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08.07.14

iOS 8: Neue Märkte für Apple

Eine der wesentlichen Grundlagen für Apples Erfolg ist die Fähigkeit, Trends vorauszusehen oder sogar selbst zu setzen. Die neue Version 8 des Betriebssystems iOS passt dazu. Für normale User ist das nicht unbedingt sofort erkennbar, aber im Hintergrund gibt es viele Änderungen, die darauf zielen, neue Geschäftsfelder zu erschließen.

iOS 8Apples Erfolg beruht auf mehreren Stärken. Zum einen hat das Unternehmen die Kontrolle über das Zusammenspiel von Hardware und Software, weil es beides selber herstellt. Dadurch gibt es weniger Fehler und weniger Probleme mit der Sicherheit. Zum anderen setzt es auf ein ansprechendes und einfaches Design, das gut aussieht und von den Benutzern geschätzt wird. Die wichtigste Stärke aber ist die Fähigkeit, Trends vorauszuahnen und entsprechend zu reagieren oder sie sogar selbst zu setzen. Dadurch hat Apple es seit Ende der neunziger Jahre geschafft, zu einem Konzern der ersten Liga zu werden.

Nun wird Apple im Herbst eine neue Version 8 von iOS herausbringen, das auf den mobilen Geräten der Firma genutzt wird. Im Gegensatz zur Vorgängerversion, iOS 7, ist es für normale User diesmal keine Revolution, eher eine Weiterentwicklung. Beim Vorgänger hatte Apple demgegenüber ein ganz neues Design eingeführt, was ein Risiko war, aber von den Kunden gut angenommen wurde.

In iOS 8 wurde das Design nicht wesentlich umgestellt. Es enthält Verbesserungen an Stellen, die nicht unbedingt sofort auffallen, aber das Erlebnis des Umgangs mit den Apple-Geräten als Ganzes flüssiger und angenehmer machen. Selbstverständlich hat Apple auch wieder neue Funktionen eingebaut, und die schon bestehenden an vielen Stellen optimiert - auch hier mit dem Gedanken, sie einfacher bedienen zu können. Diese Funktionen sind in den letzten Wochen oft beschrieben worden und sollen hier nicht wiederholt werden. Viel interessanter sind die Neuerungen für Programmierer, und zwar im Hinblick auf die wichtigste Stärke von Apple, nämlich Trends vorauszuahnen. Die Frage ist also: was genau sind die Trends, weswegen Apple den Entwicklern viele neue Möglichkeiten zur Verfügung stellt?

Der größte Fortschritt seit Einführung des App Stores

Apple selbst ist klar: für Entwickler ist iOS 8 der größte Fortschritt seit Einführung des App Stores. Man muss diese Aussage nicht ganz ernst nehmen, denn solche Superlative verwendet Apple gerne bei der Einführung von neuer Soft- oder Hardware. Dennoch hat sich wirklich etwas getan. Laut Apple soll es mehr als 4000 neue APIs geben, die es ermöglichen, neue Funktionen und neue Apps zu programmieren. Zudem sind einige Technologien für die Entwicklung von Spielen dazu gekommen.

Die wichtigsten Bereiche, in denen Apple mit iOS 8 in Zukunft eine größere Rolle spielen will, sind Gesundheit (Health App und Health Kit), intelligentes Haus (Home Kit), die einfachere Entwicklung von Apps mit der neuen Programmiersprache Swift, sowie die Integration von Soft- und Hardware.

Gesundheit

Die verschiedenen Apps zur Messung von sportlichen Aktivitäten sowie andere Gesundheits- oder Fitness-Apps kommunizieren mit der Health App, die die Informationen auf einem Dashboard zusammengefasst anzeigt. Auf diese Weise gibt es eine permanente Übersicht über den Gesundheitsstand. Zudem lässt sich ein Notfallpass erstellen, der vom Sperrbildschirm aus aufgerufen werden kann.

Für Entwickler hat Apple das entsprechende Health Kit programmiert, das dazu benutzt wird, als Schnittstelle die Kommunikation zwischen den einzelnen Apps zu ermöglichen, die gespeicherten Gesundheitsdaten abzurufen und für die App bereit zu stellen. Es ist damit die Voraussetzung dafür, dass die Health App überhaupt als zentrale Übersicht funktionieren kann. In Zukunft werden Entwickler damit weitere Apps als Zulieferer für die Health App erstellen.

Was bedeutet das für Apples Business? Wenn die Firma es schafft, in diesem Bereich zum Standard zu werden, erschließt sich damit einer der größten Märkte, die es überhaupt gibt. Ich meine damit noch nicht einmal die Daten selber, die ja an sich schon einen Wert darstellen, und zum Beispiel für Werbung genutzt werden können. Vielmehr meine ich, dass Apple zum Vermittler zwischen Individuum und Gesundheitssystem wird, und sich unentbehrlich macht. Die Firma schlägt damit ein Marktmodell vor, das Krankenhäuser, Ärzte, Labore, Geräte, Versicherungen, Überwachungsdienste, Analytik und Patienten koordiniert. Und Apple ist mittendrin in diesem Ökosystem.

Man stelle sich vor, man erleidet Zusammenbruch und wird ohne Bewusstsein in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Administration dort fragt sofort das Apple-Konto in iCloud ab, und bekommt die gesamte Vorgeschichte einschließlich der von den Apps gespeicherten Daten geliefert – ein unglaublicher Vorteil mit großem Rationalisierungspotential. Dabei hat Apple sogar an die Sicherheit gedacht, denn es hat eine Ende-zu-Ende Verschlüsselung eingebaut. Wenn man weiß, wie Daten über Patienten immer noch ausgetauscht werden (unleserliche Faxe sind durchaus beliebt), und was für ein Problem das bei der Behandlung sein kann, der kann sich vorstellen, welch ein Fortschritt das wäre.

Ein unglaublicher Vorteil wäre es auch für die Betroffenen, denn die Behandlung kann sofort in der richtigen Richtung beginnen, auch wenn sie bewusstlos sind. Und schließlich wäre es ein unglaublicher Vorteil für Apple, da jede entwickelte Nation einen beträchtlichen Teil des Sozialprodukts für den Gesundheitssektor ausgibt. Es wird einiges davon auf deren Konto landen.

Health Kit ist also viel mehr als eine Programmierschnittstelle, als die sie gelegentlich bezeichnet wird. Und die Health App ist auch mehr als eine weitere von diesen Apps, die man irgendwie gut brauchen kann. Das Ganze ist ein neues Geschäftsfeld mit ausgesprochen viel Potential. Kein Wunder also, dass Konkurrenten wie Google oder Samsung ebenfalls auf diesem Gebiet aktiv sind.

Intelligentes Haus

Ähnlich ist es mit dem Home Kit, das für Apps zur Haushaltsteuerung verwendet wird. Es ist die Grundlage dafür, die Technik im Haus zu kontrollieren. Damit kann beispielweise die Klimaanlage geregelt und das Licht je nach Sonneneinstrahlung ein- und ausgeschaltet werden, oder der Herd schon mal das Essen vorwärmen. Man ermöglicht damit Fremdherstellern, eigene Geräte zu entwickeln, die dann über das Home Kit-Protokoll angesprochen werden.

Zur Steuerung setzt Apple neben dem Display auch auf Siri. Wenn man iPhone oder iPad benutzt, und beispielsweise "Ich habe jetzt Feierabend" sagt, könnte automatisch eine Pizza bestellt, die Fenster verdunkelt und der Fernseher angestellt werden.

Wie beim Health Kit geht es Apple darum, die eigenen Standards zu etablieren. Wenn dies gelingt, wären viele bestehende Versuche, Intelligenz in ein Haus einzubauen, wohl obsolet.

Anzunehmen ist, dass Apple sich aber auch das Geschäft mit der Hardware nicht entgehen lässt. Jedenfalls deutet die Übernahme von Beats darauf hin, dass sich im Entertainment-Bereich einiges tun wird. Auch werden die Gerüchte nicht weniger, dass Apple schon längst an eigenen Home-Geräten arbeitet, und diese früher oder später auf den Markt bringt. Das würde auch Sinn ergeben, denn sie hätten dann auch in diesem Bereich eine ähnliche Position wie bei den Computern, Tablets und Phones: Nämlich die Kontrolle über Hard- und Software, was es ermöglicht, beides genau aufeinander abzustimmen.

Und noch eines ist zu beachten: Auch in diesem Bereich versucht Konkurrent Google, sich zu etablieren. Es hat nicht umsonst viel Geld für Nest ausgegeben, das Produkte für das Internet der Dinge im Haus anbietet. Apple wird mit Sicherheit versuchen, dem etwas entgegen zu setzen. Das Geschäftsfeld intelligentes Haus mag nicht so umfangreich sein wie der Bereich Gesundheit, aber es ist immer noch groß genug, um einen Unterschied zu machen.

Swift

Swift ist eine neue Programmiersprache, die - laut Apple - einfacher und schneller als Objective-C ist (der Vorgänger, der weiter benutzt werden kann), und die für den Konzern die Zukunft der App-Programmierung darstellt. Zudem ist sie interaktiver, denn mit der neuen Playground-Funktion kann man auf dem Bildschirm direkt sehen, wie die App reagiert, wenn man den Code verändert.

Swift

Wenn ich mit Programmierern spreche, schätzen die meisten durchaus die neuen Features und freuen sich, mit Swift zu arbeiten. Aber insgesamt ist das Bild differenzierter. Die Idee, eine Sprache mit den Best-Of-Features schon existierender Sprachen auszustatten, ist sicherlich überzeugend. Insofern passt Swift zur Apple-Strategie der leichten Bedienung und des unkomplizierten Einstiegs, was dann auf die Dauer für mehr und qualitativ bessere Apps sorgt. Es ist aber oft so, dass man solche Sprachen zwar leicht lernen, aber nur schwer meistern kann, denn intern sind sie dann doch recht komplex. Zudem haben Programmierer sich mittlerweile an Objective-C gewöhnt und werden die mühsam erlernten Tricks nur ungern aufgeben. Dennoch würde ich sagen, dass Swift sich langsam aber sicher durchsetzen wird, auch wenn es Jahre dauert.

Swift kann jetzt schon benutzt werden, aber die erstellten Apps laufen natürlich erst nach der Installation von iOS 8 (oder OS X Yosemite).

Integration

Integration bedeutet, dass sowohl Anwendungen als auch Daten von mehreren Usern auf unterschiedlicher Hardware genutzt werden können. Integration meint also zum einen Personen (Usergruppen) und zum anderen die verschiedenen Geräte von Apple sowie teilweise auch PCs mit Windows.

Für Anwendungen ist mit den Apple Betriebssystemen iOS 8 und OS X Yosemite (für Mac) eine hardware-übergreifende Zusammenarbeit möglich. Apple nennt es das Handoff Feature, dessen Voraussetzung die Anmeldung der Geräte bei einem iCloud Account ist. Damit können Apps überall und gemeinsam genutzt werden. Beispielsweise kann man mit iPhone ein Musikstück hören, dann das Gerät schließen, und anschließend mit dem iPad an derselben Stelle weiter machen. Telefongespräche müssen nicht unbedingt mit dem iPhone angenommen werden, wenn sich mehrere Apple-Geräte im selben Wlan befinden. Sie können dann auch über das iPad oder den Mac beantwortet werden.

Die Familienfreigabe ist eine Gruppe mit erweiterten Funktionen für bis zu sechs Familienmitglieder. Hier ist es möglich, geräteübergreifend mit mehreren Usern zusammen zu arbeiten. Man kann beispielsweise mit einer einzigen Kreditkarte Einkäufe in iTunes, iBooks oder App Store durchführen, und diese dann teilen, sodass sie von allen genutzt werden können. Eltern können direkt auf dem Gerät ihr Einverständnis erklären, wenn die Kinder sie fragen, ob sie Geld ausgeben dürfen. Auch Dinge wie Fotos, Kalender, Standorte und weitere Daten können geteilt werden. Passwörter oder Apple IDs sind dafür nicht nötig.

Die Daten, die im iCloud Drive gespeichert werden, stehen auf jedem damit verbundenen Apple-Gerät (auch Mac mit OS X Yosemite) und PC (ab Windows 7) zur Verfügung. Das gilt ebenfalls für Fotos und Videos, die sich ebenfalls in der Cloud befinden und mit der Foto-Mediathek verwaltet werden. Auch hier kann man von jedem System (iPhone, iPad, iPod Touch oder über das Web) darauf zugreifen und sie bearbeiten. Das neue Entwickler-Tool dafür in iOS 8 ist das Cloud Kit.

Für Apple ist die Strategie der Integration wohl eher ein Must-Have-Feature, von dem man sagt, endlich können sie es auch. Hier sind sie den Konkurrenten nicht voraus. Aber es passt - so wie Swift - ebenfalls zur Apple-Strategie der leichten Bedienung und des unkomplizierten Einstiegs.

Das Update

iOS 8 kostet nichts und ist einfach zu installieren. Insofern muss man keine Empfehlung abgeben, denn fast alle User werden das Update durchführen, auch wenn man die neuen Features nicht unbedingt braucht. Man bekommt mehr Sicherheit, eine noch leichtere Bedienung und - nach einiger Zeit - die neuen Apps. Für Entwickler ist die neue Version auf jeden Fall unentbehrlich. Und das alles passt wieder zur allgemeinen Apple-Strategie.

Dr. Ralf Wienken ist technischer Redakteur. Er ist verantwortlich für den Bereich technische Kommunikation der X-info Wieland Sacher GmbH. Ein wichtiges Arbeitsgebiet des Unternehmens ist die Entwicklung von "Mobile Business Applikations“. 

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