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12.07.08

Im Test: Nebelspalter

Die besten Zeiten des 1875 gegründeten Satiremagazins Nebelspalter sind vorbei. Die Sommernummer zu China zeichnet sich aus durch Kinderwitze, zudem muss man sie als fremdenfeindlich bezeichnen – lustig geht anders.

Im Test: Ausgabe 6/2008, Juli und August 2008.

Allgemeiner Eindruck

Ein Heft, das man von hinten nach vorne liest: Das Titelblatt ist auf der letzten Seite zu finden, das Editorial auf Seite 3, der vorvorletzten, etc. Auf Seite 58 (Seite 3 bei üblicher Zählweise) wird man darauf hingewiesen (genau so, neben einem Fragezeichen):

Aber, aber - was wollen Sie denn hier? Eine China-Nummer, die auf der dieser Seite beginnt? Sie müssen bei diesem Thema offensichtlich ganz von vorne anfangen. Kleiner Tipp: Vorne ist im Reich der Mitte hinten ...

Danke für den unfreundlichen Einstieg, bei so einer arroganten Begrüssung lege ich in der Regel ein Heft gleich weg, aber ich bin ja am testen.

 

Zielgruppe

Auf nebelspalter.ch ist zu lesen:

Das Abonnenten-Profil weist folgende Eckdaten auf: Der Leser ist 30 Jahre und älter, mittlere bis höhere Einkommensklasse, gute Aus- und Allgemeinbildung mit Interesse an Politik, Wirtschaft und Kultur. Menschen, für die Humor und Satire eine Selbstverständlichkeit sind.

Für mich heisst das: Sich selbst als humorvoll empfindende humorlose Beamte, Lehrer, Ärzte, Architekten oder andere Arten von Akademikern und Pensionären zwischen 50 und 95.

Mehr noch:

Die 261'000 Leserinnen und Leser des «Nebelspalter» heben sich mit folgenden Merkmalen vom Durchschnitt der Bevölkerung ab: Sie besitzen einen höheren Bildungsabschluss, arbeiten in einer Führungsposition, engagieren sich politisch, sind Wohneigentümer, leisten gemeinnützige Arbeit, unternehmen organisierte Rund reisen und erholen sich beim Musikhören, Bücherlesen oder Theaterbesuch.

Da glaubt man sofort, dass keiner der Nebelspalter-Leser unter 30 ist.

Anspruch

Nebelspalter.ch:

Der Nebelspalter ist das führende Schweizer Magazin für gute, intelligente Satire in Wort und Bild. In jeder Ausgabe befassen sich profilierte Satiriker, prominente Autoren und professionelle Zeichner auf überraschende, witzige, querköpfi ge und amüsante Weise mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen und Ereignissen. Die älteste regelmässig erscheinende humoristische Zeitschrift der Welt ist mit ihren Satiren und Parodien, Kolumnen und Glossen, Karikaturen und Cartoons ein Muss für Satireliebhaber und ein Genuss für alle.

Titelseite

Frakturschrift weiss in rot: das erinnert an alte Zeiten und an die schweizer Flagge. Ein vor Bambusblättern und angedeuteten chinesischen Schriftzeichen sitzender Panda mit einem Tischtennisschläger mit chinesischer Flagge in der Hand: das erinniert an versammelte Vorurteile über China. Da hätte man auch den gelbhäutigen Chinesen mit Zopf bringen können, der lispelt. Aber der ist ja schon auf Seite 25. Er sagt einem offenkundig nach dem Weg fragenden Lastwagenfahrer (Marco Polo Import - Export): "Einfach die Polyestelstlasse immel geladeaus".

Verlag

Engeli & Partner Verlag, Horn (Schweiz)

Auflage

20.000 Exemplare. Bei Wikipedia findet sich dieser schöne Absatz:

Ende 2005 erschien der Nebelspalter mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren und zählte gemäss der Marktforschungs-Studie MACH Basic 285.000 Leser pro Ausgabe.

Also wird jeder Nebelspalter von 14,25 Menschen gelesen. Keine schlechte Quote, aber: wer kann das für die Wahrheit halten?

Erscheinungsweise

10 mal jährlich.

Seitenanzahl

60

Preis

1 Ausgabe für 9.80 Franken, 10 Ausgaben für 92 Franken.

Preis / Leistungsverhältnis

Mir egal, ich möchte es nicht mal geschenkt.

Onlineauftritt

nebelspalter.ch, mit einem von einigen witzigen Cartoons gefüllten Blog auf der Startseite. Den RSS-Feed der Website habe ich abonniert, leider trudelt aus unerfindlichen Gründen von nebelspalter.ch nur alle paar Monate ein neuer Beitrag ein. Wer will, kann sich für nur 6.80, also für 3 Franken weniger als die Printausgabe, ein PDF einer Ausgabe herunterladen.

Inhalt

Viele Cartoons, erstaunlich viele Texte, von denen viele von China und den bevorstehenden olympischen Spielen handeln. Doch unglücklicherweise sind sie auf besorgniserregend tiefem Kinderwitz-Niveau angesiedelt und dazu mit einer grossen Portion Unkenntnis über die chinesische Kultur ausgestattet. Es ist nicht mal so sehr die Unkenntnis, die anstösst, denn die teilen wir uns mehr oder weniger alle. Es ist das Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-wollen von jeglichen Informationen, die die Stufe des doch sehr gemeinen Vorurteils gegenüber einem fremden Land, einer fremden Kultur überwinden.

