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14.11.07

Kai Diekmann, "Der große Selbstbetrug": "Eigentlich sollte man es gar nicht ignorieren"

Bild -Chefredakteur Kai Diekmann hat ein Buch zur Lage und Zukunft Deutschlands geschrieben. Die deutschen Medien reagieren darauf mit Ignoranz oder flapsigen Sprüchen. Warum eigentlich?

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"Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden" heisst der einigermassen bescheuerte Untertitel des Buchs, das Kai Diekmann geschrieben hat. Denn was immer wir in unseren Leben machen, das nicht den Tod zu folge hat - um unsere Zukunft, und auch wenn sie scheisse ist, werden wir nicht gebracht. Kann ein Chefredakteur einer Boulevardzeitung überhaupt schreiben? Oder reicht es, wenn der Herr über die Botenjungen, die eine Zeitung machen für Botenjungen, weiss, wie man ein Nacktbild auf den Titel bringt?

Die Antwort vorweg: Kai Diekmann kann schreiben. Er schreibt direkt, schnörkellos, sachbezogen. Es finden sich im Buch kaum Wiederholungen, die Behauptungen sind mit Zahlen abgestützt, die Argumentation ist schlüssig. Es findet sich sogar immer mal wieder Selbstkritik (dann, wenn die Bild-Zeitung eine andere Linie als die im Buch aufgestellten Argumente gefahren hat).

Zu Beginn eine Überraschung. Der zynische Bild-Boss Diekmann sieht nicht nur rund um sich Gutmenschen, er glaubt, er sei selbst einer!

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Och... - eigentlich ist er ein Gutmensch, aber weil er diesen fürchterlichen Job hat, muss er es verbergen? Aber wir nehmen ihm das doch mal ab. Auch wenn er schlussendlich für die Machenschaften seiner oft rücksichtslosen Reporter und Redakteure verantwortlich ist - Machenschaften, wie sie bildblog.de täglich aufdeckt.

 

Kommen wir aber zum Titel, zum grossen Selbstbetrug. Auf Seite 114 ist zu lesen:

 

Politische Lügen und unhaltbare Wahlversprechen sind nicht nur den Politikern anzulasten, sondern auch uns selbst. Denn mehrheitlich wollen wir die Wahrheit gar nicht hören. Wir fühlen uns ungleich wohler in der schönen Welt der Selbsttäuschung. Was wir nicht wissen, darum müssen wir uns auch nicht kümmern, geschweige denn sorgen. Bereitwillig verinnerlichen wir die von den Parteien genährten Illusionen vom Versorgungsstaat. Wie die Demokratie mitunter funktioniert, wenn sie nicht funktioniert, beschrieb der Publizist Claus Jacobi: "1956 wurden (umgerechnet) vier Milliarden Euro für Arbeit und Soziales ausgegeben. Ein halbes Jahrhundert später, 2006, sind es über 119 Milliarden Euro - das Dreissigfache. Grund: Der Staat füttert und fördert zu viele Menschen und es werden immer mehr Millionen. Wer denen aber etwas wegnehmen würde, verliert die nächste Wahl. Darum ist für den 'Sanierungsfall' Deutschland auch kein Sanierer in Sicht." Hinzu kommt, dass aus Schlungs-, Umschulungs- und Wiedereingliederungsmassnahmen ein ganz neuer Wirtschaftszweig gewachsen ist - eine Branche, die nur von Arbeitslosen abhängig ist.

Das sind nicht die einzigen Zahlen im Buch. Er liefert deren viele - und sie sind, jedenfalls für mich, durchaus beeindruckend.

