<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

24.04.08

Interview mit Nick Carr, Teil 2: Gefangen im Netz

Technologie-Kritiker Nicholas Carr über den Aufbau der Computer-Kraftwerke von Morgen und ihre unangenehmen Ausstrahlungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

Interview: Steffan Heuer

Steffan Heuer verfolgt als USA-Korrespondent des deutschen Wirtschaftsmagazins brand eins in San Francisco Innovationen rund um Ökonomie und Technologie. Er konzentriert sich auf Themen an der Schnittstelle von alter und neuer Wirtschaft.

Seine Berichte und Analysen erscheinen ausserdem regelmaessig in der MIT Technology Review Deutschland und in The Economist.

Steffan blogt unter humaneskapital.typepad.com

Teil 1 des Interviews hier

Wie wird dieser Wandel die Arbeitswelt verändern?

Wer in einer IT-Abteilung arbeitet, kümmert sich vor allem um Routine-Wartungsarbeiten. Diese Jobs werden drastisch reduziert werden oder verschwinden. Dafür gibt es künftig ein paar wenige Experten, die Kapazität mit den Versorgern aushandeln oder am optimalen Informationsfluss entwerfen. Für viele Angestellte wird sich kaum etwas ändern. Es wird ihnen wie eine natürliche Evolution vorkommen, wenn ihr Umgang mit Software einfacher und flexibler wird. Viele Menschen haben sich an Webdienste schon Zuhause und an der Schule gewöhnt.

Von überflüssigen Technikern einmal abgesehen - glauben Sie, das neue Netz wird massenweise Arbeitsplätze vernichten?

Die Industrialisierung und der Ausbau der Stromversorgung sorgten dafür, dass eine Menge Handwerksjobs automatisiert wurden. Unterm Strich schufen beide Phänomene aber mehr Stellen als sie vernichteten, denn die neuen Fabriken brauchte jede Menge Arbeiter und neue Spezialisten, die als Angestellte Informationen verwalteten. Beim Internet sieht das anderes aus, denn zum ersten Mal lässt sich komplexe Wissensarbeit automatisieren und damit weg rationalisieren. Der Siegeszug des weltweiten Computers schafft keine neuen Job-Kategorien - netto stehen wir vor einem Arbeitsplatzverlust. Unternehmen, ob sie Banken oder Google sind, können online eine massive Zahl von Kunden mit einigen wenigen Mitarbeitern bedienen. Das sollte uns ernsthafte Sorgen machen, denn diese Form der Rationalisierung wird die Mittelschicht noch weiter aushöhlen. Die wenigen Fachleute, die diese globalen Systeme aufbauen und betreiben, werden unglaublich reich, aber sie schaffen nur wenige Arbeitsplätze, um den neuen Wohlstand in die Gesellschaft zu tragen. Je billiger es wird, ins Netz zu gehen, um so mehr wird sich dieser Trend beschleunigen. Damit stehen wir vor einem großen ökonomischen Rätsel: Wo sollen die Jobs der Zukunft herkommen?

Von großen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt einmal abgesehen, welche anderen sozialen und kulturellen Folgen sehen Sie auf uns zukommen?

Ökonomisch und technisch macht dieser Wandel jede Menge Sinn. Aber wenn man sich die Konsequenzen für Gesellschaft und Kultur ansieht, dann birgt dieses neue Modell jede Menge Gefahren, die Befürworter allzu gerne übersehen. Je mehr Daten und Rechenleistung online gehen, desto gläserner werden unsere Leben. Die virtuelle Welt von Second Life besitzt einen passenden Namen, denn wir bauen uns zwangsläufig eine parallele Existenz im Netz auf. Als nächstes wird die Trennung zwischen physischer und Computerwelt verschwinden. Das Handy wird zu einem Netzgerät, das Auto ist bereits ein Computer - und plötzlich makelt dieser weltweite Rechner fast alles, was wir tun, jede Information, die wir abfragen oder selber geben.

Man könnte ebenso gut argumentieren, dass es nur um eine bessere Kommunikations-Infrastruktur geht...

Große Firmen und Regierungen werden immer besser und geschickter darin, diese Informationsflüsse auszuwerten, zu bündeln und zu analysieren, um ein detailliertes Abbild jedes Einzelnen zu erstellten. Früher oder später wird Software uns alle für kommerzielle Zwecke manipulieren. Das passiert bereits in Ansätzen, wenn man sich das so genannte Behavioral Targeting bei der Online-Werbung ansieht, und wir befinden uns erst am Anfang dieser Entwicklung. Ich sehe jede Menge offene Fragen zum Datenschutz und zum "freien Willen", wenn eine gewaltige Maschine jede Entscheidung und jede Bewegung über unser Leben hinweg verfolgt und auswertet...

Das ist ein Horror-Szenario wie in "The Matrix", aber gleichzeitig gibt es erheblichem Widerstand bei Angestellten und Verbrauchern, sich komplett überwachen und auswerten zu lassen.

Insbesondere in den USA sprechen die Leute vom Schutz der Privatsphäre, aber sie halten sich nicht daran, sobald sie online gehen. Die meisten Menschen scheinen kein Problem damit zu haben, ihren Datenschutz gegen Bequemlichkeit oder niedrigere Preise einzutauschen. Um das Potenzial dieses weltweiten Computers auszunutzen, muss man seine Privatsphäre stückweise aufgeben, und dieser Prozess wird sich nur noch weiter fortsetzen.

Könnte eine massive Datenpanne oder ein Einbruch bei einem der großen Anbieter wie Google diesen Vormarsch der großen Maschine stoppen?

Zentrale Systeme sind bedeutend sicherer als PCs und Laptops. Firmen wie Google wissen, welchen Gefahren ihre Rechner ausgesetzt sind und beschäftigten jede Menge Experten, um solche Sicherheitslücken zu finden und zu schließen. Wenn Daten und Programm als Dienstleistung übers Netz fließen, gibt es ironischerweise weniger Angriffspunkte. Jeder Computer wird zu einem relativ dummen Terminal, das sich nicht so einfach kapern und manipulieren lässt. Die Programme und Daten sind hinter Mauern wie das Gold in Fort Knox. Rechenkraftwerke machen aber keineswegs alles sicherer, denn Nachrichtendienste wie die NSA haben bereits Telekom-Schaltzentralen angezapft, und jeder Kriminelle kann diesen weltweiten Computer nach Belieben umprogrammieren. Das beste Beispiel sind Botnets, also Zigtausende von heimlich infizierten und fern gesteuerten Computern.

Die überwiegende Mehrheit der Menschheit hat noch nie einen Laptop oder ein Smart Phone in den Händen gehabt. Was haben die Milliarden armer Menschen vom Computing aus der Leitung?

Das Internet wird zur wichtigsten Infrastruktur für Handel und Wandel. Somit steigen die Opportunitätskosten für Volkswirtschaften, die nicht am Netz hängen. Aber es gibt auch einen positiven Aspekt. Zentralisierte Rechner senken die Zugangskosten für alle Verbraucher, etwa in Indien. Dort kann ich mir einen Rechner samt Anschluss mieten, wie einen Stromanschluss. Ich miete eine Art Terminal samt Software und Netzzugang für eine niedrige Monatsgebühr. Ein Haushalt muss also nicht eine Menge Bargeld auftreiben, um Online zu gehen. Natürlich muss ein Land mindestens die Netz-Infrastruktur aufbauen, und das kostet.

Als die Welt vor rund 100 Jahren auf Glühbirnen umschaltete, tauschten wir gemütlichen Kerzenschein gegen Betriebsamkeit und Hektik rund um die Uhr. Was verliert die Menschheit diesmal in ihrem Pakt mit dem Netz?

Ich sehe diesem neuen System mit einer großen Portion Furcht entgegen. Wir neigen dazu, jede technische Revolution als Fortschritt zu sehen: bequemer, billiger, schneller. Was wir aus den Augen verlieren, ist der Verlust an Lebensqualität. Je mehr wir unsere Daten und unser Leben online verlagern, desto mehr verlieren wir unser Gespür für wirklichen Kontakt mit anderen Menschen und der Natur. Wir riskieren, unseren persönlichen Handlungsfreiraum einzubüßen, denn wir programmieren nicht nur dieses weltweite Netz - am Ende programmiert das Netz uns!

---

Zur Person:

Nicholas Carr, ehemaliger geschäftsführender Redakteur der Harvard Business Review, ist einer der bekanntesten Technologie-Kritiker der USA. In seinem Buch "Does IT Matter?" nahm er den ungebremsten Investitionsboom bei Unternehmens-Rechnern und Software kritisch unter die Lupe. Sein neues Werk "The Big Switch" wägt die ökonomischen Verheißungen eines flächendeckenden Rechner-Netzes gegen ihre weitreichenden gesellschaftlichen Folgen ab.

Carr blogt auf: www.roughtype.com

Das Buch:

The Big Switch. Rewiring the World, from Edison to Google . W.W. Norton & Company, New York 2008. (Affiliate-Link zum Buch)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer