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26.08.08

Im Test: Men's Health

Men's Health wird seinem Namen gerecht und kümmert sich schon fast rührend um die Gesundheit seiner Leser. Wir testen das Männermagazin.

Men's HealthIm Test: Ausgabe 9/2008, September 2008.

Allgemeiner Eindruck

Ein Magazin, das sich ganz den Männern und ihrer Gesundheit verschrieben hat. Wer annimmt, echte Männer seien die, die auch mal bis zum Hals im Dreck stehen, liegt sicher richtig; doch Leser von Men's Health informieren sich offenbar auch gerne drüber, welche Krankheiten sich dabei holen können. Das ganze Magazin scheint ein Spagat zu sein zwischen zwei divergierenden Sehnsüchten: Dem nach grenzenlos wilder Unvernunft und dem nach grenzenlos wehleidiger Hypochondrie, beides bekanntlich herausragende männliche Eigenschaften. Letztere scheint zu überwiegen - oder wie soll man es deuten, wenn in einem Artikel über Sex am Strand davor gewarnt wird, dass schon ein einzelnes Sandkorn Gefahren für Geschlechtsteile birgt?

Zielgruppe

Männer aller Art, die sich gerne als Männer fühlen. Auf menshealth.de liest sich das so :

Men's-Health-Leser sind jung, gut gebildet und arbeiten in den aufstrebenden Berufen. Diese Männer messen ihren Erfolg immer weniger am Einkommen oder am eigenen Status, sondern zunehmend an der Lebensqualität, dem Wohlbefinden, der körperlichen und mentalen Fitness. Men's Health wird übrigens auch von immer mehr Frauen entdeckt.

Anspruch

In den Auf menshealth.de liest sich das so wird die Men's-Health-Familie so charakterisiert:

In den Magazinen der Men's Health-Familie finden Sie alles Wissenswerte für ein gesundes, ausgeglichenes und optimistisches Leben als Mann. Dazu gehören Themen wie Fitness, Partnerschaft, Sport, Beruf, Reisen, Freizeit und Mode. Unterhaltsam werden Anregungen vermittelt, um persönliche Stärken zu erkennen und auszubauen.

Titelseite

Eigentlich hat das Magazin zwei Titelseiten. Dreht man es nämlich 180 Grad längs, dann sieht man ein Titelblatt des Mode- und Pflege-Specials von Men's Health, auf dem ganz unten "HINWEIS FÜR DEN HÄNDLER: "Bitte mit der anderen Seite nach oben auslegen!" steht. Dieser Guide kommt redaktionell daher, ist aber nichts als eine grosse Modemarkenshow: Energie, Bally, Cos, Blauer, Roy Robson, Henry Cotton's, Diesel, Dirk Bikkemberg Sport Couture, Prada, Cinque, Dolce & Gabbana, Hugo (soweit nur mal die auf Seite 32 inklusive Preise erwähnten Lederjacken-Marken). Aber anders als diese dunkle Seite des Blatts gibt sich die helle Seite unschuldig in weiss, gelb und rot. Fitness scheint etwas überplatziert als Thema: Neben "Top-Übungen für einen flachen Bauch" wird auch "das Workout von Olympia-Star Fabian Hambüchen" und ein "Speed-Workout für Läufer, Schwimmer, Radfahrer" angepriesen. Warum auf Magazinen für Frauen immer Frauen und auf Magazinen für Männer immer Männer auf dem Titel sind, hab bisher nicht verstanden. Vermutlich will sich jedes Geschlecht narzisstisch in sich spiegeln.

Mens HealthVerlag

Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG Verlagsgesellschaft, Stuttgart. Die Redaktion von Men's Health sitzt in Hamburg.

Chefredaktion

Wolfgang Melcher

Auflage

255.087 (Verbreitung 2/2008, gemäss IVW)

Erscheinungsweise

monatlich

Seitenanzahl

165 (115 Heft + 50 Style Guide)

Preis

Deutschland 4 Euro, Österreich 4.50 Euro, Schweiz 8.20 Franken

Onlineauftritt

Auf menshealth.de, wo zum Beispiel vor heimtückischen Fallen am Frückstücksbuffet (Hinterhalte!) gewarnt wird. Gut gefallen hat mir die Bildunterschrift zu Bild 5 in der Bildergalerie: "Sollten Sie weiche Eier bevorzugen, bestellen Sie diese separat". Geklärt werden endlich auch Stellungsfragen im heimischen Badezimmer, natürlich mit einer 61teiligen Bildergalerie zum Thema "Liebesspiele im Wasser", die mit vielen nackten Frauen illustriert werden muss: "Auch die Hündchenstellung ist für die Badewanne geeignet." Gelobt werden dabei muss: Es wird transparent darauf hingewiesen, aus welcher Printausgabe jeder Inhalt neu verwurstet wurde. Zudem sind die Texte sauber abgefüllt, bestechen durch weitgehende Freiheit von Tippfehlern und sind auch noch bei den absurdesten Themen ernsthaft bemüht, informativ zu sein. Sollten Sie beispielsweise vorhaben, 40 Meter unter dem Meeresspiegel sexuell aktiv werden zu wollen, so warnt das Magazin vor einigen Praktiken eindringlich:

Was Sie in 40 Meter Tiefe auf keinen Fall machen sollten, ist Oralsex. Wenn Sie oder Ihre Partnerin dabei aus Versehen Wasser schlucken oder in Atemnot geraten, kann es schnell zu einer panischen Reaktion kommen – dann besteht Lebensgefahr!

Inhalt

Das Heft beginnt mit einem ziemlich grossen "Benefit"-Teil, der die ersten 50 Seiten mit den Themen Ausdauer, Sport, Muskeln, Motor, Partnerschaft, Reise, Technik, Karriere, Abnehmen, Ernährung, Gesundheit und Unterhaltung füllt. Diese Unterressorts sind oben auf den Seiten als Reiter eingefügt.

Auf Seite 32 wird gewarnt vor Komplikationen beim Outdoor-Sex: "Sex im Sand ist nicht ungefährlich! Winzige Kiesel können zu Verletzungen an den Geschlechtsteilen führen", ein Tipp ist aus dem Buch "Orgien für Anfänger". Also auch wenn Orgien das Gegenteil von Kontrolle sind, wird nicht gespart mit prakischen Tipps für Outdoorsex, den Frauen (gemäss einer US-Studie, wer hätte das gedacht) angeblich so lieben: "Allergiker aufgepasst! Sogar im September fliegen noch zahlreiche Pollen durch die Luft (etwa die der Ambrosia-Pflanze)."

Auf Seite 39 erzählt Nikolaj K., wie er von 122 kg auf 87 kg abgespeckt hat. Bester Satz über sein Leben vorher: "Die gemeinsame Zeit verbrachte das Paar grösstenteils damit, zu essen. Die Tochter einer Köchin kochte selbst sehr gut - und viel: Jeden Tag gab es deftige Kost, abends etwa Pizza und Döner, dazu Cola."

Als längere Stücke gibt es ein kurzes, aber doch einigermassen hintergründiges Interview mit dem Turner Fabian Hambüchen. Einen spannenden Beitrag über Gehirnleistungen, der einen aber betreffend seiner Wissenschaftlichkeit etwas unsicher zurücklässt.

Einen von mehreren Redakteuren geschriebenen Text mit dem Titel "Sex in jeder Beziehung", der (nicht im negativen Sinne) um einiges bodenständiger ist als auf der Titelseite angekündigt ("Der Sex-Planer: Mit welcher Lust-Strategie Sie heute bei ihr landen"). Und einen schön illustrierten Artikel über das Frühstück, der Beginn einer bis Dezember fortgesetzten Serie über Mahlzeiten.

Highlights

Die Leserbriefseite. Dass man Männer überhaupt zum schreiben bringt, ist schon ein Erfolg, auch wenn etwas nachgeholfen wurde, denn der "Brief des Monats", in dem Sven H. erzählt, wie er Mini-Workouts machte, als er bei der Geburt seiner Tochter im Kreissaal fast verzweifelte, wird mit einem Wäschetrockner im Wert von 1.200 Euro entlöhnt.

