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28.05.14

Kein Verstoß gegen die Netzneutralität: Wenn man über etwas jubelt, das eigentlich selbstverständlich ist

In Chile dürfen Mobilfunkprovider ihren Kunden nicht mehr kostenfreien Zugang zu spezifischen Apps bieten. Und Zattoos Kooperation mit E-Plus in Deutschland verzichtet auf eine Befreiung vom Datenverkehr. In einer Ära, in der die Netzneutralität stetig unter Druck steht, freut man sich schon über Selbstverständlichkeiten.

WhatsAppAnhänger der Netzneutralität haben im Jahr 2014 nicht viel zu lachen, selbst wenn sich die Politik zumindest in Europa in die richtige Richtung bewegt. Doch letztlich gibt es wenig zu gewinnen aber viel zu verlieren. Denn in den vergangenen 20 Jahren des kommerziellen Internets war die Gleichbehandlung von Daten allgemeiner Konsens. Etwas, das nach den Wünschen der Netzbetreiber nicht mehr gelten soll. Und im wichtigen und oft eine Vorbildrolle einnehmenden Internetmarkt USA zeichnet sich in jedem Fall eine Abschwächung des Netzneutralitäts-Prinzips ab. Umso stärker freut man sich über kleine, die Diskriminierung von Daten in Frage stellende "Siege". Solch ein Sieg wurde gerade in Chile errungen. Die dortige Telekomregulierungsbehörde hat es Mobilfunkprovidern untersagt, Kunden ohne gebuchtes Datenvolumen die Nutzung spezifischer Apps wie Twitter, WhatsApp oder Facebook kostenfrei anzubieten. Eine derartige Praxis ist in vielen Ländern üblich, oft in Form von Kooperationen zwischen den Netzbetreibern und einzelnen Webanbietern. Daraus ergibt sich jedoch ein Wettbewerbsnachteil für Konkurrenten, die nicht von der Bevorteilung durch die Mobilfunker profitieren.

In Deutschland verzichten die Netzbetreiber auf diese Art der Ausnahme. Allerdings hat WhatsApp jüngst zusammen mit E-Plus eine eigene SIM-Karte auf den Markt gebracht, bei der Chatnachrichten über den beliebten Messenger auch ohne erworbenes Datenvolumen versendet und empfangen werden können. Da sich das Angebot jedoch mittels Name und Branding explizit an WhatsApp-Fans richtet und bei den Tarifmerkmalen abgesehen von der WhatsApp-Komponente im Vergleich zu anderen Prepaid-SIM-Karten eher Durchschnittliches bietet, ist der Service als Sonderfall zu betrachten.

Was in Deutschland und auch in der Schweiz dagegen durchaus vorkommt, sind Befreiungen der Kunden vom Datenverkehr, der über Apps generiert wird, mit denen ein Mobilfunkanbieter eine Partnerschaft eingegangen ist. In Deutschland ist das wohl bekannteste Angebot dieser Art die Zusammenarbeit von T-Mobile mit Spotify. Egal wie viel Datenverkehr beim Tarif eines T-Mobile-Kunden inklusive ist - sofern die Spotify-Option hinzugebucht wurde, können Nutzer unbegrenzt und ohne die sonst greifende Drosselung Musik streamen. Spotify-Wettbewerber haben das Nachsehen. In der Schweiz bietet Orange einen ähnliche Spotify-Deal an.

Als ich heute die Pressemitteilung von Zattoo Deutschland zu einer neuen Zusammenarbeit mit der E-Plus Marke zu lesen begann, schwante mir deshalb schon Böses. Doch ich machte mir umsonst Sorgen: Denn anders als Spotify verzichten die Zürcher und das deutsche Telekommunikationsunternehmen auf eine Bevorteilung von Zattoo-Daten. Die gemeinsame Vertriebskooperation beschränkt sich ausschließlich auf das Bundeling und daraus resultierende Kostenersparnisse für Base-Kunden. Streamen sie TV-Sender mittels Zattoo über ihre mobile Datenverbindung, wird dieser Traffic genauso auf ihren Verbrauch angerechnet wie der aller anderen Apps. Ähnlich verhält sich auch eine im April bekannt gegebene Kooperation zwischen Base und dem Netflix-Konkurrenten Watchever. Schon seit 2013 bietet E-Plus Kunden auch Zugang zu einem On-Demand-Dienst namens "MTV Music powered by Rhapsody". Im Gegensatz zu T-Mobile gilt aber auch dort: Die Buchung der Streamingoption bringt keine Befreiung vom Traffic mit sich.

Eigentlich ist es lächerlich, dass man sich darüber freut, dass eine Partnerschaft zwischen einem Telekommunikationsanbieter und einem Onlinedienst NICHT gegen die Netzneutralität verstößt. Aber soweit ist es schon gekommen: Man jubelt über das, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

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