<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

07.05.13

Journalismus in der Klemme: Der schwierige Umgang mit eiligen Meldungen

Das Boston-Attentat hat die Diskussion um Qualitätsjournalismus und Social Media neu entflammt. Als Reaktion ist mit Retwact ein Tool entstanden, mit dem man Falschaussagen auf Twitter korrigieren kann. Doch das grundsätzliche Problem lässt sich mit Werkzeugen allein nicht beheben.

EilmeldungenDer Tech-Journalist Mat Hohan vom Wired Magazin war einer von vielen Autoren, die ihre übereilten und emotionalen öffentlichen Reaktionen kurz nach dem Boston-Attentat im Nachhinein bereuten: Er hatte einen Tweet von Matthiew Keys verbreitet, in dem ein Student fälschlicherweise als zweiter Attentäter identifiziert wurde. Matthiew Keys war nicht irgendwer, sondern der Deputy Social-Media-Editor der Nachrichten-Agentur Thomson Reuters. Die Betonung liegt auf war, denn Reuters hat Keys am 22. April aufgrund seiner Social-Media-Aktionen gefeuert. Einen Tag später veröffentlichte Honan eine Entschuldigung für seinen übereilten Retweetet auf Wired und mahnte ein neues Feature für Twitter an, mit dem sich Falschaussagen korrigieren lassen.

Twitter ist diesem Wunsch bislang nicht nachgekommen, wohl aber der Software Entwickler Stonly Baptiste, der innerhalb von 48 Stunden das Tool Retwact aufgesetzt hat. Retwact hilft dabei, Twitter-User über eine Korrektur zu benachrichtigen, wenn sie einen falschen Tweet per Retweet verbreitet haben. Dazu findet Retwact von einem Account die letzten fünf Tweets mit Retweets und ermöglicht dem Account-Inhaber, eine Mention mit einem Korrekturhinweis an die letzten 100 Retweeter zu verschicken. Über einen Link in der Mention werden die Empfänger auf eine Landingpage geleitet, auf der der Ursprungs-Tweet mit der Korrektur gegenüberstellt wird. Darüber steht die Bitte, die Korrektur zu verbreiten und so die Desinformation möglichst unschädlich zu machen. Die Idee ist zwar relativ simpel, allerdings wurde der Account zumindest kurzfristig von Twitter suspendiert, da das Versenden von massenhaften gleichlautenden Mentions gegen die Terms of Services von Twitter verstößt. 

Wie es mit Retwact weitergeht und ob Twitter möglicherweise sogar über ein ähnliches Feature nachdenkt, bleibt offen. Doch am Ende geht es weniger um ein einzelnes Tool, sondern um die alte Diskussion um die Methoden des Journalismus im Zeitalter von Internet und Social Media.

Social Media und die Verifizierung von User Generated Content

Oder sagen wir besser: Im Zeitalter sinkender Zeitbudgets und steigendem wirtschaftlichem Druck. Denn das Problem von schwer zu verifizierenden Inhalten in den Social Media oder bei User Generated Content ist so neu auch wieder nicht. Wie der Zufall so will, hat der Guardian einen Tag nach dem Anschlag, am 16. April, seine neue Plattform “Guardian Wittness” vorgestellt, über die Nutzer ihre Stories, Bilder, Fotos und Videos an Journalisten des Guardians pitchen können. Und dabei kommen nicht nur Food-Bilder zustande, sondern auch Informationen aus syrischen Flüchtlingscamps . Wie der Verifizierungsprozess dahinter aussieht, wird nur ansatzweise erklärt:

“All of the content submitted will be vetted by community co-ordinators before being published. Guardian journalists will then choose whether or not to include the submission in their article or assignment.”

Für den Umgang mit Social Media und User-Generated-Contend gibt es auch bei anderen Medien seit Jahren Lösungen und Regeln: Seit 2007 existiert die Citizen Journalism Plattform iReports von CNN, deren Verifizierungsprozess ausführlich beschrieben wurde. Bekannt ist auch die Plattform Storiful, eine Art Social-Media-Nachrichtenagentur mit einem klaren Verifizierungprozess. Seit Jahren gibt es schon das UGC-Hub von BBC, Verifizierungsstandards bei AP oder auch entsprechende Guidelines bei der ARD.

