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21.03.12

Internet der Dinge: Gründer in Deutschland verpassen ihre Chance

Das Internet der Dinge wird real, und Konsumenten stehen immer mehr onlinefähige Hardwarelösungen zur Verfügung, die Alltag und Lebensqualität verbessern. Deutsche Startups scheinen diesen Trend jedoch zu verschlafen.

 

Das aktuelle Jahr markiert den Übergang in eine neue Phase der Vernetzung: Neben herkömmlichen PCs, mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets sowie für spezielle Einsatzszenarien geschaffenen Medienkonsumgeräten mit Internetzugang stehen Konsumenten eine wachsende Zahl von Hardware-Produkten mit Netzverbindung zur Verfügung, die in völlig anderen Bereichen unseres Lebens zum Einsatz kommen sollen.

In diese Kategorie fallen Fitness-Messgeräte wie der Fitbit Ultra-Tracker, das Nike+ Fuelband oder der Schlaf-Tracker WakeMate genauso wie das Blutdruckmessgerät oder die Personenwage von Withings sowie das intelligente Thermostat Nest. Gemein haben sämtlicher dieser Gadgets eine Anbindung an das Web beziehungsweise an mobile Smartphone-Applikationen, wodurch verschiedene neuartige Mess- und Steuerungsfunktionen möglich werden.

Zwei übergeordnete Trends begleiten die Markteinführung derartiger, häufig von jungen, innovativen Startups entwickelten Produkte: Das Internet der Dinge sowie die Selbstquantifizierung. Omnipräsente Drahtlosnetze, günstigere Verfahren zur Herstellung von Sensoren sowie die praktische Anbindungsmöglichkeit an in nahezu jedem fortschrittlichen Haushalt zu findende Smartphones und Tablets ebnen den Weg für diese Entwicklung, die in den nächsten Monaten noch deutlich an Fahrt aufnehmen wird.Deutsche Startups verschlafen den Trend

Doch wieder einmal scheint die deutsche Internetwirtschaft in einem Segment des digitalen Lifestyles hinterherzuhinken. Denn während der Großteil der eingangs genannten Geräte von US-Unternehmen entwickelt wird, ignorieren hiesige Startups dieses zukunftsträchtige Feld am Übergang von Online zu Offline - zumindest, was an Endkonsumenten gerichtete Angebote betrifft.

Nun sei angemerkt, dass auch wir nicht vollständige Informationen über sämtliche in der Entstehungsphase befindlichen Garagen- oder Forschungsprojekte rund um das Internet der Dinge und mit dem Netz verbundener Alltagsgadgets besitzen. Doch derzeit ist uns kein Startup-Vorhaben dieser Art aus Deutschland bekannt, das bereits zu einer größeren Aufmerksamkeit in Branchenkreisen gelangt ist. Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Solar-Ladegerät von Changers, das über eine angeschlossene Onlineplattform verfügt. Da das Produkt aber in erster Linie dazu dient, Smartphones und Tablets mit grünem Strom zu versorgen, passt es nur partiell in die Kategorie vernetzter Gadgets. Zuletzt sorgte das innovative Unterfangen leider mit einem finanziellen Engpass für Schlagzeilen .

Österreich und Schweiz geben den Ton an

Etwas besser sieht es da in der Schweiz und in Österreich aus: Erst kürzlich feierte das Zürcher Startup Koubachi den Marktstart für seinen intelligenten Pflanzensensor. Dieser überwacht eine Reihe von Werten und informiert den Nutzer per Weboberfläche oder iPhone-App über das Wohlbefinden der Pflanze. Ob sich ein derartiges Produkt tatsächlich am Markt durchsetzen kann, steht zwar noch in den Sternen. Aber was momentan zählt, ist die Tatsache, dass sich ein junges Gründerteam überhaupt an eine derartig, das "wirkliche" Leben mit digitaler Technologie verknüpfenden, experimentelle Idee herantraut.

In Österreich haben sogar schon mindestens zwei Jungunternehmen internetfähige Hardware auf den Markt gebracht, die sich der Optimierung eines typischen, bisher analogen Alltagsbereichs widmet: So lancierte die Linzer Sportler- und Trainings-Community Runtastic gerade eine eigene, mit den Onlineservices verbundene Fitness-Hardware.

Und QGate aus Wien vertreibt einen "Mobile Controller", der mit einer beliebigen Steckdose in der Wohnung oder im Büro verbunden wird und die Fernüberwachung und -steuerung verschiedener Heimfunktionen erlaubt, von der Benachrichtigung über eine veränderte Raumtemperatur oder ungewöhnliche Geräusche über die Steuerung von Haushaltsgeräten bis hin zu Informationen über den aktuellen Stromverbrauch.

Das intelligente Haus

QGate versucht mit seinem Produkt, einen der mit besonders hohen Erwartungen belegten Aspekte des Internets der Dinge für sich zu deklarieren, nämlich das intelligente und energieeffiziente Haus. Und diesbezüglich ist nun auch aus Deutschland mit Impulsen zu rechnen: Denn im Sommer soll das System "Smart Connect" der Deutschen Telekom seinen Einstand geben und verschiedene Geräte im Haus über eine spezielle Connect Box vernetzen und fernsteuerbar machen. Aber die Telekom ist eben kein Startup, und noch fehlt eine marktreifes Produkt.

Die Zeiten, in denen wir uns bei netzwertig.com über den Mangel an Einfallsreichtum und Experimentierfreude bei deutschen Gründern beklagen mussten, sind glücklicherweise vorbei. Nicht zuletzt dank des Aufblühens der Berliner Startup-Landschaft, aber auch angetrieben durch die allgemeine Einsicht, dass eine frühzeitige internationale Expansion erstrebenswert ist, existieren mittlerweile eine Vielzahl interessanter und vielversprechender Konzepte zu Online- und Mobile-Diensten, die von aufstrebenden Webfirmen aus Deutschland umgesetzt werden.

Noch ist der Zug nicht abgefahren

Doch die scheinbar vollständige Ignoranz heimischer Entrepreneure hinsichtlich an Konsumenten gerichteter Online-Offline-Produkte mit Hardwarekomponente - die möglicherweise auch auf eine mangelnde Investionsbereitschaft hiesiger Investoren zurückzuführen sein könnte - enttäuscht sehr. Zumal dieser Markt weniger stark von den in Deutschland ausgeprägten Datenschutz-, Sicherheits- und Urheberrechtsbedenken tangiert wird als andere Geschäftsmodelle wie soziale Netzwerke, Cloudspeicherdienste oder Medienangebote.

In manchen Digitalmärkten ist der Zug für deutsche Startups bereits abgefahren. Das Internet der Dinge jedoch steckt noch in den Kinderschuhen. Es bleibt zu hoffen, dass an hiesigen Hochschulen und in Hinterhöfen im Stillen an entsprechenden Produkten und Lösungen gearbeitet wird. Den Luxus, nochmals Nachzügler statt Innovator zu sein, kann sich die einheimische Webwirtschaft nicht leisten.

Sofern ihr entsprechende Projekte kennt, die wir künftig auf unserem Radar haben sollten, freuen wir uns über Kommentare.

(Foto: stock.xchng/4shaws)

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