Das "Chinesisch für Olympia-Besucher" auf Seite 15 übersetzt "Das haben Sie toll gemacht" mit "Du Su Pa". Oder "Wissen Sie, wo dieses Hotel ist?" mit "Du Wi Sen Wo Turi Sten Ka Sten". Ich glaube, das wäre sogar in einer Kinderzeitschrift peinlich.

Im Heft sind viele Texte zur schweizer Politik, mehrheitlich drehen sie sich um den Bundesrat, der wie Comicfiguren dargestellt wird. Micheline Calmy-Rey ("Wer fliegt nach China?", Seite 37) hört sich an wie abgetippt aus einer Satiresendung des Schweizer Fernsehens:

Isch möschte wieder einmal ganz für misch, mit André und meinen Enggeln zusammen Ferien maschen. Isch abe es einfasch satt, dass misch die albe Schweiz wegen meiner Garderobe gritisiert und mir bei meinen Auslandreisen digtieren will, welches Gopftusch isch wo tragen darf und wo nischt..."

Ich glaube, sowas parodieren Oberstufenschüler auf dem Pausenhof besser.

Highlights

Machen wir es uns einfach. Listen wir einfach die drei Seiten auf, die mich zum Lachen brachten:

1. Der Comic auf Seite 21, bei dem ein Gast in einem chinesischen Restaurant "wir nehmen die 79, die 66 und einmal die 27, bitte" sagt und der Kellner "Macht 172" antwortet. Kein Witz, der stimmig ist, aber in diesem Umfeld ist man ja schnell mal dankbar.

2. Seite 52, vier Comics von Martin Zak

3. Seite 55, vier Comics von Peter Thulke.

Brüller sind aber auch die nicht, doch ok bis gut schon. Dreimal Lachen bei einem Satiremagazin? Das ist definitiv zu wenig. Und ja, vermutlich bin ich es, der humorlos ist. Nun denn.

Lowlights

Wirklich störend ist die Fremdenfeindlichkeit, die durch manche Texte scheint.

Seite 12, Jürg Ritzmann:

Mit dem Essen sind die dort drüben auch nicht so heikel wie die verwöhnten helvetischen Balge. Chinesen essen zum Beispiel Hunde. Oder Fischaugen, manchmal. Sie essen quasi alles, was nicht aus Metall ist oder auf dem Geigerzähler nicht zu sehr ausschlägt.

Eine Satirezeitschrift soll ungestraft verallgemeinern können, klar. Aber wenn man weiss, welchen Stellenwert das richtige Essen in China einnimmt, dann ist dieser Ansatz grundfalsch, eine Verkehrung der Realität.

Der Eindruck, die Chinesen seien das ideale Opfer, um die eigene, latente Fremdenfeindlichkeit auszuleben, lässt mich nicht los. Sie sind weit weg, verstehen die deutsche Sprache nicht und werden mit grosser Sicherheit nichts von diesem Heft erfahren. Wie sich wohl ein Chinese, eine Chinesin, der deutschen Sprache mächtig, nach der Lektüre dieses Hefts fühlt? Verantwortlich gemacht für die Taten einer Regierung, die nicht mal gewählt werden kann, vielleicht?

In einem Fragebogen auf Seite 16 wird nach dem persönlichen Verhältnis zu China gefragt. Je drei Antworten sind zur Auswahl, jene, für die man jeweils nur einen Punkt kriegt, lauten so:

- China ist so weit weg, dass ich mich darum nicht kümmern muss

- Wenn ich einen Chinesen sehe ... kriege ich Angst und haue vor ihm ab

- Wenn ich ein Kleidungsstück im Geschäft auswähle ... kaufe ich es nicht, wenn es aus China kommt

- Meine nächste grosse Reise ... nie, nie nach China, ich möchte nicht ersticken oder vergiftet werden

- Wenn in meine Familie jemand aus China einheiraten sollte, ... ändere ich meinen Familiennamen

- Wenn ein chinesischer Sportler eine Medaille gewinnt, sage ich: "Die Masse machts."

Sex-Appeal

Ich glaube, die Menschheit würde aussterben, wenn alle den Nebelspalter lesen würden.

Fazit

Der Nebelspalter als Satiremagazin scheitert vor allem an sich selbst. Er ist nicht witzig. Und nicht witzig ist er, weil er nicht locker und nicht unbefangen ist. Stattdessen sitzt er auf der Seite der Moralisten. Das ist grundfalsch: Satire, jedenfalls die lustige, ist der natürliche Feind von Moralisten. Und wendet sich somit gegen Verlogenheit, Heuchelei, Anbiederung aller Art. Das ist nicht der Fall, wenn eine Zeitschrift vom hohen Ross einer (den Schreibern) in den Schoss gefallenen Demokratie die Menschen eines Staats niedermacht, die ebenso unschuldig sind an ihrer, durchaus kritikablen Führung.

Zukunft

Erscheint das Heft weiter in dieser Form, so wünsche ich mir, dass es keine Zukunft hat und irgendwann eingestellt wird. Wiederum wird es immer humorlose Menschen geben, die gerne unterhalten werden, faktisch hat es also eine. Tritt man für den Humor ein, dann kann man sich nur eines wünschen: Redaktion wechseln, neu anfangen.

Bewertung

1/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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