Seite 67/68:

 

In den Jahren 2000 bis 2005 gab es 735 neue Gesetze. Das Bundesgesetzblatt wuchs von 2096 Seiten im Jahr 2000 auf 4744 Seiten im Jahr 2002 an - mehr als doppelt so viele Gesetze und Verordnungen in nur 24 Monaten! Der Paragraf 3 des Einkommenssteuergesetzes regelt, welche Einkünfte steuerfrei sind - auf zwölf eng beschriebenen Seiten. Er ist seit 1998 mit zehn Gesetzesnovellen an 20 Stellen geändert worden. Seit 2005 sind dazu vom Bundesfinanzministerium 48 Auslegungsschreiben an die Finanzämter herausgegeben worden. In den vergangenen zehn Jahren sind zu diesem Paragrafen 189 Entscheidungen des Bundesfinanzhofs und 360 Urteile von anderen Finanzgerichten ergangen. Es ist klar, dass in einem solchen Wirrwarr kein Mensch mehr durchblickt.

Seite 73:

 

Seit Mai 2007 bereiten die Parteien die nächste Erhöhung ihrer Staatszuschüsse vor - von 133 auf 142 Millionen Euro im Jahr. Nimmt man die Zuschüsse für die parteinahen Stiftungen und die Leistungen an die Bundestagsfraktionen hinzu, dann gehen rund 500 Millionen Euro Steuergelder pro Jahr für die Unterhaltung der Parteiapparate drauf. Der bekannte Parteienkritiker Hans Herbert von Arnim nennt die Praktiken der "politischen Klasse" ein "korruptives Netzwerk, dem durch die in eigener Sache gemachten Gesetze noch Vorschub geleistet wird".

Seite 74/75:

 

Etwa 84 Prozent der uns in Deutschland berührenden politischen Entscheidungen werden inzwischen von der EU getroffen. So wurden von 23.167 Gesetzen und Verordnungen zwischen 1998 und 2004 nur 4250 vom Deutschen Bundestag initiiert, alle anderen in Strassburg beziehungsweise Brüssel. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog brachte es auf den Punkt, als er in der Welt am Sonntag schrieb: "Es stellt sich daher die Frage, ob man die Bundesrepublik Deutschland überhaupt noch uneingeschränkt als eine parlamentarische Demokratie bezeichnen kann."

Seite 75/76:

 

Von 2009 an erhalten die rund 800 Parlamentarier [die Europa-Abgeordneten] ein monatliches Grundgehalt von mehr als 7000 Euro, das jährlich erhöht und mit nur 22 Prozent besteuert wird. Nach 20 Jahren Parlamentszugehörigkeit berechtigt das Gehalt dann zur 70-Prozent-Pension, mit nur 63 Jahren. Ein Angestellter in Deutschland müsste circa 11.000 Euro verdienen, um auf das gleiche Nettogehalt plus Pensionsanspruch zu kommen, rechnet die Süddeutsche Zeitung aus. Unberücksichtigt blieben dabei freilich die Tagegelder in Höhe von derzeit 279 Euro, die während der 41 Sitzungswochen fällig werden. Ganz zu schweigen von den gestatteten Nebenverdiensten, scheint doch die parlamentarische Arbeit nicht tagfüllend zu sein. Lange Zeit besserte ausserdem die grosszügige Reisekostenregelung das Einkommen auf. Denn Europa-Abgeordnete liessen sich pauschal teure Flüge erstatten, auch wenn sie den Billigflieger genommen hatten.

Ist das alles in Ordnung oder sind das Zahlen, für die sich Journalisten interessieren sollten, um sie kritisch zu hinterfragen? Ich lese aus diesen Zahlen ungutes für Deutschland: Gesetzesflut, Bereicherung von Politikern und Funktionären, Verlust der Unabhängigkeit. Warum ist das kein Thema für die Zeitungen? Weil Diekmann von der falschen Seite kommt? Weil er der Chef ist von der grossen, bösen Bild-Zeitung? Weil er von der Konkurrenz (Springer-Verlag) ist? Ist es dann das Beste, das Werk mal totzuschweigen oder als lächerlich hinzustellen?

Man könnte es fast meinen, wenn man die bisherigen Reaktionen darauf liest.

Diekmann taztaz.de (Ausschnitt links):

 

Eigentlich sollte man es gar nicht ignorieren, das neue Buch des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann. (...) Aus dem Gestammel lässt sich jedenfalls kein Sinn pressen. Aber so ist das eben, wenn ein Boulevard-Schreiber wie Diekmann tagein, tagaus bei Bild die deutsche Sprache verhunzt, aber dann meint, als Mahner und Warner auf dem Buchmarkt auftrumpfen zu können. Wahrlich ein großer Selbstbetrug.

tagesspiegel.de:

 

Schuldzuweisungen an die Achtundsechziger scheinen wieder gefragt zu sein. Kai Diekmann, ein wichtiger Journalist mit viel Gel im Haar und Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung namens ?Franconia?, die an ihren geselligen Abenden gern historischen Themen auf den Grund geht (etwa ?Die verlorenen deutschen Siedlungsgebiete?), hat ein Buch geschrieben über alles, was in Deutschland so schiefläuft; man kann die Analyse etwa so zusammenfassen: Die Achtundsechziger sind schuld.

bildblog.de:

 

Wenn man all diese Tiraden zusammenzufassen wollte, bräuchte nur eine einzige Gleichung auf seinen Block zu kritzeln: "Deutschland = Absurdistan". Darauf kann man alles reduzieren, dann kann es wieder weitergehen, denn wem fallen dazu nicht noch mehr Beispiele ein? Schließlich ist das ganze Leben ja absurd.

amazon.de (Carla):

 

Dieses Buch ist im Bildzeitungsstil geschrieben. Der Versuch sich ein bischen intellektuellen Sprachstil anzuschminken verdeckt nicht die dahinterliegende,durchschaubare Bildmentalität.

Wer sich differenzierter mit dem Thema beschäftigen möchte sollte zu anderer Literatur greifen.

Eine Handvoll kurzer und oberflächlicher Rezensionen, zusammengerührt aus Vorurteilen und Ressentiments, aus der Warte des peinlich pikierten Establishments. Mich ärgert das. Ich habe das Buch bisher zur Hälfte gelesen und wahrscheinlich werden noch katholische Passagen folgen, mit denen ich kaum übereinstimmen werde. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein Buch, in dem die aktuellen Probleme Deutschlands (und einiger anderer europäischen Länder) erkannt und auch adäquat ausgedrückt wurden, diskutiert werden muss. Natürlich ist es Ansichtssache, was die dringendsten Probleme sind, die zu lösen sind, aber hier steht wenigstens mal einer hin und zählt viele von ihnen auf, ehrlich, direkt und ohne jemanden zu schonen.

Der Spiegel zeichnete zwei 68er-Karikaturen aufs Titelbild und liess dann 10 ehemalige Revolutionäre miteinander diskutieren und brachte das als Titelstory. Das sah aber nur so aus, effektiv war die ganze Titelgeschichte ein Vorabdruck aus einem Buch. So zeigt man auch, dass man lieber keine Stellung beziehen möchte.

In der naserümpfenden Rezension von Nils Minkmar heisst es verharmlosend über die Auswirkungen der Revolution von 1968 (von der übrigens niemand annimmt, dass sie unnötig war, damals):

 

Denn wo sind die Achtundsechziger heute? Fröhlich in Rente, einen würdigen Gegner geben sie nicht mehr ab.

Ein seltsames Bild. Mir kommt es vor, als wären es mehrheitlich 68er gewesen (oder von dieser Revolution beeinflusste nachfolgende), welche die letzten Jahre und Jahrzehnte der Machtpositionen in Politik und Medien besetzt haben. Manche der Revolutionäre sind oder waren auch im Knast. Diekmann führt seinen Lesern dazu nochmals die Opfer der extremistischen Seite dieser Revolution vor Augen, schön im Bild-Stil mit dem Kreuzchen:

RAF Opfer

"Die Bedeutung der Studentenrevolte ist nur deshalb so groß, weil der Rest der Republik so langweilig und kreuzbieder war." schreibt beispielsweise Ulf Poschardt und meint auch, die 68er solle man nicht überschätzen. Dabei geht das Buch doch gar nicht um einen Generalangriff auf die 68er, wie überall zu lesen ist. Sondern es geht um die aktuelle Lage Deutschlands, die eine Folge der Unmöglichkeit ist, allen gerecht werden zu wollen. Warum setzen sich die Medien nicht einfach mit dem Inhalt auseinander?

Was den Politikern die Wähler, sind den Medien die Leser und die Werbekunden. Es ist ein Armutszeugnis, wenn man sich, aus Angst, nicht mehr gewählt oder gekauft zu werden, der Wahrheit verweigert. Wie sieht unsere Zukunft aus, wenn wir sowohl von den Politikern, als auch von den Medien nur das zu hören kriegen, was die meinen, wir hören wollen? Steuern wir so nicht auf direktem Weg in eine Günstlingswirtschaft? In eine opportunistische Gesellschaft, in der jeder seinen Anhängern sagt, was sie hören wollen?

Letzte Woche habe ich Sicko gesehen. Ein hervorragender Film, der auf journalistischem Weg das marode US-Gesundheitssystem aufzeigt. Wünscht man nun den US-Bürgern, dass ihre Medien und Politiker diesen Film totschweigen oder lächerlich machen? Nein. Und ebenso sollte man jemand, der die Wahrheit über das aktuelle Deutschland sagt, auch nicht totschweigen. Auch wenn er eine Zeitung verantwortet, die kaum über alle Zweifel erhaben ist (gibt es denn eine?). Gute Ideen können von überall her kommen.

Ich kann nur sagen, dass solange ich nicht eine negative Rezension dieses Buches lese, welche sich tatsächlich auf die von Diekmann aufgeführten Punkte eingeht und sich nicht nur an Oberflächlichkeiten aufreibt, nicht anders kann, als Kai Diekmann zu attestieren, er habe ein kluges Buch geschrieben. Wo sind die Argumente gegen den Vorwurf, man mache weiter, als gäbe es diese Zahlen alle nicht? Sind die zusammengetragenen Zahlen falsch? Sind sie bedeutungslos? Eine Antwort auf solche Fragen sollte doch von Journalisten zu erwarten sein. Bitte!

Machen wir den Schluss mit Franz Müntefering (SPD, Seite 141 im Buch): "Wer im Jahr 2016 noch an die Existenzsicherung der Rente glaubt, sollte lieber Lotto spielen."

Update am 14.01.2008, 09:10 Uhr: Nun ist doch noch eine ernsthafte Besprechung zu diesem Buch erschienen, in der FAS, von Stefan Niggemeier. Herausgekommen ist eine Ja-ja-schon-gut-Diekmann-Rezension, die wenig inhaltliche Unwahrheiten, aber auch nichts Lesenswertes entdeckt, nur eine lange und offenbar langweilige Litanei. Diekmanns Lob an Dieter Bohlen, der mittels seiner unangenehmen Kritiken Casting-Kandidaten zu mehr Qualität bringe, wird bemängelt, denn "das Konzept der Show besteht darin, Nichtschwimmern zu erzählen, sie könnten Olympia gewinnen, und ein wesentlicher Reiz für den Zuschauer, ihnen, begleitet von hämischen Sprüchen Dieter Bohlens, beim Ertrinken zuzusehen." In Diekmanns Ergüssen sieht er "das Leiden des weißen, heterosexuellen Mannes, der ununterbrochen auf irgendwelche Leute Rücksicht nehmen müsse, die weniger normal sind als er". "Seine Klagen über die Verlogenheit der Politiker und die Verkommenheit der Jugend, seine Forderungen nach weniger Bürokratie und besserer Erziehung" könne man auswendig mitsprechen.

Nun ja, eigentlich kann man die meisten Forderungen mitsprechen, wenn man sich etwas auskennt. Ob man sie beachtenswert findet oder nicht, kommt darauf an, wo man steht. Der Ruf nach mehr Ehrlichkeit und Selbstreflexion mag offenbar nur dann erhört werden, wenn er von der richtigen Seite her kommt - Dieter Bohlen und Kai Diekmann stehen augenscheinlich nicht auf der richtigen Seite.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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