Geht das jeden Monat so, ist es also kein Wunder, wenn Männer echte Briefe schreiben. Und die sind dann auch um einiges besser zu lesen als die doch sehr unglaubwürdigen Leser-Lobenshymnen, wie sie beispielsweise in der deutschen Vanity Fair abgedruckt werden.

Reagiert wird auf Briefe auch. Auf die Frage von Jens K., ob der Geschmackstest der Grilsossen eigentlich nach einem Saufgelage absolviert wurde, denn die Edeka-Sosse sei nicht so übel, als dass sie auf dem letzten Platz landen müsse, antwortet die Redaktion: "Übel ist die Zigeunersosse nicht - aber künstlich, dünnflüssig, schwer verdaulich."

Lowlights

Der ins Heft eingebaute "Guide to Style", bei dem offensichtlich Werbung und redaktioneller Inhalt vermischt wird. Sonst sind mir keine offensichtlichen Lowlights aufgefallen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das Lowlight darin besteht, dass die einzelnen Ausgaben von Men's Health einander gleichen wie ein Ei dem anderen.

Sex-Appeal

Recht hoch, was überrascht, da fast keine Frauen im Heft sind. Männer, Männer, Männer, so weit das Auge reicht. Etwas homoerotisch wirkt das schon.

Fazit

Men's HealthDas Heft könnte Focus heissen, denn es strotzt von Fakten, Fakten, Fakten, die gerne in Häppchen serviert werden. So erfahre ich Dinge, die ich noch nicht weiss, zum Beispiel auf Seite 93: "Instant-Rotwein ist nicht ganz so vollmundig wie echter Wein, aber recht fruchtig (Alkoholgehalt: 8%). Zubereitung: Pulver in 200 Milliliter Wasser rühren, 5 Minuten stehen lassen."

Während der Focus mit seinem bald 72jährigen Chefredakteur und seinen Lesern längst im Rentenalter angekommen ist, wirkt Men's Health doch etwas jünger. Es ist ein Heft für den bodenständigen, vielleicht karrierebewussten, eher nicht so künstlerisch veranlagten Mann, der viel Wert auf Hygiene, Gesundheit, Schönheit, Wellness legt. Ein Geniesser, der sich in seiner Freizeit lieber unterhalten lässt, als sich vom Spiegel über Innenpolitik oder vom Focus über Steuerfragen aufklären zu lassen.

Ein Mann, der sich noch einen Rest an Sturm und Drang bewahrt hat, doch unweigerlich auf die besten Jahre zugeht. Ein Mann, der sich beim Lesen lieber entspannen möchte, aber dennoch keinen völligen Blödsinn lesen würde. Also vielleicht der Versicherungsberater, 42, mit gutaussehender Freundin, der zweimal die Woche ins Fitnessstudio geht?

Men's HealthHergestellt ist das Heft (und auch die Website) auffallend sorgfältig. Inhaltlich ist es solide - keine Meisterwerke, aber auch kein Blödsinn. Vieles ist sehr konkret, was Männern, die gerne Fakten konsumieren, doch sehr entgegenkommt. Tipps werden so rübergebracht, dass es Männern nicht peinlich sein muss, sie anzunehmen. Was etwas verstört, ist die Tendenz, jeder auch noch so abseitigen Lebenssituation einen Bezug zur Gesundheit zu geben - wiederum ist das ja nichts mehr als Titel und Motto des Hefts.

Zukunft

Auch wenn die Auflage seit Jahren mehr oder weniger stagniert, sind die Aussichten gut. Der Trend zu immer mehr Männern, die sich für ihr Aussehen und für ihre Gesundheit interessieren, ist ungebrochen. Und da Männer noch nicht emanzipiert genug sind, sich in der Umkleidekabine des Sportvereins gegenseitig Tipps zu geben, wie man sich die Brust rasiert, wird Men's Health gekauft und gelesen werden. Falls mann sich dabei nicht schämt.

Bewertung

7/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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