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14.11.14

Interessenvertretung für ein freies Internet: Warum ich Chrome gelöscht habe und wieder Firefox nutze

Googles Chrome-Browser gewinnt kontinuierlich an Marktanteilen, während Firefox Nutzer verliert. Doch wer an einem freien Internet interessiert ist, das nicht durch kommerzielle Interessen sabotiert wird, müsste sich eigentlich gegen diesen Trend stemmen.

Firefox und ChromeIch habe gestern Google Chrome von meinem Rechner gelöscht und bin nach vielen Jahren zu Firefox zurückgekehrt. Dabei war ich mit Chrome eigentlich rundum zufrieden. Doch ich empfinde es als meine Pflicht, mit meinem Handeln für Vielfalt im Internet sowie gegen eine Einseitigkeit bei den vorherrschenden Interessen einzutreten. Aus diesem Grund war es für mich nicht mehr zu rechtfertigen, trotz adäquater Alternativen auf den Browser des Unternehmens zu setzen, das in der digitalen Welt nahezu überall seine Finger im Spiel hat.

Man muss nicht Julian Assanges Erkenntnisse über die enge Zusammenarbeit von Google und der US-Regierung gelesen oder sich sich den Bericht der Nonprofit-Organisation Public Citizen über Googles unermessliche Datensammelei und parallele politische Einflussnahme (PDF) zu Gemüte geführt haben, um zu verstehen, dass die Schaffung eines allwissenden, allmächtigen Weltkonzerns auf Dauer nicht im Interesse der Allgemeinheit sein kann.

Auch wenn ich Sympathien für Peter Thiels kritische Haltung zur verbreiteten Pauschalablehnung von kreativen Monopolen habe und mich nicht daran störe, dass Google in Ländern wie Deutschland - verdienterweise - einen Suchmarktanteil von über 90 Prozent besitzt - so ist zu viel branchenübergreifende Macht konzentriert in den Händen weniger auf lange Sicht ein Zustand, bei dem man meiner Meinung nach sogar einmal den gesunden Menschenverstand zitieren darf. Und gemäß diesem ist es selten ratsam, zu viel Einfluss auf zu wenig Schultern zu verteilen.

Entscheidung für Vielfalt, nicht gegen Google

Meine Entscheidung contra Chrome ist deshalb eine Entscheidung für Vielfalt und Gleichgewicht, nicht gegen Google. Dies zu betonen, ist mir wichtig, möchte ich es doch vermeiden, in einen Topf mit technophoben Populisten oder aus niederen Motiven handelnden Lobbyisten (wie Springer) zu landen. Mir geht es um das Gemeinwohl der digitalen Gesellschaft. Diese steht seit längerer Zeit unter massivem Druck von einer Reihe kraftvoller, potenter Akteure , die alle nicht über genug Ideale und Anreize verfügen, um das Internet in seiner demokratischen, gleichberechtigten Form um jeden Preis zu verteidigen.

Firefox-Macherin Mozilla ist von den dominierenden Browseranbietern meiner Ansicht nach derjenigen, der am ehesten die Prinzipien des freien Internets verkörpert. Als Stiftung ohne Gewinninteressen ist die Mozilla Foundation schlicht nicht darauf angewiesen, stetig monetäres Wachstum zu produzieren ud die Loyalität und Aufmerksamkeit seiner Anwender konsequent zur Gewinnsteigerung einzusetzen. Dies stellt nach meiner Beurteilung eine gesunde Grundlage dafür da, um als User davon ausgehen zu können, dass Privatsphäre und Integrität besser gewahrt werden.

Firefox schwächelt, Chrome boomt

Leider ist es wahrscheinlich genau das fehlende Profitstreben, das Firefox in den letzten Jahren viel Attraktivität hat einbüßen lassen. Während der Mozilla-Browser jeden Monat ein wenig Marktanteil verliert, wächst Chrome stetig. Kein Wunder: Im direkten Vergleich wirkt der Fuchs etwas altbacken und einen Tick langsamer. Zudem hat Google den Vorteil einer Milliardenreichweite (über sämtliche seiner Dienste und Plattformen gesehen), wodurch selbst subtilste Maßnahmen zum Anpreisen von Chrome die Zahl der Chrome-User erhöhen können. Das direkt mit dem Browser verknüpfte Google-Konto schafft einen zusätzlichen Bequemlichkeitsfaktor.

