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09.10.07

Ist man mit 30 zu alt, um Unternehmer zu werden?

Auf den ersten Blick ist das eine absurde Frage, wieder mal so ein Auswuchs des Jugendwahns in unserer Gesellschaft. Aber genauer betrachtet kann man tatsächlich eine ungewöhnlich hohe Erfolgsquote von sehr jungen Unternehmensgründern feststellen -- besonders in der Internet-Branche.

Der derzeit wohl meistgehypte Internet-Unternehmer, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, ist gerade mal 23 Jahre alt und gründete seine Firma, als er 19 war. Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page machten ihre Firma mit 25 auf. Ebenso die Yahoo-Gründer, die 28 bzw. 26 waren.

Selbst wenn man weiter in der Technologiegeschichte zurückblättert, erhärtet sich das Bild: Die Microsoft-Gründer waren 19 und 21 bei der Firmengründung, die von Apple 21 und 26, und Michael Dell war auch erst 19. Erst bei den "ernsthafteren" Enterprise-Softwarefirmen findet man etwas ältere Semester: Die Gründer von Oracle waren im Durchschnitt 33 und die von Adobe gar knapp über 40. Aber bei vielen anderen Firmen sieht es wieder mehr nach Dominanz der Jugend aus. Ein paar Firmen mit dem Durchschnittsalter der Gründer: Sun: 27; Digital Equipment: 29; Skype: 30; SAP: 29; TomTom: 25; Hewlett-Packard: 27.

Was hat es mit dieser Dominanz junger Unternehmer auf sich? Theorien gibt es dazu viele. Marc Andreessen (als Gründer von Netscape selbst einer dieser Jungstars) <a href="http://blog.

pmarca.com/2007/08/age-and-the-ent.html">zitiert ein Forschungspapier, das den Erfolg der Jugend in diversen kreativen Berufen (zu denen man wohl auch das Unternehmertum zählen darf) untersucht. Einige der Erkenntnisse:

- In den meisten Berufen gibt es ein bestimmtes Alter, in dem die Produktivität am höchsten ist.

- Dieses Alter ist je nach Beruf sehr unterschiedlich. Mathematiker, Physiker und Poeten beispielsweise haben ihre besten Jahre in den späten Zwanzigern oder frühern Dreissigern. Mediziner, Philosophen oder Romanautoren vollbringen ihre beste Arbeit hingegen eher zwischen 40 und 50.

- Diese Unterschiede zeigen sich in allen Kulturen und Zeitepochen, scheinen also universell zu sein.

- Bemerkenswert: Die eigentliche Erfolgsquote ändert sich im Lauf der Zeit nicht, das heisst auch Genies produzieren immer etwa den gleichen Anteil an Hits und Misserfolgen. Sie sind nur im Durchschnitt vom Gesamt-Output her wesentlich produktiver. In den Jahren, in denen beispielsweise ein Jahrtausendtalent wie Beethoven seine besten Werke schuf, produzierte er auch die meisten weniger guten Stücke.

Was heisst das nun alles für Unternehmer, besonders Internet-Unternehmer?

Es scheint von den Daten her zu schliessen tatsächlich einen Vorteil für jüngere Leute zwischen 20 und 30 zu geben, die eine Geschäftsidee im Web-Umfeld ausprobieren. Dafür kann es viele Gründe geben, aber zwei sind sicher besonders relevant:

Erstens erfordert das Internet als junges Medium viel Experimentierfreude. Jüngere Leute sind da tendenziell wagemutiger, denn sie sind grösstenteils mit dem Medium aufgewachsen, haben meistens weniger an Status und Vermögen im Fall eines Misserfolgs zu verlieren, und sie werden auch nicht gebremst von negativen Erfahrungen, die man im Laufe der Zeit typischerweise macht.

Zweitens haben auch die Lebensumstände einen starken Einfluss: Eine Internet-Firma aufzubauen erfordert normalerweise sehr viel Zeitaufwand. Nächtelanges Programmieren über viele Monate am Stück ist nicht ungewöhnlich. Jemand, der schon verheiratet ist und Kinder hat, wird dazu viel weniger in der Lage sein als jemand, der 25 ist, gerade die Uni abgeschlossen hat, Single ist und noch in der Studentenbude wohnt.

In der heutigen Zeit kommt begünstigend hinzu, dass man für den Aufbau eines Internet-Unternehmens nur sehr wenig Kapital braucht. Man muss sich darum natürlich verabschieden vom ganz klassischen Modell des Unternehmensgründers (zumindest im deutschsprachigen Raum), der so gegen Ende 40 sein über Jahrzehnte angespartes Kapital in seine erste eigene Firma steckt. Das Startkapital für ein typisches Web-2.0-Venture kann man sich auch mit einem Studenten-Sommerjob locker zusammensparen. Da hat man es sogar noch einfacher als damals Bill Gates oder Steve Jobs.

Aber was ist mit Erfahrung? Ist das nicht auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor, der logischerweise eher die älteren Unternehmer begünstigt? Meistens haben Leute über 30 das bessere Kontaktnetzwerk, können mehr eigenes Startkapital einbringen und haben die meisten Anfängerfehler schon mal gemacht. Das können wesentliche Vorteile sein.

Es kann gut sein, dass in der reifenden Internet-Branche mit der Zeit wirklich Erfahrung eine grössere Rolle spielen wird. Und es gibt auch schon konkrete Hinweise darauf, dass das ein wichtiger Faktor sein könnte: Ein Forschungpapier der Harvard Business School zeigt beispielsweise (für alle Branchen, nicht nur Internet), dass "Serial Entrepreneurs" (also Unternehmer, die bereits ihr zweites, drittes oder xtes Unternehmen gründen) sehr viel eher Venture Capital von erfahrenen VCs bekommen und im Durchschnitt auch erfolgreicher sind. Es gibt ausserdem Hinweise darauf, dass ältere Unternehmer eine höhere Erfolgsquote haben, aber weniger risikoreiche Geschäftsideen verfolgen, die im Erfolgsfall auch eher weniger schnell wachsen.

Die schlausten der jungen Unternehmer suchen sich natürlich trotz allem jugendlichen Wagemut Leute mit Erfahrung, die sie unterstützen. Netscape wurde nicht nur vom jungen Marc Andreessen, sondern auch vom erfahrenen Jim Clark gegründet. Google und Facebook gewann gleich zu Beginn Investitionen von sehr erfahrenen Business Angels, und das half beim Aufbau der Firmen wesentlich mit.

Fazit: Wenn man derzeit unter 30 ist und eine (wirklich) gute Idee für ein Web-Startup hat, sollte man einfach eine Firma gründen, denn bessere Umstände kriegt man kaum je wieder im Leben. Natürlich ist die Erfolgschance wie immer bei unternehmerischen Aktivitäten statistisch recht klein, aber sie wird nicht grösser, wenn man erst viel später sein erstes Unternehmen gründet. "Serial Entrepreneurs", die schon ein paar Startups hinter sich haben, sollten sich hingegen ein Gebiet suchen, wo ihre spezifische Erfahrung die Erfolgschancen deutlich erhöht. Und auch davon gibt es genug.

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