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15.09.14

Kein Interesse an den Chancen der Digitalisierung: Die deutsche Wirtschaft ruht sich auf “Made in Germany” aus

Der deutsche Mittelstand interessiert sich kaum für die Möglichkeiten digitaler Technologien. Weil “Made in Germany” nach wie vor ungebrochene Popularität genießt, fehlt der Druck für Experimente. Dabei sind diese wichtig, um die künftigen Erfolgschancen zu maximieren.

Made in GermanyDas Fremdeln der meisten Deutschen mit neuartigen digitalen Technologien wurde an dieser und anderer Stelle über die Jahre mehr oder weniger regelmäßig dokumentiert. Auch wenn es im direkten Gespräch von “Betroffenen” gerne bestritten wird - im weltweiten Vergleich gehören die Deutschen zu den besonders skeptischen Völkern, was die Sicht auf Informationstechnologie angeht.

Gleichzeitig aber ist Deutschland heute der Motor der europäischen Wirtschaft und beeindruckt seit Jahren mit einer stabilen Volkswirtschaft, während in Europa und vielen anderen Regionen seit der Finanzkrise im besten Fall Stagnation, häufiger aber auch Rezession die passende Lagebezeichnung darstellt. Die sich daraus ergebende Situation macht die Argumentation der Anhänger einer “Internet ist der künftige Wirtschaftsfaktor Nummer 1”-These in den Augen der Skeptiker nicht gerade überzeugender: Während selbst Länder wie die Vereinigten Staaten, die stets die Ersten beim Ausprobieren neuer IT-Lösungen sind, in einer Dauerkrise stecken, boomt die traditionell abwartend reagierende und erst spät auf den digitalen Zug aufspringende deutsche Volkswirtschaft.

Mittelstand hält Digitalisierung für wenig relevant

Also kann man das ganze Gerede von der Wichtigkeit von schnellen Breitbandverbindungen, von E-Government sowie von bahnbrechenden IT- und Internetlösungen den Weg bereitenden Gesetzesnovellen ja eigentlich ignorieren - ungefähr so muss man sich die Haltung vieler hiesiger Mittelständler und Firmenbosse vorstellen: Gemäss einer von der FAZ vorgestellten Studie des Marktforschungsinstituts GfK Enigma im Auftrag der DZ Bank ist für sage und schreibe 70 Prozent der deutschen Betriebe mit einem Umsatz von unter fünf Millionen Euro im Jahr die Digitalisierung im Herstellungs- und Wertschöpfungsprozess kaum oder gar nicht relevant. Die Zeitung zitiert dazu DZ-Bank-Vorstandsmitglied Stefan Zeidler: “Ganz eindeutig werden die Chancen, welche die Digitalisierung bietet, in einem großen Teil des Mittelstandes nicht erkannt. Es überwiegen die Ängst”.

Dass die deutsche Wirtschaft trotz der weit verbreiteten “Neophobie” und zwei Dekaden verpasster Infrastruktur- und Digitalisierungsinitiativen brummt, ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Die weltweit erstklassige Reputation deutscher Ingenieursarbeit und der daraus resultierenden Produkte, der im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise stark geschwächten Euro - was dem Exportweltmeister Deutschland überproportional zugute gekommen ist - und die im Vergleich zu anderen Ländern geringen Lohnsteigerungen sind hier zu nennen. Klammert man einmal den Währungs- und Lohn-Aspekt aus - beide besitzen keine dauerhafte Gültigkeit - so ist das momentane Wohlergehen der deutschen Volkswirtschaft die Ernte der Saat, die das Land der Ingenieure in über 100 Jahren gesät hat. Egal wohin auf der Welt man reist - deutsche Maschinen, deutsche Autos und deutsche Handwerksprodukte findet man nicht nur überall - oft darf man sich für sie auch ausführliches Lob anhören, sofern man die eigene deutsche Herkunft zu erkennen gibt.

Der Erfolg verdeckt die Baustellen

Selbst ein Küchenlappen weist auf "Made in Germany" hin - fotografiert in Südkorea

Ob geplant oder eher zufällig: “Made in Germany” ist nach wie vor ein kraftvolles Alleinststellungsmerkmal, von dem alle Bundesbürger profitieren. “Made in Germany” bringt aber gleichzeitig das Risiko mit sich, dass die positiven Konsequenzen für die hiesige Volkswirtschaft fundamentale Schwächen verdecken. Weil scheinbar keine Notwendigkeit besteht, eine neue Leuchturm-Industrie zu entwickeln, agiert die Politik und Wirtschaft seit 20 Jahren eher halbherzig, was die Erschließung des Potenzials der digitalen Wirtschaft angeht. Im Gegensatz zu anderen Nationen, die sich nicht in der luxuriösen Lage befinden, in aller Welt für ihre Erzeugnisse geschätzt zu werden. Künftig soll zwar mit der Digitalen Agenda alles anders - und besser - werden. Aber erst einmal sind das nur Worte. Solange außerdem der Mittelstand, bekanntlich das Rückgrat der hiesigen Wirtschaft, so große Berührungsängste mit dem Digitalen hat, spricht wenig dafür, dass auf einmal das große Umdenken erfolgt. Soetwas braucht Zeit. Die Initiative der Bundesregierung ist sicher ein wichtiger Schritt. Der große Wandel aber muss in den Köpfen der Bürger erfolgen.

Angesichts der guten Verfassung, in der sich die deutsche Wirtschaft befindet, ist eine Zelebrierung des Status Quo verlockend. Doch jetzt nicht alle Register zu ziehen, um Deutschland vom eher peinlichen Mittelfeld an die Spitze der digitalen Nationen zu befördern, heißt, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Wer auch morgen erfolgreich sein möchte, kann sich diese Bequemlichkeit eigentlich nicht leisten.

Auch "Made in Germany" kann sich abnutzen

Denn die Dominanz deutscher Qualitätsprodukte besitzt keine Garantie für die Ewigkeit. Jede Marke kann sich abnutzen, entweder weil sie nicht mehr die Bedürfnisse der Kundschaft bedient, oder weil eine andere Marke besser den Nerv der Zeit trifft. Der Aufstieg von Tesla beispielsweise kann durchaus noch zu einem richtigen Problem für die hiesige Autobranche werden. Muss nicht, aber kann. Sicherlich wird “Made in Germany” auf absehbare Zeit seine Magie nicht verlieren. Doch wenn die Entscheider im hiesigen Mittelstand das Internet weiter nur als Kanal für Onlineshopping, E-Mail und Banking sehen, laufen sie große Gefahr, bei der für die nächsten Jahre prognostizierten Vernetzung sämtlicher Gegenstände strategisch falsche Entscheidungen zu treffen. Denn dann prägt die eigene Netzferne sowie die der meisten Kollegen leicht die Beschlüsse zum Produkt.

Selbst wenn kein akuter Handlungsbedarf zu bestehen scheint, würde ein von allen Schlüsselakteuren getragener, ehrlicher Konsens zur kritischen Rolle der Digitalökonomie die Chancen auf einen prosperierenden Wirtschaftsstandort Deutschland im Jahr 2050 deutlich erhöhen. Würde diese Erkenntnis verinnerlicht und in Strategie-, Produkt- und Infrastrukturentscheidungen stärker als bisher berücksichtigt werden, wäre die Bundesrepublik nicht mehr um jeden Preis davon abhängig, dass auch noch in 30 Jahren die ganze Welt physische Waren mit dem “Made in Germany”-Label verlangt. Und vielleicht, nur vielleicht, hängt die künftige Zugkraft von “Made in Germany” ja doch unmittelbar davon ab, inwieweit hiesige Firmen ihre Haltung zur IT, die bisher meist maximal als Pflichtübung anstatt als Chance gesehen wird, verändern. /mw 

Foto Artikelanfang: GERMANY flag label / tag, Shutterstock

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