Allerdings muss man Mozilla zugute halten, dass es sich durchaus anstrengt und an vielen Fronten Innovation voranzutreiben versucht - sei es mit dem mobilen Betriebssystem Firefox OS, mit der Entwicklung einer offenen Kommentar-Plattform for Onlinemedien oder der gerade zum 10-jährigen Geburtstag vorgestellten Entwickler-Version des Firefox. Brandneu ist ein “Vergessen”-Knopf, der mit einem Klick alle Daten löschen soll, die beim Surfen angefallen sind. Das mag am Ende primär eine symbolische Funktion sein, welche die existierenden Möglichkeiten zum Löschen der Nutzungsdaten prominenter platziert. Sie unterstreicht aber die heute deutlicher denn je in den Vordergrund gestellte Positionierung von Firefox als der Browser, bei dem Nutzer-Interessen und die Bedürfnisse der Webcommunity stärker Berücksichtigung finden als bei Chrome, Internet Explorer und Safari.

Der Wunsch nach "Firefox Light"

Was Firefox einfach noch fehlt, ist ein wirklich leichtfüßiger, “ab Werk” optisch zeitgemäß wirkender Browser, der den Wechsel zu Firefox nicht nur zu einer das gute Gewissen stimulierenden Sache macht, sondern der sich auch aus der Perspektive unmittelbarer funktioneller Nutzerbedürfnisse als sinnvoll erweist. Freilich gäbe es mit Chromium eine Open-Source-”Variante” des Chrome-Browsers mit ähnlichem Look & Feel. Doch einmal abgesehen davon, dass meine persönlichen Erfahrungen mit Chromium nicht sonderlich positiv waren, ist am Ende niemand geholfen, wenn sich der unabhängige Browsermarkt immer weiter fragmentiert. Nur ein Schwergewicht ist meines Erachtens nach in der Lage, im Kampf mit den Giganten um die Zukunft des Internets und seiner Nutzer mitzureden. Firefox ist da die einzige Wahl.

Manches spricht gegen Firefox

Es gibt einige Argumente, die dagegen sprechen, Firefox als Retter des freien Internets und Bewahrer einer Rest-Integrität der Nutzer darzustellen, so wie ich es gerade mache. Dazu gehört die Tatsache, dass der Browser fast komplett am Tropf Googles hängt. 2012 waren 90 Prozent der mit Firefox erzielten Einnahmen Provisionen, die bei Google-Suchen über das integrierte Suchfeld generiert wurden. Indirekt ist Mozilla durch die fehlende Diversifizierung der Erlösquellen doch dazu gezwungen, Google zur Seite zu stehen, anstatt es aggressiv anzugreifen (Update: Mit einer erstmaligen Integration von Werbung will Mozilla jetzt eine neue Erlösquelle erschließen; Update 2: Am 19. November 2014 hat Mozilla bekannt gegeben, nach dem Auslaufen des Vertrags mit Google eine Suchpartnerschaft mit Yahoo einzugehen). Hinzu kommt, dass Google als führender Werbevermarkter über seine Dienste AdSense und Doubleclick auch von Firefox-Usern Nutzerprofile anlegen und Daten sammeln kann. Besitzen diese-zudem ein Google-Konto und bleiben dort auch während ihrer Wege im Netz eingeloggt, dann erfährt Google noch mehr. Das stimmt, aber wie ich eingangs erwähnte, habe ich kein grundsätzliches Problem damit. Ich bin froh, wenn mir halbwegs relevante Anzeigen präsentiert werden statt Bauchweg-Gürteln. Es geht mir nicht darum, mich gänzlich Google zu entziehen, sondern um eine Unterstützung der Player, die meine Interessen als User am besten vertreten. Ein anderer Einwand ist, dass durch die Verlagerung der Internetnutzung vom PC zum mobilen Gerät die Karten ohnehin neu gemischt werden. Und da sieht alles danach aus, als dürfte Chrome als Android-Standardbrowser in nicht allzu ferner Zukunft die Spitzenposition übernehmen. Firefox spielt bislang auf mobilen Geräten so gut wie keine Rolle. Firefox OS ist noch zu neu und zielt ohnehin vorrangig auf Schwellenländer ab.

Letzte Chance

Umso wichtiger ist es aber, Firefox und Mozilla als letzte verbliebene Kämpfer für ein freies, nicht allein von Regierungs- und Konzerninteressen gesteuertes Internet in seiner größten Domäne zu unterstützen. Denn nur so gibt man Mozilla die Möglichkeit, sich selbst neu für das mobile Zeitalter zu erfinden. Eine mobile Entwickler-Plattform für Apps, wie sie Twitter mit Fabric jüngst präsentierte, hätte beispielsweise auch Mozilla/Firefox gut zu Gesicht gestanden.

Ohne große Würfe und einige unkonventionelle Schritte bin ich wenig optimistisch, dass Firefox noch eine große Zukunft vor sich hat. Dennoch möchte ich dem Dienst durch meine Rückkehr noch eine Chance geben, den börsennotierten Digitalriesen Paroli zu bieten. Am Ende ist wohl auch mein Schritt nicht mehr als eine Geste. Sie fühlt sich aber richtig an. /mw

Grafik: The-Last-Dragon

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