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13.07.09

IT-Innovationskurve flacht ab: Ist die Party vorbei?

Irgendwie wirkt die IT-Industrie - inklusive Internet-Sektor - nicht mehr so spannend wie auch schon. Die Luft scheint ein bisschen raus zu sein, das aus dem Innovationstempo.  Steckt mehr dahinter als die aktuelle Wirtschaftskrise?

Wie die meisten Innovationen scheint die Marktdurchdringung von IT einer S-Kurve zu folgen. Die ersten Computer hatten sehr wenige Benutzer, vor allem grosse Firmen. Mit dem PC ist die Nutzung von IT in der Gesellschaft explodiert, hat Tempo gewonnen mit den benutzerfreundlichen grafischen Oberflächen und den Höhepunkt mit der Erfindung des World Wide Web erreicht. Aber jetzt scheint sie an Geschwindigkeit zu verlieren.

Eine stark vereinfachte Darstellung der langfristigen IT-Innovationskurve könnte etwa so aussehen:

Es gibt zahlreiche Anzeichen, dass der Informatiksektor Tempo verliert. Einige Beispiele:

     

  1. PCs haben sich in der letzten Dekade nicht mehr stark verändert. Natürlich ist meine aktuelle Maschine noch immer viel leistungsfähiger als die Compaq-High-End-Workstation, die ich Ende 1999 genutzt habe - aber ich löse keine grundlegende neuen Aufgaben damit. Der grösste Teil der Innovation passierte in der Dekade davor. 1989 haben erst sehr wenige Leute Fotos am PC editiert, globale Datennetze angezapft oder auch nur eine Maus benutzt, zehn Jahre später war das Standard.

    Mehr noch, die Weiterentwicklung von Betriebssystemen und Basis-Applikationen ist langsamer geworden. Die Benutzer sehen beispielsweise keinen echten Grund mehr, von Windows XP auf Vista umzusteigen. Die Innovation bei PCs besteht inzwischen nur noch aus "noch mehr vom Gleichen". Der Markt hat das "dominante Design" gefunden, und daran scheint sich nichts mehr zu ändern - ausser dem Preis, der weiterhin dramatisch fällt. Mein neues Asus Netbook hat für 300 Dollar grundsätzlich die gleichen Leistungsdaten wie mein 3000 Dollar teures Subnotebook vor fünf Jahren.

  2. Der Enterprise-Software-Markt konsolidiert sich. Die Enterprise-Software-Firmen leben zunehmend von den Wartungsgebühren und dem Service-Umsatz aus bereits installierter Software. Es gibt immer weniger neuen Lizenz-Umsatz, weil grosse IT-Projekte weitgehend ein Ding der Vergangenheit sind. Grosskonzerne hüten sich, die Fehler der späten 90er Jahre zu wiederholen, als sie gigantische, oft fehlgeschlagene ERP- und CRM-Projekte durchgeführt haben. Die prototypische Softwarefirma der neuen Ära ist Oracle, die sich einer aggressiven Strategie des Aufkaufens kleinerer Rivalen verschrieben hat.
  3. SaaS ist nicht der erhoffte Grosserfolg. Die neue Generation der web-basierten "Software as a Service" (SaaS) wie Salesforce.com ist zweifelsohne grossartig und hat disruptives Potential, aber die meisten Firmen auf diesem Gebiet sind noch weit von wirklicher Profitabilität entfernt (ganz zu schweigen von den riesigen Gewinnspannen, wie sie die etablierten Enterprise-Software-Giganten erzielen). Obwohl es kostenpflichtige SaaS-Abonnements seit über einer Dekade gibt, scheint sich das Geschäftsmodell bisher nicht besonders gut zu bewähren. Welch ein Kontrast zu den frühen Tagen von Microsoft oder Oracle, die beide praktisch vom ersten Tag an Gewinn machten.
  4. Web 2.0 hat alle Anzeichen einer realen Bubble ohne reales Geld. Gut, Facebook hat jetzt also gut 200 Millionen Benutzer. Das ist ja schön und gut, aber unglücklicherweise steigt der Umsatz längst nicht im gleichen Tempo, und Gewinne sind noch keine in Sicht. Youtube scheint sogar jährlich hunderte von Millionen zu verlieren, und Twitter hat noch nicht mal angefangen, nach einem Geschäftsmodell zu suchen.

    Web 2.0 ist ein riesiger Erfolg - gemessen an der Nutzerbeteiligung (auch wenn es tatsächlich mehr eine Verschiebung der Nutzer von alten auf neuere Sites ist - ein eigentlich nur kleiner Schritt), aber kommerziell ist es bisher eine ziemlich grosse Enttäuschung. Kann sein dass das alles nur eine Frage der Zeit ist, und womöglich sehen die Dinge nach der Rezession ganz anders aus. Aber vielleicht ist die unschöne Wahrheit auch einfach die, dass diese neuen Sites schlicht nicht genug Mehrwert für die Benutzer (und die Werbekunden) generieren, um ähnlichen wirtschaftlichen Erfolg wie den der Web 1.0-Giganten wie Google oder Amazon zu rechtfertigen.

Es gibt natürlich auch erfreuliche Aussichten: Das Mobile Web hebt endlich ab, dank Apples iPhone, dem Blackberry und anderen Smartphones. Der Medienkonsum - Zeitungen, Video, sogar Bücher - verschiebt sich in die digitale Welt, wo er hoffentlich bald die Werbegelder nachzieht. Und am Horizont leuchtet das Versprechen des Semantischen Web (wo es allerdings schon seit langem leuchtet und bisher noch nicht viel näher gekommen ist).

Aber alles in allem scheinen die wilden Tage der IT-Innovation zumindest vorerst grösstenteils vorbei zu sein. Die Dinge haben sich schon seit Jahren spürbar verlangsamt, und das kann nicht einfach nur auf die Wirtschaftskrise zurückgeführt werden. Es ist ein typisches Muster für fundamentale Innovationen (wie die Eisenbahn, das Telefon und das Auto), dass sie eine Phase schnellen Fortschritts und dramatischer Veränderungen bringen. Aber wenn die Technologie einmal eine gewisse Reife erlangt hat und die Infrastruktur erstellt ist, verlangsamen sich Wachstum und weitere Innovation massiv. Sehr vieles deutet darauf hin, dass dies grade in der IT passiert.

Das heisst natürlich keineswegs, dass es keine weitere Neuerungen mehr geben wird. Denken wir nur an all die Zitate von berühmten Leuten, die erheblich die Grössenordnung der zukünftigen technischen Entwicklung unterschätzt haben (auch wenn einige dieser bekannten Zitate ganz einfach falsch und frei erfunden sind). Aber so lange eine Technologie keine zweite massive Welle von Innovation auslöst - wie das beispielsweise beim Übergang zur  digitalen und mobilen Telefonie der Fall war - sind die grossen Veränderungen seltener und mit grösserem Abstand zu erwarten.

Englischer Originalbeitrag

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