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07.11.13

In Facebooks Fußstapfen: Twitter geht heute an die Börse

Seit Jahren arbeitet das Unternehmen darauf hin: Twitter geht heute an die Börse. Für Nutzer ist das kein Anlass zum Feiern.

NYSETwitter wagt sich heute an die Börse. Es ist der am meisten beachtete IPO eines Internetunternehmens seit Facebooks Gang aufs Parkett vor anderthalb Jahren. In der Nacht legte das 2006 gegründete Unternehmen aus San Francisco einen Ausgabepreis von 26 Dollar fest. 2,1 Milliarden Dollar soll das ab dem heutigen Tag an der New York Stock Exchange gehandelte Papier der Firma in die Kassen spülen - bei einer Bewertung von 18,2 Milliarden Dollar.

Twitter hat sich in den vergangen Jahren in Erwartung des Börsengangs verändert - meines Erachtens nach zum Schlechten. Aus dem sympathischen, auf einem Plattformgedanken basierenden Microbloggingdienst wurde eine kontrollierendes Medienunternehmen, das versucht, sich irgendwo an der Schnittstelle von Nachrichten, Journalismus, Fernsehen, Promi-Bühne und sozialem Netzwerk zu positionieren. Der einstige Fokus ist verschwunden, heute fischt Twitter in allen möglichen Gewässern, solange es "Eyeballs" und mittelfristig Umsätze in Aussicht stellt. Vine läuft ganz gut, Twitter Music eher nicht, bei TV muss man abwarten . Trotz aller Versuche, im Mainstream zu landen, reicht Twitter mit aktuell 235 Millionen aktiven Nutzern bei weitem nicht an Facebooks Wachstumswerte heran. Anders als der blau-weiße Wettbewerber schreibt die Firma bislang rote Zahlen - auch wenn sie dies durch die Erfindung einer neuen Kennzahl zu verbergen versucht. Summa summarum denke ich, dass der Börsengang aus Sicht von Anwendern und Entwicklern ein bedauernswertes Ereignis darstellt. Andererseits steht außer Frage, dass das Unternehmen unter großem Zugzwang stand, seinen Investoren - die rund 1,16 Milliarden Dollar in den Dienst gepumpt haben - endlich eine Rendite zu bringen. Dass Twitter an die Börse geht oder an einen anderen Netzgiganten veräußert werden würde, war somit unvermeidlich. Für den Dienst selbst sowie seine Anwender muss dies dennoch keine gute Entwicklung darstellen.

Der Börsengang wird dazu führen, dass die Kalifornier nun von Quartal zu Quartal beweisen müssen, trotz der wenig beeindruckenden Wachstumskurve ihre hohe Bewertung zu verdienen. Mit einer fortgesetzten Priorisierung der Monetarisierungsvorhaben bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Nutzer- und Entwickler-Erlebnisses ist daher zu rechnen - auch wenn Twitter wenigstens nicht mehr seit Jahren ungeduldig auf den ROI wartende Venture-Kapitalisten im Nacken hat. Dafür aber wollen die Aktienbesitzer zufrieden gestellt werden.

Dass Twitter die Geldmaschine wird, die die Dimension des Börsengangs impliziert, ohne dabei die Schmerzgrenze der treuen Nutzerschaft zu überschreiten, erscheint mir zweifelhaft. Das von dem Unternehmen antizipierte Interesse für die Aktie signalisiert jedoch: Genug Anleger glauben an das dauerhafte Potenzial des Unternehmens oder zumindest an die Chance, mit dem Papier kurzfristig Gewinn zu machen. Und das ist aus Sicht von Twitter derzeit das einzige, was zählt. /mw

(Foto: A Wall Street street sign is shown on May, Shutterstock)

This is outside the New York Stock Exchange on the night before Twitter goes public. Best of luck, $TWTR. pic.twitter.com/CrrfjaoB8K

— Eli Langer (@EliLanger) November 7, 2013

 

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