<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

04.04.13

"Home" für Android: Facebook umwirbt Intensivnutzer und Jugendliche

Mit "Home" liefert Facebook einen Android-Launcher für alle, die keine Sekunde der Interaktion und Kommunikation mit ihren Freunden verpassen möchten. Es geht auch darum, die Jugend wieder zu begeistern.

Facebook HomeGelegenheitsnutzer und kategorische Verweigerer verstehen es nicht, aber Millionen Facebook-Mitglieder schauen vielfach täglich, was sich in ihrem Kontaktnetzwerk ereignet. Manche sind regelrecht süchtig. Von den knapp 1,1 Milliarden aktiven Mitgliedern besuchen nach Zahlen vom Januar 620 Millionen das Social Network mindestens einmal pro Tag. 157 Millionen nutzen dafür ausschließlich mobile Geräte. In erster Linie für diesen Anwedertypus hat das kalifornische Unternehmen mit " Home " eine neue Benutzerfläche für Android-Smartphones entwickelt, welche die Kernfunktionen des Netzwerks aus der klassischen Facebook-App befreit und auf den Starbildschirm des Mobiltelefons befördert.

Bei Home handelt es sich um einen Ersatz für den Standard-Launcher von Android, der ab dem 12. April als App in der US-Version des Google Play Store für eine Reihe unterstützter Smartphones erhältlich sein wird. Das weltweite Release findet kurz danach statt. Eine Tablet-Version soll in einigen Monaten folgen. Über Partnerschaften mit Herstellern ist der Verkauf von Smartphones mit vorinstallierter Home-Oberfläche vorgesehen. Den Anfang macht das Mittelklassegerät HTC First. Einmal installiert und für den dauerhaften Einsatz beim Starten des Telefons bestätigt, liefert Home anstatt dem herkömmlichen Android-Startbildschirm einen eigenen, aus Newsfeed-Inhalten bestehenden Homescreen. Der sogenannte "Coverfeed" liefert aktuelle Updates und Fotos der Kontakte und erlaubt die Interaktion mit diesen Inhalten, ohne dass Anwender dazu Facebooks Android-App starten müssen.

Chatten aus jeder App heraus

ChatheadsHome verfügt über einen eigenen Applauncher, der in einer optischen Reminiszenz an die Navigation von Path den direkten Zugriff auf Facebooks Nachrichtenfunktion sowie sämtliche herkömmlichen, auf dem Smartphone installierten Android-Applikationen freigibt. Diese erhalten ein eigenes Untermenü und können von dort ganz normal gestartet werden. Eine Besonderheit ist die "Chatheads" genannte Fähigkeit, laufende Facebook Chats sowie SMS-Konversationen fortsetzen zu können, ohne dafür die jeweils gerade geöffnete Android-App verlassen zu müssen. Mittels in kleinen Kreisen positionierter, per Fingergeste verschiebbarer Avatare der jeweiligen Gesprächspartner kann immer wieder zu einer Konversation zurückgekehrt werden, die sich jeweils über die momentan aktive App ausbreitet.

Die von Facebook-Chef Mark Zuckerberg und einigen Mitgliedern aus seinem Team präsentierte Software wirkte in den Screenshots und der Live-Demo optisch sehr ansprechend. Inwieweit Home über den Neuigkeitseffekt hinaus tatsächlich einen Mehrwert besitzt, der aus Anwendersicht eine derartig tiefgehende Integration mit dem Betriebssystem rechtfertigt, lässt sich aus der Ferne nur schwer beurteilen. In meiner durchaus heterogenen Twitter-Timeline dominierte bei Betrachtern des Livestreams ein gewisser Zynismus. Home sehe zwar gut aus und zeige Google, wie eine zeitgemäße Smartphone-Benutzeroberfläche gemacht sein müsse, beantworte aber nicht die Frage, wozu ein in blau-weiß getauchtes Android gut sein soll, außer Facebook noch mehr Aufmerksamkeit seiner User zu schenken.

Spezielle Zielgruppe

Die Schwierigkeit in der Beurteilung des Facebook-Vorstoßes liegt für Beobachter und Journalisten darin, sich nicht vom eigenen Nutzungsverhalten des sozialen Netzwerks täuschen zu lassen. Wer Facebook als notwendiges Übel empfindet und so wenig Zeit wie möglich bei dem Dienst verbringt, gehört - vorerst zumindest - nicht zur Kernzielgruppe von Home. Home richtet sich an Power User. An Menschen, die schon heute jede Sekunde der Smartphone-Verwendung bei Facebook, Instagram, aber auch bei Kontrahenten wie Twitter oder Snapchat verbringen. Digital Natives, Teenager, die gedanklich nicht mehr zwischen online und offline trennen, und für die das Konzept einer portionierten, rationierten Verwendung sozialer Plattformen befremdlich wirkt.

Home kann damit auch als Versuch interpretiert werden, die von dem sozialen Netzwerk laut wiederkehrender Meldungen leicht gelangweilte, aber potenziell hochgradig aktive junge Nutzerschaft bei Laune zu halten und zurückzugewinnen. Facebook Home ist in erster Linie ein Produkt für alle, die nicht in der Lage sind, das virtuelle Band zu ihren Freunden ein paar Minuten oder gar Stunden zu kappen. Davon gibt es mehr als man glauben mag. Sicherlich wird Mark Zuckerberg alles dafür tun, auch traditionellere Nutzungsmuster an den Tag legende Anwendergruppen für Home zu erwärmen. Doch bei diesen wird Ablehnung erst einmal groß sein. Immerhin existieren ja Gründe, warum sie nicht rund um die Uhr bei Facebook verbringen.

Im Gegensatz zu Facebooks jüngsten Produktinitiativen wie Graph Search oder dem neuen Newsfeed handelt es sich bei Home erst einmal um ein Special-Interest-Produkt für Facebook-Mitglieder mit besonders ausgeprägten Interaktions und Kommunikationsbedürfnisen. Man mag derartiges, abhängige Züge aufweisendes Verhalten nicht nachvollziehen können oder es gar für ungesund halten. Aus Sicht des sozialen Netzwerks jedoch spricht alles dafür, diese Nutzer noch enger an sich zu binden. Mit Home kann dies gelingen.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer