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14.05.10

Euro-Startups und Stereotypen: Die alte Leier von der deutschen Effizienz

Deutsche wären effizient und in Südeuropa gäbe es gute Designer, so Internetinvestor Stefan Glänzer auf der Next Conference. Doch sind solche Klischees hilfreich, um eine international einflussreiche, europäische Webwirtschaft zu schaffen?

Internetinvestor Stefan Glänzer versuchte am Mittwoch auf der Next Conference, Optimismus zu verbreiten. Unter dem Motto "Stop complaining - Let's build kick ass companies out of Europa" ("Lasst uns ausgezeichnete europäische Firmen bauen, statt uns zu beschweren") ging es dem in London lebenden Deutschen, der unter anderem in das später an CBS verkaufte Social Music Network Last.fm investiert hatte, in einem Vortrag darum, die Stärken der Europäer hervorzuheben und den Mythos der überlegenen US-Startup-Szene zu zerstören.

Während sein Ziel, ein Gemeinschaftsgefühl europäischer Gründer und Investoren zu schaffen und mehr Selbstbewusstsein bei hiesigen Web-Startups anzumahnen, eine Notwendigkeit auf dem Weg zu einer international einflussreichen, europäischen Internetbranche ist, sehe ich die von Glänzer gemachte Empfehlung kritisch:

 

Junge Firmen und Gründer in Europa sollen sich nach Überzeugung von Unternehmer Glänzer an nationalen Qualitäten orientieren. Er rief dazu auf, sich von den in einzelnen Ländern ausgeprägten Stärken inspirieren zu lassen.

Glänzer hob unter anderem die außerordentliche Kompetenz der Italiener und Franzosen im Design-Bereich hervor, um dann auf die deutsche Stärke der Effizienz zu sprechen zu kommen. Der erfahrene Investor nannte als Beweis die äußerst schnelle Adaption des Groupon-Konzepts in Deutschland. In keinem anderen Land Europas wäre das angesagte, vom US-Dienst Groupon eingeführte E-Commerce-Prinzip so effizient umgesetzt worden wie in Deutschland, sagte Glänzer mit Verweis auf die große Anzahl an Groupon-Klonen hierzulande.

Das war der Moment, an dem mir große Zweifel an Glänzers Ansatz kamen, und zwar aus zwei Gründen:

Zum einen ist es in meinen Augen ein großer Unterschied, ob man in Rekordzeit ein in den USA erfolgreiches Startup kopieren kann und dabei Effizienzweltmeister wird, oder ob man auf ähnliche Weise einen völlig neuen, disruptiven Onlinedienst aufbaut. Wer effizient die Erfolge anderer kopiert, ist nicht automatisch genauso effizient beim Bewandern völlig neuer Pfade.

Aber gut, es war ja lediglich ein Beispiel, und Glänzer hat recht damit, dass die Deutschen den Ruf haben, strukturiert und effizient zu sein. Doch auch wenn dieses Klischee in gewisser Weise berechtigt sein sollte, so halte ich es für völlig kontraproduktiv, derartigen nationalen Stereotypen weiterhin eine Bedeutung zuzumessen.

Statt sich selbst nur die Kompetenzen zuzurechnen, die dem eigenen Volk im Rahmen der nationalen Identität und Mentalität schon Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nachgesagt werden, ist es an der Zeit, persönliche Stärken auch in anderen Bereichen zu entdecken. Der neidische Blick auf das angeblich beeindruckende Design der Italiener ist da wenig hilfreich. Auch in Deutschland kann gutes Design entstehen. Und auch in Italien kann effizient gearbeitet werden.

Indem Glänzer uralte Stereotypen anpreist, animiert er Gründer in Europa unbewusst dazu, Entschuldigungen für existierende Unzulänglichkeiten zu finden. Für deutsche Startups darf gemäß dieser Denkweise schlechtes Marketing oder Design toleriert werden, während Gründer in Südeuropa den Mangel an Effizienz und Struktur mit ihrer kreativen Neigung begründen können.

In jedem Land Europas gibt es Menschen mit unterschiedlichsten Qualitäten und Fachgebieten. Die zunehmende Mobilität der Bürger Europas erhöht dies noch. Mängel und Versäumnisse sollten nicht länger durch Herkunft und Mentalität gerechtfertig werden können. Egal ob in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Holland oder einem anderen Land in Europa: Überall gibt es talentierte Entwickler, kreative Designer, gewissenhafte Planer, organisierte Projektmanager, kompetente Vertriebler und fähige, selbstbewusste Marketer.

Ich bin der Meinung, dass Europa dann die besten Chancen hat, die führende Kraft in der globalen Internetwirtschaft zu werden, wenn alte Stereotypen und daraus resultierende Beschränkungen aufgegeben werden und nicht auch in Zukunft noch unser Denken und Handeln begrenzen.

(Foto: Flickr, CC-Lizenz)

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