<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

09.04.13

Kaufinteressenten stehen Schlange: Ein Exit von WhatsApp an Facebook oder Google ist unwahrscheinlich

Sowohl Facebook als auch Google wird nachgesagt, WhatsApp kaufen zu wollen. Wahrscheinlich ist, dass der Smartphone-Messenger keinem der beiden Webriesen in die Hände fallen wird.

WhatsApp hat Meldungen über Kaufverhandlungen mit Google dementiert. Verwunderlich ist das nicht, betonte der kalifornische Smartphone-Chatdienst in der Vergangenheit doch immer wieder, nicht an Akquisitionen interessiert zu sein. Das allein muss zwar nicht heißen, dass es dazu niemals kommen wird. Das generell vom im Silicon Valley üblichen lautstarken Getöse abweichende, zurückhaltende Verhalten der WhatsApp-Macher sowie sich in der Vergangenheit nicht bewahrheitende Gerüchte einer sich anbahnenden Übernahme durch Facebook legen nahe, dass man derartige Meldungen grundsätzlich nicht überbewerten sollte.

Dass Google ein Auge auf das junge Unternehmen werfen würde, war spätestens seit den Facebook-Avancen im Dezember vorhersagbar. Auch andere Schwergewichte der Internetbranche dürften sich für das erfolgreiche Startup und seine mehreren hundert Millionen Anwender interessieren (offizielle Nutzungszahlen liegen nicht vor). Anders als die typischen Geldverbrenner der Websphäre ist WhatsApp als profitables Unternehmen jedoch deutlich weniger in Eile, unter das Dach eines Netzgiganten zu schlüpfen. Mit gerade einmal acht Millionen Dollar externer Finanzierung von Sequoia Capital dürfte sich auch der externe Druck zu einem solchen Schritt in Grenzen halten.

Facebook und Google täten WhatsApp nicht gut 

Betrachtet man die Implikationen eines möglichen Exit genauer, so kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass WhatsApp eigentlich unverkäuflich ist, was Facebook und Google angeht. Denn das entscheidende Merkmal der Smartphone-App sind seine einfache, vergleichsweise wenig innovative Benutzeroberfläche, die fehlenden Integrationspunkte mit dem Social Web und die Abwesenheit regelmäßiger funktioneller Veränderungen. WhatsApp bricht in vielen Aspekten mit offensichtlichen Best Pratices der Internetbranche - und fährt damit ausgezeichnet.

Facebook und Google jedoch geht es nicht um WhatsApp in seiner jetzigen Form und auch nicht um den Gewinn aus den Verkäufen der App - bei dem es sich zumindest im Vergleich zu Googles Profiten um Peanuts handeln muss. Beide Webriesen wollen in erster Linie an die Nutzer und deren Aufmerksamkeit. Beide Firmen betreiben gewisserweise Konkurrenzangebote zu WhatsApp: Facebook mit seiner Nachrichtenfunktion inklusive der eigenständigen Messenger-App sowie dem in Kürze startenden Android-Launcher Home, Google mit Messenger als Teil seiner Google+-App sowie Google Talk. Sowohl für Google als auch Facebook wäre es in keiner Weise attraktiv, WhatsApp weitgehend unverändert weiterzubetreiben. Stattdessen würden sie um jeden Preis versuchen wollen, WhatsApp mit ihren bisherigen Nachrichtensystemen zu verbinden, um ultimativ eine Verschmelzung zu erreichen.

Daran jedoch wird ein nicht unerheblicher Teil der WhatsApp-Gemeinde keinerlei Interesse haben. Denn damit verschwände die Sicherheit, die WhatsApp kommunikativen, stetige Weiterentwicklungen nicht schätzenden Usern bisher bot. Hinzukommt die allgemeine Reputation von Facebook und Google als "Datenkraken". WhatsApp scheut sich zwar traditionell nicht davor, auf die Smartphone-Adressbücher der Anwender zuzugreifen, aber als werbefreie App, die sich durch minimale Mitgliederbeiträge finanziert und von einem vergleichsweise kleinen Unternehmen mit nicht einmal 100 Angestellten betrieben wird, besitzt sie in der Wahrnehmung Imagevorteile, von denen die Big Player nicht profitieren können.

Akquisition mit großem Risiko

Insofern wäre, sollte es irgendwann zu einer Übernahme von WhatsApp durch Facebook oder Google kommen, mit allerlei Protesterscheinungen zu rechnen, die mit zunehmenden Integrationsbestrebungen an Intensität zunähmen. Einem Teil der WhatsApp-Anwender wäre ein Besitzerwechsel wahrscheinlich egal. Ein anderer würde dagegen auf die Barrikaden gehen oder versuchen, den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis zu einem der WhatsApp-Wettbewerber zu locken. Es ist schwierig, die Reaktionen der breiten Masse in Bezug auf einen eventuellen Deal zu prognostizieren. Das Risiko, bei einer Akquisition mit darauf folgender Schritt-für-Schritt-Verschmelzung mit den Diensten der Käuferin die Reichweite von WhatsApp nachhaltig zu beschädigen, halte ich jedoch für groß.

Andere Szenarien

Facebook und Google wird dies nicht davon abhalten, ihre mutmaßlich existierenden Kaufangebote noch zu erhöhen. Denn für die zwei Konzerne wäre selbst ein geschwächtes oder gar eingestelltes WhatsApp eine bessere Option, als weiterhin Millionen von Minuten der Anwender an die Chat-App zu verlieren und somit nicht monetarisieren zu können. Ein wahrer Albtraum wäre die Übernahme von WhatsApp durch ein anderes Unternehmen, beispielsweise Microsoft, Yahoo oder Twitter. Zwar könnte es auch hier für Nutzer zu unangenehmen Folgen kommen. Je mehr ein Käufer jedoch eine Fortführung und einen Ausbau von WhatsApp plant, anstatt es in irgendeiner Form mit einem existierenden Angebot zu fusionieren, desto eher werden User mitspielen - und desto größer ist die Gefahr für Facebook und Google, dass ihnen im mobilen Web dauerhaft eine noch stärkere Konkurrenz erwächst.

Angesichts der Rahmenbedingungen ist ein Exit von WhatsApp an Facebook oder Google unwahrscheinlich. Denn WhatsApp-Gründer Jan Koum und sein Team würden damit bereitwillig den Anfang vom Ende ihres erfolgreichen Startups in Kauf nehmen. Ihr bisheriges, in vielen Punkten branchenunübliches Agieren bringt mich zu der Spekulation, dass sie WhatsApp eher in die Hände eines "vertrauenswürdigen" Käufers geben würden, als es Facebook oder Google zum Fraß vorzuwerfen. Denn das würden ihnen viele übel nehmen. /mw

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer