<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

15.02.09

Hype mit Substanz: Warum Twitter nicht Second Life ist

Twitter hat seine bisher umfangreichste Finanzierung erhalten, und das, ohne aktiv nach neuem Kapital gesucht zu haben. Trotz fehlendem Geschäftsmodell ist dies nachvollziehbar. Kaum ein Webdienst hat derartiges Potenzial. Und Vergleiche mit dem kurzen Second-Life-Hype sind falsch.

Erneut kann sich Twitter über eine Kapitalspritze freuen. Der beliebte Microbloggingdienst wurde in einer dritten Finanzierungsrunde mit zirka 35 Millionen Dollar versorgt - und das laut eigener Aussage, ohne aktiv nach frischem Geld gesucht zu haben. Die in das 2006 gegründete und heute 29 Mitarbeiter zählende Startup aus San Francisco insgesamt investierte Summe übersteigt damit die 50-Millionen-Dollargrenze.

Lange Zeit war ich skeptisch, was den Hype um und die mutigen Kapitalinfusionen von VC-Gebern in den bisher ohne Geschäftsmodell auftretenden Dienst betrafen. Doch mittlerweile habe ich meine Meinung geändert und sehe im aktuellen Investment einen weiteren Beleg für meine Prognose, Twitter hätte das Zeug zum "Next big thing".

Der derzeitige Twitter-Boom, der den Service immer stärker ins Visier klassischer Medien rücken lässt, hat Substanz. Vergleiche mit dem kurzen Second Life-Hype um 2006 hinken stark. Dient die virtuelle Welt primär der Unterhaltung und des Zeitvertreibes, bringt Twitter für User eine ganze Reihe von sehr individuellen Mehrwerten mit sich.

Der Zwitscherdienst versorgt Nutzer mit Echtzeitinformationen, eignet sich als Recherche-Tool, macht Personen produktiver, hilft Menschen, mit Kollegen und Freunden in Kontakt zu bleiben, dient der Organisation von Events, ermöglicht die Interaktion zwischen Meinungsführern und ihrem Anhang, kann für Spontanumfragen eingesetzt werden, lässt sich als Marketing- und Kundenbindungstool verwenden... die Aufzählung möglicher Anwendungsszenarien ist lang und variierte je nach eigener Situation.

Twitter revolutioniert die Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen. Erkennen kann dies nur, wer den Service selbst für längere Zeit einsetzt und sich eine nennenswerte Zahl an Folgern erarbeitet hat. An diesem Punkt tritt der Aha-Effekt ein, ab da entfaltet der Microbloggingservice seine ganze Kraft. Erst wer diesen kritischen Moment überschritten hat, kann sich ein fundiertes Urteil über Twitter erlauben. Und die Tatsache, dass es im Prinzip niemanden gibt, der dorthin gekommen ist und anschließend seine Twitter-Nutzung beendet hat, spricht Bände.

Wer wie wir häufig über Twitter berichtet, läuft Gefahr, des unkritischen Hypens bezichtigt zu werden. Gerne würden wir die Zahl der Beiträge über den US-Service verringern. Doch das wäre, wie Mitte des vorigen Jahrhunderts das Aufkommen von Fernsehen oder Kühlschränken zu ignorieren - Entwicklungen, die den Alltag von Menschen grundlegend verändert haben. Twitter ist auf einem guten Weg, dies zu tun.

Mit Premiumservices oder als Infrastrukturanbieter ergeben sich zahlreiche mögliche Geschäftsmodelle, die es gründlich zu evaluieren gilt. Dank der jüngsten Kapitalrunde können sich die Kalifornier Zeit dafür nehmen. Twitter ist weniger als drei Jahre alt - für ein Unternehmen mit revolutionärem Charakter ist das nichts. Die Frage nach dem Geschäftsmodell muss gestellt werden, ja. Eile gibt es jedoch keine.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer