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25.10.12

Internetwirtschaft im Wandel: Duzkultur in Gefahr

Bisher war es in Startup- und Internetkreisen Usus, sich zu duzen. Doch langsam aber sicher scheint sich das "Sie" in die Kommunikation einzuschleichen. Es lohnt sich, bewusst dagegen anzukämpfen.

Duzen oder Siezen?Wer in der Internetbranche und verwandten Industrien tätig ist, der duzt sich - auch wenn man sich zuvor noch nie getroffen hat. Dies galt lange Zeit als unangefochtener Konsens. In der Wikipedia heißt es schön altbacken: "In der Kommunikation per Computer (DFÜ) ist es zumeist selbstverständlich, sich zu duzen, insbesondere für Bereiche, in denen nur junge Leute und Computerfreaks verkehren. In einigen dieser Bereiche gilt das Siezen als eine der stärksten denkbaren Beleidigungen." Da sich in der Startup- und Webbranche alles um die Kommunikation per Computer dreht und ein Großteil der partizipierenden Personen relativ jung sind, war eine Einbürgerung des Duzens auf breiter Front auch im geschäftlichen Alltag von Onlinefirmen die logische Konsequenz.

Viele Jahre wurden wir im Großteil der Mails an die netzwertig.com-Redaktion ebenfalls geduzt. Doch in letzter Zeit stellen wir eine Veränderung fest. Immer häufiger erhalten wir Siez-Mails. Üblich war dies schon immer bei Mails von PR-Agenturen, woran wir uns gewöhnt hatten. Vermehrt aber beginnen auch die Anfragen von Startups mit einem förmlichen "Sehr geehrtes netzwertig.com-Team" oder "Sehr geehrter Herr..." - selbst wenn sie von Gründern kommen, die gerade erst die Universität verlassen haben. Jüngst erhielt ich eine Mail von einem Twitter-Kontakt. Dieser begann seinen Text damit, darauf hinzuweisen, dass er sicherheitshalber das "Sie" verwende, da er sich unsicher war, ob ein "Du" akzeptabel sei. Nun handelt es sich hier lediglich um ein subjektives Gefühl und nicht um eine fundierte Untersuchung dazu, ob das Duzen in der deutschsprachigen Webwirtschaft und angeschlossenen Branchen auf dem Rückzug ist. Allein bin ich mit diesem Eindruck aber zumindest nicht.

@martinweigert Generell wird das Siezen in der Webbranche aber auch mehr. Zumindest empfinde ich es in letzter Zeit so.

— Björn Schumacher (@schumacher_b) October 22, 2012

 

Es ist nachvollziehbar, wenn frischgebackene Jungunternehmer bei der Kontaktaufnahme mit der Mainstreampresse Skrupel haben, die zuständigen Redakteure sofort zu duzen. Wenn in deren Kommunikation nach außen zu 99 Prozent das Sie Anwendung findet, dann empfiehlt es sich für an einer Berichterstattung interessierte Entrepreneure, auf Nummer sicher zu gehen. Wenn sich aber ein Webunternehmer bei uns per Mail vorstellt und mit "Sehr geehrter" beginnt, dann verrät er uns ungewollt, dass wir es nicht mit einem regelmäßigen Leser zu tun haben. Denn diese wissen, dass wir im Dialog mit der Leserschaft das Du bevorzugen - wie in manchen Texten, in den Kommentaren und auf unseren Social-Media-Kanälen (sowohl die von netzwertig.com als auch die privaten der Autoren) ersichtlich wird.  Peinlich wird das Sie in solchen Mails, wenn sie mit einem Lob für unsere "regelmäßig guten Artikel" beginnen.

Ich bin der Meinung, dass es sich lohnt, sich bewusst für die Fortführung der Duzkultur in Startupkreisen einzusetzen. Und dazu gehört eben nicht nur die Verfahrensweise bei der internen Kommunikation - und in den meisten Jungunternehmen gilt natürlich weiterhin uneingeschränkt das Du - sondern auch beim Austausch mit anderen Akteuren der Branche, seien es im Netz beheimatete Kooperationspartner, Dienstleister, Veranstalter, Business Angels, Investoren oder Berichterstatter.

Die Siez-Frage schafft mentale Kosten

Die Frage des Duzens und Siezens schafft mentale Kosten, sie erfordert es, dass man sich Gedanken darüber macht, welche Anrede in welcher Situation mit welcher Person passend ist. Es entsteht eine Unsicherheit über die korrekte Verhaltensweise. Ergreift einer von zwei Gesprächs- oder Mailpartnern nicht sofort die Initiative, zum Du überzugehen, kommt es entweder zu unbehaglichen und unpraktischen Zwischenlösungen, bei der sowohl das Du als auch das Sie vermieden werden, oder man landet unweigerlich beim Sie - das zwar höflich wirkt, aber das beste Mittel ist, um eine in der Webbranche mit ihrer Unkonventionalität und Spontanität vollkommen kontraproduktive Distanz aufzubauen.

Siez-Kultur baut sinnlose Distanz auf

Der Erfolg von Startups basiert auf guten Ideen, die beim inspirierenden Austausch zwischen Menschen zustande kommen. Die beim Siezen geschaffene Distanz führt zu Bürokratie durch fehlendes Vertrauen und baut unnötigerweise Mauern zwischen Personen auf, deren nicht durch sprachliche Verhaltensregeln behinderter persönlicher Dialog in Ideen gipfeln könnte, welche die Welt verändern. Wer einander siezt, nimmt automatisch eine förmlichere Haltung ein, mit allen Barrieren, die dadurch aufgebaut werden - sei es nur, für jede experimentelle Mini-Kooperation einen mehrseitigen Vertrag aufsetzen zu wollen, als sie einfach mal formlos zu testen.

Es mag Alltagsbereiche geben, in denen die Distanz des Siezens sinnvoll ist (ich bezweifle dies, aber verstehe, dass man dazu unterschiedlicher Ansicht ist). Für die Webbranche aber existieren schlicht keinerlei Vorteile dabei, dem Siezen zuviel Raum zu geben. Im Gegenteil: Es wäre ein weiterer Standortnachteil gegenüber dem in puncto Startupkultur ohnehin schlagfertigeren angloamerikanischen oder auch skandinavischen Raum.

Ich werde im Netzkontext - online wie offline - auch weiterhin bewusst duzen, sofern ich nicht ganz große Bedenken dabei habe, wie das beim Adressaten ankommt, und sofern nicht das Alter oder ein eine besondere Höflichkeit erfordender Status der vor mir stehenden Person doch zum Sie drängen. Je mehr Leute nach dieser Prämisse verfahren, desto sicherer können wir sein, dass wir auch noch in einigen Jahren in der Webwirtschaft von der entspannten, einen hervorragenden Nährboden für unkonventionelle, neuartige Ansätze bietenden Duzkultur profitieren können, und nicht die Mehrzahl unserer Mails mit einem hölzernen "Sehr geehrte(r) Herr/Frau..." beginnen müssen.

Welche Erfahrungen habt ihr zum Thema gemacht?

(Foto:Flickr/BitchBuzz, CC BY 2.0)

 

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