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06.08.13

Kauf der Washington Post: Amazon-Chef als Heilsbringer der Zeitungsbranche

Amazon-Chef Jeff Bezos hat die traditionsreiche Washington Post gekauft und allerorten wartet man gespannt, was nun als nächstes passieren wird. Ihm trauen viele die Herkulesaufgabe zu, eine Tageszeitung erfolgreich in die digitale Ära zu führen. Und dafür gibt es gute Gründe.

Jeff Bezos. Foto: etech. Lizenz: CC BY 2.0 Jeff Bezos. Foto: etech. Lizenz: CC BY 2.0

1877 wurde die Washington Post gegründet und ihr wohl größter Coup sind ihre Recherchen, die letztlich zum "Watergate-Skandal" wurden und US-Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwangen. Noch heute ist sie die Tageszeitung mit der höchsten Verbreitung in Washington D.C., aber das bedeutet in Zeiten des Medienwandels nicht mehr viel: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres machte sie 50 Millionen Dollar Verlust. Aber liegen diese Verluste daran, dass es keinen Platz mehr für Tageszeitungsjournalismus gibt? Wurden im Verlag die falschen Entscheidungen getroffen? Oder sind solche Verluste derzeit einfach unvermeidlich, weil die Einnahmen mit Print schneller zurückgehen als sie mit Digital steigen?

Amazon-Gründer Jeff Bezos jedenfalls ist offensichtlich überzeugt, dass die Washington Post eine Zukunft haben könnte. 250 Millionen Dollar hat er aus seinem eigenen Vermögen bezahlt, um sie zu kaufen. Im Gegensatz zur Spekulationsblase von 1999/2000 haben wir es hier nicht mit theoretischem Geld zu tun, sondern mit dem guten alten Cash. Er hat dieses Geld wirklich, was ihm vor 15 Jahren ebenfalls nicht viele zugetraut hätten.

Mit Amazon den Medienwandel gemeistert

Mit Amazon hat er gezeigt, dass der Buchhandel übers Internet funktionieren kann. Und später hat er dieses Geschäft selbst torpediert, indem er auf E-Books setzte und gar einen eigenen E-Reader auf den Markt brachte. Das einst belächelte Amazon ist in allen Bereichen inzwischen so erfolgreich, dass es Kritiker auf den Plan ruft. Nicht zuletzt agiert Amazon inzwischen mehr und mehr als Verlag, der Autoren einen neuen Weg gibt, Geld zu verdienen.

Diese Erfahrungen mit dem Wandel von Print zu Digital in der Buchbranche sind sicherlich der Hauptgrund dafür, dass man Jeff Bezos zutraut, die Zeitung für die neue Ära zu erfinden. Nicht zuletzt hat er mit Amazon als Plattform, "1 Click" als Bezahlmodell sowie den Kindle Readern und Tablets alles im eigenen Haus, um das zu schaffen.

Jetzt braucht er nur noch die richtigen Ideen und eine Mannschaft, mit der er sie umsetzen kann. Und dieses "nur noch" wird am Ende entscheiden, ob der Wandel der Washington Post gelingen kann.

"Ich lese keine gedruckten Zeitungen mehr"

Eine neue Aktualität gewinnt bei alldem ein Interview der Berliner Zeitung mit Jeff Bezos aus dem vorherigen Jahr. Darin erklärt er, Zeitungen nur noch digital zu lesen. Und er macht Zeitungsverlagen Hoffnung: Während im Web niemand bereit sei, für Nachrichten zu bezahlen, stelle sich das auf Tablets ganz anders dar. Das sei allerdings nicht automatisch "die Rettung" für Tageszeitungen, weil sie die analogen und digitalen Felder zugleich beackern müssten. Schließlich würden viele Leser noch immer die gedruckte Ausgabe bevorzugen und die wolle man nicht verlieren.

Seine Vorhersage: In 20 Jahren werden es keine gedruckten Zeitungen mehr geben, höchstens noch als extravaganten Luxus-Artikel. Aber er sieht weiterhin einen Platz für hochwertigen Journalismus. Nur braucht der eben ein anderes Medium als Papier.

In seinem offenen Brief an die Mitarbeiter der Washington Post erklärt er passenderweise gleich zu Beginn: Die Werte ihrer Zeitung müssten sich nicht ändern. Sie sei weiterhin vor allem ihren Lesern verpflichtet und nicht ihren Besitzern.

Mut zum Experiment

Er selbst wird nicht die Führung der Washington Post übernehmen, sondern das dem bisherigen Team überlassen. Aber es werde natürlich Veränderungen geben, kündigt er an. Die aber hätte es mit oder ohne Besitzerwechsel gegeben. Dazu verbreitet er sein Mantra: "Wir müssen erfinden, weshalb wir experimentieren müssen." Und zum Experimentieren gehöre das Scheitern, wie er gegenüber der Berliner Zeitung erklärt hatte. Bei Amazon versuchen sie für fünf bis sieben Jahre im Voraus zu planen. Dabei könne man sich natürlich irren, aber auf der anderen Seite sei es kein tragfähiges Geschäftsmodell, nur gebannt auf das nächst Quartal zu schauen.

Diese Grundeinstellung könnte man als zweite Stärke von Jeff Bezos ansehen, die er als neuer Besitzer der Washington Post unbedingt braucht: Er will experimentieren, hat keine Angst vor dem Scheitern und weiß, dass Veränderungen ihre Zeit brauchen.

Und nicht zuletzt ist er offenbar Willens und in der Lage, eine längere finanzielle Durststrecke aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

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