Selbst für große Medienhäuser ist der Faktencheck jedoch nicht immer leicht, wie auch schon die BBC bei einem vermeintlichen Foto eines Massakers in Syrien erleben musste: Tatsächlich wurde das Foto im Irak im Jahr 2003 aufgenommen. Allerdings lassen sich offensichtlichere Fehler in der Berichterstattung schon durch relativ simple Methoden vermeiden. Und auch Tool- und Artikel-Sammlungen zum Thema Social-Media-Verifizierung gibt es zur Genüge.

Entsprechend hatte sich Mathiew Ingram am Tag nach dem Anschlag klar dagegen ausgesprochen, den Faktencheck von den Netzwerken selbst einzufordern: Die Verifizierung von Nachrichten muss den Journalisten oder schlicht den kritischen Nutzern überlassen bleiben. Anders sieht es jedoch bei technischen Mängeln aus: Wenige Stunden nach der Veröffentlichung von Mat Honans Entschuldigung wurde der Twitter-Account von AP gehackt und die Falschmeldung über eine Explosion im Weißen Haus verbreitet. Ein Problem, mit dem AP nicht alleine dasteht, für das viele Netzwerke jedoch als Lösung bereits eine Zwei-Faktor-Authentifizierung eingeführt haben oder noch einführen wollen.

Der ökonomische Druck

Die größte Diskussion in Sachen Fehlinformation beim Boston-Attentat hatte wohl die ungeprüfte Übername von Informationen aus Reddit provoziert. Dort hatten einige Hobby-Fahnder das Foto von angeblichen Mit-Attentätern veröffentlicht. In der Entschuldigung von Reddit für diesen Vorgang werden am Ende die (rekordverdächtigen) Zugriffszahlen auf den Beitrag genannt. Das klingt im ersten Moment geschmacklos, spricht aber auch eine unangenehme Tatsache an, denn bei allen Bemühungen um die Wahrheitsfindung geht es bei Breaking News und grundsätzlich im Online-Journalismus nun einmal auch um Klickzahlen.

Der Bogen mag gewagt sein, aber ein Blick auf den vergleichsweise harmlosen Umgang mit Gerüchten in der Tech-Berichterstattung anhand von zwei Schlaglichtern kann sich lohnen: Jürgen Vielmeier hatte hier recht ausführlich die Verbreitung von Gerüchten durch das WallStreetJournal dokumentiert. Ein anderes (harmloses) Beispiel war das Gerücht um die anstehende Akquisition von WhatsApp durch Google. Es mag eine legitime Methode sein, Gerüchte in die Welt zu setzen, um bestenfalls ein Dementi zu provozieren. Die Frage, warum solche Gerüchte jedoch massenhaft in offiziellen Medien (bis hin zu Heise und NZZ) übernommen werden, darf jeder für sich selbst beantworten.

Fazit: Journalismus in der Klemme

Das in einem Tagesschau-Bericht zitierte Fazit von dem Medienjournalisten der Washington Post, Erik Wemple,  klingt für den normalen Medienkonsumenten erstaunlich selbstverständlich: Medien und Journalisten sollten sich demnach zurückbesinnen und lieber eine offizielle Bestätigung abwarten. Etwas unbehagen bereiten dabei allerdings die unterschwelligen Topi vom guten Journalisten und dem bösen Internet. Natürlich hat das Internet die Informationslandschaft nachhaltig verändert, aber zum einen gab es auch schon vor dem Eintritt Twitters in die Welt der Breaking-News einen harten Konkurrenzkampf im Nachrichtengeschäft, und zum anderen bleibt der Umgang mit den Informationen nun einmal in der Verantwortung der Nutzer - seien es nun Journalisten, Blogger oder Social-Media-User. Der Charakter der Social-Media-Kanäle und die Verifizierung von Informationen ist zwar mit Sicherheit eine Herausforderung für die Journalisten. Die vielleicht noch größere Herausforderung für ihre Arbeit  könnte aber der (kurzfristig) große ökonomische Erfolg einer zweifelhaften Berichterstattung sein, wie auch die Tagesschau in ihrem Bericht am Ende etwas zaghaft andeutet.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer