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14.03.13

Immer der gleiche hinkende Vergleich: Studie erklärt, Facebook könne es ergehen wie Friendster

Soziale Netzwerke können schnell Nutzer gewinnen, aber sie auch rasant wieder verlieren. Eine Studie der ETH Zürich will am Beispiel Friendster belegen, was auch Facebook drohen könnte. Ein wichtiges Detail fällt dabei unter den Tisch.

StudieHeutzutage nennt sich ja jede nicht representative Befragung von fünf Menschen Studie und wird dankbar landauf landab von den Medien zitiert, erst recht wenn es um deren Lieblingsthemen geht, wie das Internet, Apple oder Facebook. Insofern besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass eine aktuelle Untersuchung von Forschern der ETH-Zürich zeitnah von der Presse aufgegriffen und genüsslich wiedergegben wird. Das Onlineportal der Schweizer Gratiszeitung 20 Minuten macht den Anfang. Kein Wunder, immerhin handelt es sich ja nicht um einen marketinggesteuerten "Bericht" in eigener Sache, wie es bei vielen angeblichen Studien der Fall ist, sondern tatsächlich um eine wissenschaftliche Arbeit. Leider bedeutet dies nicht automatisch, dass der Sinn und Zweck der Untersuchung sinnvoll ist. Im aktuellen Fall muss er in Frage gestellt werden. Abwanderungskaskade

Die Studienverfasser David Garcia, Pavel Mavrodiev und Professor Frank Schweitzer von der Professur Systemdesign im Departement Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich versuchen am Beispiel des einstmals erfolgreichen sozialen Netzwerks Friendster zu belegen, wie sich jedes Social Network in eine Abwärtsspirale bewegen kann, sofern zwei Faktoren gegeben sind: Der Aufwand für das Benutzen übersteigt den Nutzen, außerdem verringert sich die Verknüpfung der User mit ihrer Umgebung.

Die Forscher sprechen von einer Abwanderungskaskade, die etwa durch ein Redesign ausgelöst werden kann, und die dazu führt, dass erst einige wenige Anwender zu einer besseren Alternative umziehen, woraufhin die folgen, die ihre Verbindungen zu den Ausgetretenen verloren haben. Das waren die Gründe für den Niedergang von Friendster, das einstmals 100 Millionen Mitglieder hatte, nach einem Relaunch im Jahr 2009 aber bei der primär in Südostasien angesiedelten Nutzerschaft in Ungunst fiel. Und weil es Friendster so erging, könne gleiches für sämtliche andere sozialen Netzwerke gelten, so die Schlussfolgerung.

Die Forscher ignorieren die Plattform

In der Theorie stimmt das natürlich. Was die Wissenschaftler jedoch in ihre Analyse (Pdf) unter den Tisch fallen lassen, ist die Tatsache, dass Facebook schon lange kein typisches soziales Netzwerk mehr ist. Facebook ist eine Plattform, Friendster war keine Plattform. Diesen Sachverhalt einfach zu ignorieren und aus historischen Entwicklungen vergangener Social Networks Parallelen zu Facebook zu ziehen, ist seit Jahren übliche, aber fragwürdige Praxis - mit dem Unterschied, dass meist der Popularitätseinbruch von MySpace als Beleg für das unveränderliche Schicksale aller Social-Web-Angebote herhalten muss. In diesem Artikel hatte ich den Unterschied zwischen sozialem Netzwerk als Destination sowie einer Plattform erläutert und erklärt, wieso der Vergleich beider Ansätze zu falschen Schlüssen führt.

Die gründsätzliche Erkenntnis der ETH-Forscher ist natürlich korrekt. Sie haben wissenschaftlich belegt, was innerhalb der Internetbranche seit langem als Netzwerkeffekt oder umgedrehter Netzwerkeffekt bezeichnet wird. Es ist zu begrüßen, dass sich auch Wissenschaftler stärker mit diesem im Digitalen eine sehr wichtige Rolle spielenden Phänomen befassen.

Das Problem ist, dass sie in ihrem Report den Fakt außer Acht lassen, dass die Abhängigkeit der Nutzer von Facebook durch die Plattform und die Verknüpfung von Millionen Websites rund um den Globus mit besagter Plattform eine ganz andere ist als die bei sämtlichen Netzwerken der Vergangenheit, und deshalb zu einem Fazit kommen, das in dieser Pauschalität der Komplexität des Themas nicht gerecht wird: "Online Social Networks (OSN), such as Facebook or Friendster, can quickly become popular, but can also suddenly lose large amounts of users."

Ja, Facebook kann theoretisch schnell große Zahlen an Nutzern verlieren. Doch damit das passiert, müssen wichtige Aspekte erfüllt sein, die ausgeblendet werden, wenn man den Dienst auf eine Stufe mit Friendster und Co stellt. Schade, dass diese Erkenntnis seit Jahren einfach stur ignoriert wird. /mw

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