf das Netz und seine Ökonomie als selbstverständlich ansehen. Durchschnittsnutzer leben in einer ganz anderen Wirklichkeit als der kleine Teil der sich über alle Zusammenhängen und Dynamiken bewussten "Heavy User". Eine digitale Wirklichkeit voller Widersprüche.

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